Boot Camps Tod im "amerikanischen Gulag"

Sie werden angebrüllt, in Uniformen gesteckt und über Hindernisstrecken gejagt. Redeverbot, Isolationshaft oder Fußketten sollen dafür sorgen, dass aus widerborstigen Teenagern mit Hang zu Drogen und Schulschwänzen fügsame Jugendliche mit den richtigen Idealen werden.

"Sir, yes Sir" lautet die devote Standardantwort der Kids auf Befehle ihrer "Instruktoren". Verbale Ausfälle, Beleidigungen und animalisches Gebrüll im Soldatenjargon sind in amerikanischen Boot Camps an der Tagesordnung. Pummelige Teenager ächzen unter Liegestützen und krabbeln über meterhohe Hindernisse, um die Freude an der "persönlichen Grenzüberwindung" zu erfahren.

Die jugendlichen Normabweichler lernen, Ordnung zu halten, ihr Bett zu machen und brav den Rücken durchzudrücken. Weil die trägen Stadtkinder nicht an Bewegung gewöhnt sind, erleiden einige Kreislaufzusammenbrüche und Schwächeanfälle. Hysterische Ausbrüche ob des plötzlichen Freiheitsentzuges und der rüden Umgangsformen sind keine Seltenheit.

Kein Schritt mehr ohne Drill Instructor: Befehl und Gehorsam von morgens bis abends

Kein Schritt mehr ohne Drill Instructor: Befehl und Gehorsam von morgens bis abends

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Eintrittszeremonie: Egal, ob männlich oder weiblich - als erstes werden die Haare geschoren

Eintrittszeremonie: Egal, ob männlich oder weiblich - als erstes werden die Haare geschoren

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Militärischer Drill als Mittel der Resozialisierung: Ein hoher Prozentsatz der Absolventen wird doch wieder rückfällig

Militärischer Drill als Mittel der Resozialisierung: Ein hoher Prozentsatz der Absolventen wird doch wieder rückfällig

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Befehlsverweigerung, Regelverletzungen und Fehlverhalten werden umgehend bestraft: In gepolsterten Einzelzellen, so genannten "Get-right-rooms", sollen renitente Minderjährige in kompletter Isolation von der Außenwelt zur Vernunft kommen. Mit dem Paddle, einem in Amerika benutzten Schlagholz, versuchen sadistisch veranlagte Camp-Mitarbeiter, den Willen der Kinder zu brechen. Per Schocktherapie glaubt man in einigen Anstalten, den wehrlosen Jugendlichen ihren Hang zur gleichgeschlechtlichen Liebe auszutreiben zu müssen.

Ziel des Boot Camps ist es, den Willen der Gefangenen zu brechen. Wer den Druck nicht aushält, kommt zurück ins Gefängnis.

Ziel des Boot Camps ist es, den Willen der Gefangenen zu brechen. Wer den Druck nicht aushält, kommt zurück ins Gefängnis.

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Im Boot Camp gelten einfache Regeln. Kleinste Vergehen werden hart bestraft.

Im Boot Camp gelten einfache Regeln. Kleinste Vergehen werden hart bestraft.

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Englischunterricht in einem Boot Camp für männliche Jugendliche in Custer State Park

Englischunterricht in einem Boot Camp für männliche Jugendliche in Custer State Park

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Unfähig, verantwortungslos oder naiv? Warum Eltern ihre Kinder in Umerziehungslager schicken


Die Minderjährigen werden mit Einverständnis ihrer Eltern in die so genannten Teen Help Programme gebracht. Üblicherweise unterschreiben die Erziehungsberechtigten vor Eintritt ihrer Kinder ins Camp einen Vertrag mit den Organisatoren, der das Personal autorisiert, für den verabredeten Zeitraum als Agenten der Eltern zu agieren. Ein Freibrief für die Wächter on duty.

Die Motivation, das eigene Kind freiwillig in eine dieser - von Kritikern auch als "amerikanischer Gulag" bezeichneten - Anstalten zu schicken, ist so unterschiedlich wie die Schicksale der Kinder selbst: Von Ignoranz und Hilflosigkeit bis zu dem festen Glauben, nur militärischer Drill und unbarmherzige Disziplin könnten pädagogische Wunder wirken, sprechen die Kommentare der Eltern. Eines jedoch ist nicht zu übersehen: Die Mehrzahl der Erziehungsberechtigten ist schlicht überfordert mit ihrem Nachwuchs und gibt das Problem deshalb in die Hände von angeblichen Spezialisten.




