Abiturprüfungen in NRW »Junge, benutz doch Wörter, die es im Wörterbuch gibt, du H0nd!«

Schülerinnen und Schüler durften sich in der Abiturprüfung mit einer Kolumne der »New York Times« auseinandersetzen. Deren Autor wird nun zur Zielscheibe von gefrusteten Prüflingen.
Verzweifelt im Abitur: Ein englischer Beitrag sorgt bei deutschen Schülern für Kopfzerbrechen

Verzweifelt im Abitur: Ein englischer Beitrag sorgt bei deutschen Schülern für Kopfzerbrechen

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance/dpa

Der Traum vom Einfamilienhaus in der Vorstadt – für viele Kalifornier ist er zum amerikanischen Albtraum geworden. Nun greift der Albtraum auch in Deutschland um sich: wegen einer ungeliebten Abiprüfung in Nordrhein-Westfalen.

Schülerinnen und Schüler in NRW durften sich in ihrer Englischprüfung kürzlich mit einer Kolumne des »New York Times«-Journalisten Farhad Manjoo auseinandersetzen. Im Meinungsbeitrag »Let's Quit Fetishizing The Single-Family Home«  beschreibt er, warum das Konzept des Einfamilienhauses in seinen Augen veraltet und überholt sei. Doch was meint er mit »little boxes made of ticky-tacky«, »Urban sprawl« und »habitable charms«? Manjoos eloquente Wortwahl wurde für einige der Schülerinnen und Schüler zum unüberwindbaren Hindernis.

»Ich bekomme gerade eine Menge Nachrichten, in denen sie sich entweder für die Eins bedanken...oder sagen, ich hätte ihr Leben ruiniert.«

Journalist Farhad Manjoo

Auf Twitter  beschreibt der verwunderte Journalist (der im Übrigen kein Deutsch spricht), wie die Kommentarspalte seines Instagram-Profils nun von aufgebrachten Deutschen übernommen wurde.

»Von wegen, Abi wird wegen Corona einfacher«

Weil Schulklassen im vergangenen Jahr nur in seltenen Fällen Präsenzunterricht hatten, war im Vorfeld der Prüfungen bundesweit diskutiert worden, sie ausfallen zu lassen – oder zumindest etwas einfacher zu machen.

In NRW war Letzteres in den Augen vieler Schülerinnen und Schüler zumindest nicht der Fall. »Von wegen, Abi wird wegen Corona einfacher«, schreibt ein User auf Majoos Instagram-Profil. Ein anderer greift zu härteren Worten: »Junge, benutz doch Wörter, die es im Wörterbuch gibt, du H0nd!« Dass Manjoo die Abiprüfung nicht selbst organisiert hat und als Adressat für den Zorn nur bedingt taugt, wird von vielen offenbar übersehen.

Dein Artikel hat meine Prüfung gefi**t, danke für nichts.

Ein Twitter-Nutzer

Eine andere Twitternutzerin hebt immerhin hervor: Die vielen englischen Kommentare von genervten Schülern seien doch der Beweis dafür, dass es mit ihrer sprachlichen Bildung gar nicht so schlecht bestellt sei.

Gezwungen wurde indes niemand zu der Aufgabe. Laut Prüfungsordnung  konnten die Abiturientinnen aus drei verschiedenen Aufgaben wählen. Als Reaktion auf die schwere Prüfung wurde am Samstag trotzdem eine Petition  gestartet. Der Wunsch: nachsichtiger bewerten. »Wir fühlen uns als Schüler benachteiligt, als wenn die Pandemie nicht schon genug unseren Lernfluss gestört hätte, werden uns noch weitere Steine auf den Weg gelegt«, heißt es im Text der Petition.

Am Nachmittag hatten diese allerdings erst 170 Menschen unterzeichnet. Aber man wird ja noch träumen dürfen – nicht nur in Amerika.

Update, 25.04.2021, 11.30 Uhr:
Innerhalb von 24 Stunden konnte die Petition der Schülerinnen und Schüler fast 5000 Unterschriften sammeln. Zudem finden sich auch viele positive Stimmen auf den Social-Media-Profilen des US-Journalisten – die den Text und seine Argumentation loben und sich für die wahrscheinlich guten Noten bedanken. Insgesamt legen rund 90.000 Schülerinnen  und Schüler in diesem Jahr ihre Abiturprüfungen in NRW ab. Die Diskussion, inwiefern das unter den durch die Pandemie deutlich erschwerten Bedingungen fair sein kann, wird währenddessen weitergeführt.

sem
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