Alte Abiturklausuren Heute würde ich durchfallen

Für viele Schüler starten in diesen Tagen die Abiturprüfungen. Meine sind mehr als zehn Jahre her. Wenn ich mir die Klausuren heute durchlese, frage ich mich: Wo ist all das Wissen geblieben?
Eine Spurensuche von Katharina Hölter
Katharina Hölter fragt sich: Wo ist nur all das Wissen hin?

Katharina Hölter fragt sich: Wo ist nur all das Wissen hin?

Foto: Petra Hölter / DER SPIEGEL

Wecken Sie mich nachts um drei und ich singe Ihnen die französische Nationalhymne vor. Gerne rezitiere ich auch den Erlkönig. Den engagierten Lehrern Eichenbrett und Müller* sei Dank. Mit Fähigkeit eins konnte ich bei Fußballweltmeisterschaften schon häufig meine Freunde beeindrucken, Fähigkeit zwei kam im Alltag bislang nur selten zum Einsatz.

Wie ich da jetzt drauf komme? Vor lauter Corona-Langeweile putze und räume ich alles auf – vom Gewürzregal bis zum Waschmittelschubfach. Und neulich auch die staubige Kiste mit den alten Schulsachen. Beim Öffnen stellte ich fest: Mein Gehirn ist ähnlich verstaubt.

Ganz oben auf dem Mappenstapel lagen meine Abiklausuren. Aus Nostalgie und um mal wieder etwas Schulluft zu schnuppern, waren meine engste Schulfreundin und ich vor drei Jahren zum Sekretariat gegangen, um sie abzuholen – zehn Jahre nach dem Abitur durften wir das. Wir hatten damals mehr Spaß daran, uns wiederzusehen, als an den Klausuren. Nach einem flüchtigen Blick wanderten die Papiere in die Abstellkammer.

Jetzt aber waren sie eine willkommene Corona-Ablenkung für mich. Ich schlug also die oberste Klausur auf und stellte fest: Ich weiß, dass ich nichts mehr weiß.

So schlau wie damals werde ich nie wieder

Mit 19 Jahren muss die schlaueste Version meiner selbst existiert haben – das Level erreiche ich nie wieder. Auf die Aufforderung, das Ruhepotenzial am Axon einer Nervenzelle zu erklären, schrieb ich damals: »An einem Axon befinden sich zunächst im intrazellulären Bereich positive Kaliumionen K+ und negative Anionen A-. Im extrazellulären Bereich ist positives Na+ und negativ geladenes Cl- zu finden.« Was mir das alles heute sagt? Nichts. 2007 gab es dafür noch ein »gut« im Grundkurs Biologie.

Im Nachhinein bin ich auch sehr beeindruckt, wie ich die Rede Erich Honeckers zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR analysieren, in den historischen Kontext des Jahres 1989 einordnen und beurteilen konnte. Neun handschriftlich verfasste Seiten mit Füllergekritzel habe ich zustande bekommen. Und am Ende das Fazit: »Seine (Anm.: Honeckers) demonstrierte Stärke lässt sich durch die genannten Ereignisse nicht belegen.«

Mit dieser Stelle war der Geschichtslehrer nicht zufrieden

Mit dieser Stelle war der Geschichtslehrer nicht zufrieden

Foto: Petra Hölter / DER SPIEGEL

Klingt immer noch schlau für mich. Mein Geschichtslehrer sah das anders und vermerkte mit rotem Fineliner: »Gedankenführung unklar.« Und schon höre ich ihn wieder über den Schulflur schreiten, den Stapel Klausuren auf das Pult knallen – sein grimmiger Blick hat sich bei mir eingebrannt wie die Bilder vom Mauerfall.

Der Karteikartenstapel im Kopf

Ich stelle mich gern als Forschungsobjekt zum Thema Bulimie-Lernen zur Verfügung: Hunderte Karteikarten mit Daten vom Wiener Kongress 1815 bis zum 11. September 2001 stapelten sich damals in meinem Jugendzimmer und meinen hintersten Gehirnwindungen. Heute arbeitet Google schneller als mein Gedächtnis.

Viele beschweren sich ja über unser Schulsystem und zweifeln daran, ob es wirklich auf das Leben vorbereitet. Sollten wir nicht lieber lernen, wie man eine Steuererklärung macht, als einen Lessing-Text zu analysieren? Lehrt uns die Schule vor allem das schnelle Auswendiglernen und das noch schnellere Vergessen? Ja, ich brauche heute in Job und Alltag wenig von dem, was ich in der Schule gelernt habe. Und ja, außer der französischen Nationalhymne und dem Erlkönig habe ich vieles vergessen.

Was man beim Nörgeln allerdings schnell verdrängt: In der Schule haben wir die Grundlagen für das gelernt, was uns ein Leben lang begleitet – Rechnen, das Einmaleins der Naturwissenschaften oder wie Fremdsprachen funktionieren. Von meiner Englisch-LK-Klausur verstehe ich noch heute (fast) jedes Wort. Meine Mathematik-Kenntnisse reichen vielleicht nicht mehr für eine Kurvendiskussion, aber um Prozente zu berechnen oder Statistiken zu hinterfragen auf jeden Fall. Und die Fotosynthese könnte ich zur Not auch noch grob erklären – aber bitte fragen Sie mich nicht nach Details!

Dass ich Journalistin geworden bin, habe ich auch der Schule zu verdanken

Wir haben gelernt zu lernen. Und unser Gehirn trainiert, damit es auch nach der Schule noch neues Wissen speichern und strukturieren kann. Die neuen Kenntnisse aus Studium oder Berufsleben haben das Alte aus der Schule übrigens nicht zwangsläufig verdrängt. Die Professorin für Lehr- und Lernforschung Ines Langemeyer hat das im SPIEGEL so erklärt: »Unser Gedächtnis ist nur dann begrenzt, wenn es schlecht vorstrukturiert ist, ich also kein sinnvolles System habe, in dem ich Informationen ablegen kann. Ein unstrukturiertes Gedächtnis ist wie ein schlechtes Sieb – vieles rutscht durch, nur weniges bleibt hängen.« Deshalb lohne es sich nicht, punktuell zu lernen, sondern sich umfassend mit Themen auseinanderzusetzen. Vermutlich ist bei mir also das durchs Sieb gefallen, mit dem ich mich nicht nachhaltig auseinandergesetzt habe – die Funktionsweise von Nervenzellen gehört definitiv dazu. Sprachen aber lerne ich heute noch freiwillig.

Vor allem aber haben wir in der Schule unsere Schwächen und unsere Stärken kennengelernt. Die Schülerzeitung und meine Deutschlehrer haben den Spaß an Sprache und Erzählungen in mir geweckt. Dass ich Journalistin geworden bin, ist auch ihr Verdienst. Andere entschieden sich nach der Lehre über Axone an Nervenzellen vielleicht für ein Biologiestudium oder eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin. Und Schauspielerinnen freuen sich vielleicht noch heute, dass sie den Erlkönig aufsagen können.

*Die Namen wurden von der Autorin geändert. Ehemalige Mitschüler*innen wissen vielleicht noch, von dem die Rede ist.

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