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Dass diese in den Camps tobenden "Experten" häufig weder eine pädagogische noch eine therapeutische Ausbildung besitzen, scheint für die meisten Eltern nicht von Bedeutung zu sein. Es gibt in den Vereinigten Staaten bisher keine einheitlichen und rechtlich verbindlichen Vorgaben, was die Qualifikation des Personals und ihre Arbeit in den rund 400 Boot Camps betrifft.

In einigen Staaten wie Arizona sind Kinder- und Jugendschutzgesetze nur auf jene Umerziehungsprogramme anwendbar, die 12 Monate und länger dauern. Private "Korrekturanstalten", die sich auf sechsmonatige Programme beschränken, erhalten deshalb ohne Probleme eine Lizenz. "Es ist schwerer, einen Angelschein zu bekommen, als ein Lager für Jungs zu führen" bestätigte der demokratische Senator Chris Cummiskey aus Arizona gegenüber der New York Times.

Auf dem Weg der Besserung verstorben - Todesfälle in Boot Camps


Es ist diese gesetzliche Grauzone, die dem Missbrauch von Schutzbefohlenen immer öfter Vorschub leistet. Ehemalige Lagerinsassen berichten von gewaltsamen Übergriffen, sexuellem Missbrauch und menschenverachtenden Züchtigungsmethoden. Und damit nicht genug: Laut Angaben der New York Times sind seit 1980 in elf Staaten mindestens 30 Teenager in Boot Camps ums Leben gekommen.

Der vorerst letzte Fall dieser Art ereignete sich am 1. Juli 2001 in Arizona. Der 14-jährige Anthony Haynes starb in einem westlich von Phoenix gelegenen Boot Camp, nachdem er offenbar stundenlang der intensiven Wüstenhitze ausgesetzt und dazu gezwungen worden war, Sand zu essen. Laut Berichten ehemaliger Beschäftigter des Camps waren Schläge, Tritte und der Befehl, Schmutz zu essen, an der Tagesordnung.

Die Ermittler fanden heraus, dass zwei Männer aus dem Camp den Jungen orientierungslos aufgefunden und in ein Motel gebracht hatten, wo sie ihn in eine Badewanne mit laufendem Wasser gelegt hätten. Als man Anthony später mit dem Gesicht unter Wasser fand, wurde er zurück ins Camp gebracht, weil der Leiter der Erziehungsanstalt, Charles F. Long II, glaubte, der Junge habe seinen Zustand lediglich vorgetäuscht.

Heute hält Mister Long, Mitglied der "America's Buffalo Soldiers Re-Enactor's Association", diesen Vorfall für "tragisch und eine traurige Sache". Er ist allerdings fest entschlossen, seine Camps weiter zu betreiben, und zwar "bis zu dem Tag, an dem ich sterbe".

Teuer und ineffizient: Boot Camps "bringen nichts"


In Deutschland steht man den amerikanischen Erziehungslagern von jeher skeptisch gegenüber. Nicht nur die mögliche Verletzung von Menschen- und Persönlichkeitsrechten steht hier im Vordergrund, sondern auch die Ineffizienz der angewandten Methoden.

Der niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer hat die Entwicklung der Boot Camps in den Vereinigten Staaten verfolgt. "Es gibt ganz klare empirische Beweise dafür, dass Boot Camps überhaupt nichts bringen, sondern lediglich viel Geld kosten", betonte er gegenüber SPIEGEL ONLINE und verwies auf Forschungsergebnisse aus den USA, die dazu geführt hätten, dass sich viele Experten und ehemalige Befürworter der staatlichen Boot Camps völlig von der Idee solcher Erziehungslager abgewandt hätten. "Der militärische Drill erhöht die Anpassungsbereitschaft der Jugendlichen nur vorübergehend. Die Persönlichkeit kann man damit im Kern nicht verändern."

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