Vorsorgen fürs Alter Ich stelle mich der Angst, und zwar jetzt

Ich weiß, dass ich mich schon als Berufsanfängerin um meine Rente kümmern muss. Getan habe ich bisher aber: nichts. Je länger ich warte, desto größer wird mein Unbehagen. Wie komme ich da raus?
Von Imke Wrage
Angst vor Altersarmut: Unsere Autorin will sich ihr stellen

Angst vor Altersarmut: Unsere Autorin will sich ihr stellen

Foto: Lukas Lempke

Die Angst kommt mit der Post. Es ist ein Dienstagmorgen im Mai, ich frühstücke gerade, als der Postbote klingelt und mir einen Brief überreicht. Der kommt von der Deutschen Rentenversicherung und enthält meine Renteninformation. Und die sagt mir: Ich habe ein echtes Problem.

Ich werde bald 30 und habe noch fast nichts für meine Rente getan. Ich habe ein Bachelor- und ein Masterstudium absolviert, Teilzeitjobs und Praktika gemacht, bei einer Tageszeitung volontiert, ein halbes Jahr fest angestellt gearbeitet und mich dann selbstständig gemacht. In meinem Rentenbescheid steht: Arbeite ich bis zum Jahr 2058 weiter auf dem Niveau der vergangenen fünf Jahre, stehen mir bei Renteneintritt 969,93 Euro pro Monat zu, von denen ich noch Steuern  und Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung abführen  muss. Das reicht nicht.

Die Angst vor der Altersarmut

Diese Perspektive macht mir Angst. Und damit bin ich nicht allein: Die GfK hat im Auftrag der Generali Versicherung  gut 1000 Menschen zwischen 18 und 32 Jahren befragt – und herausgefunden, dass sich 65 Prozent von ihnen vor Altersarmut fürchten. Vor allem junge Frauen seien besorgt, die Coronakrise verstärke die Unsicherheit noch, viele fühlten sich nicht gut informiert.

Das geht auch mir so. Von meinen Eltern habe ich kein Finanzwissen geerbt, über Geld und Vorsorge wurde in meiner Kindheit und Jugend kaum gesprochen. Ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Welche Möglichkeiten zur Altersvorsorge gibt es – und welche sind sinnvoll? Wie viel Geld stecke ich monatlich rein? Habe ich überhaupt genug? Meine Ängste lähmen mich. Ich unternehme nichts, verschenke Zeit. Ein Teufelskreis.

Nachdem ich die Renteninformation zweimal gelesen habe, beschließe ich: Damit ist jetzt Schluss. Ich will mich endlich um meine Altersvorsorge kümmern.

Dafür hole ich mir Hilfe von Nicole Lamping. Sie ist Finanzberaterin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen , wo sie Menschen gegen ein Honorar bei Geldanlage, Altersvorsorge und Vermögensbildung unterstützt. Die Existenzsorgen meiner Generation kenne sie gut, sagt Lamping. In den vergangenen Jahren hätten Anfragen von jungen Menschen stark zugenommen.

Den Status quo checken

Wie also sorge ich fürs Alter vor? Ich will direkt in die Finanzplanung einsteigen, doch Lamping bremst mich. »Prüfen Sie zunächst, wo Sie finanziell stehen«, sagt sie. Wie viel Geld gebe ich für Miete, Lebensmittel und Freizeit aus? Sind alle existenziellen Risiken abgedeckt, etwa durch eine Berufsunfähigkeits- und eine Haftpflichtversicherung? Und wofür will ich sparen? »Je mehr Ordnung und Übersichtlichkeit junge Menschen in ihre Finanzen bringen, desto mehr Kontrolle und weniger Angst haben sie«, sagt Lamping.

Tatsächlich habe ich nie ein Haushaltsbuch geführt. Ich war froh, meine Fixkosten decken und mir ab und zu neue Bücher, einen Urlaub oder die schöne Vintage-Kommode gönnen zu können. Nun soll alles auf den Tisch: Kontostände, Versicherungen, Verträge, Einkünfte, monatliche Kosten, größere Anschaffungen, langfristige Wünsche. »Wer weiß, was er hat, weiß auch, wo etwas für später abgezwackt werden kann«, sagt Lamping.

Die Expertin rät mir außerdem, eine Summe von drei bis sechs Nettogehältern auf ein separates Konto zu verschieben, nicht als Reserve fürs Alter, sondern für alles, was im Alltag so schiefgehen kann: ein kaputter Laptop, eine Waschmaschine, die den Geist aufgibt, ein Monat, in dem ein wichtiger Auftrag platzt. Ist das in die Wege geleitet, geht es weiter mit der Altersvorsorge.

Welche Optionen Berufsanfänger:innen haben

Zehn Prozent meines Einkommens sollen künftig in den langfristigen Vermögensaufbau fließen, sagt Lamping, besser 20 Prozent. Nur wie?

Früher ging das mit klassischen Anlagen wie Bausparverträgen oder Sparbüchern. Heute ist das anders: Aufgrund der Null- oder Minuszinsphase bekommen Sparer:innen aktuell so gut wie keine Zinsen mehr. Auch die Riester-Rente oder die betriebliche Altersvorsorge lohnen sich laut Finanzexpertin Lamping kaum noch.

Um für später vorzusorgen, bleiben mir im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Ich kann in eine Immobilie investieren oder Aktien erwerben, also kleine Anteile an Unternehmen.

Das Projekt Eigenheim hat natürlich seinen Charme: ein Vermögen, in dem man es sich gemütlich machen kann, während sein Wert beständig weiter wächst. Doch für mich und viele andere in meiner Generation ist das ein weit entfernter Traum. Kaufpreise schnellen beständig hoch, ohne Erbschaft, Schenkung oder Privatkredit lassen sich Immobilien heute kaum mehr bezahlen. Ich habe solches Startkapital nicht.

Der einfachste Weg in die Altersvorsorge seien deshalb derzeit Aktien, sagt Lamping. Bisher habe ich die für so kompliziert gehalten, dass ich gar nicht erst angefangen habe, mich mit ihnen zu beschäftigen. Kann die Beraterin mir diese Berührungsängste nehmen?

Aktien können hohe Renditen  abwerfen, sind aber auch geprägt von Kursschwankungen und Risiken. Die kann ich bei meiner Rente nicht gebrauchen. Die Expertin rät mir deshalb nicht zu Einzelaktien, sondern zu Aktienfonds. Dort investiert man in ein Aktienbündel, Risiken werden so über viele Aktien gestreut.

Einige dieser Fonds werden aktiv gemanagt, etwa von Fondsgesellschaften. Die beobachten den Kursverlauf, ändern und steuern die Aktienzusammensetzung, prüfen Kennzahlen wie Performance oder maximalen Verlust, spekulieren auf Gewinne – kassieren dafür aber hohe Ausgabeaufschläge und Managementgebühren von den Kund:innen. Oder machen mal Fehler.

ETFs

Um Aufschläge und menschengemachte Fehler zu vermeiden, empfiehlt Lamping mir ein anderes Vorgehen: passives Investieren – und zwar in sogenannte ETFs, kurz für »Exchange Traded Funds«. Ein ETF ist ein börsengehandelter Indexfonds, der sogenannte Indizes abbildet – etwa den Deutschen Aktienindex Dax oder den Weltaktienindex MSCI World. »Man investiert praktisch in Durchschnittswerte«, sagt Lamping.

Passiv zu investieren bedeute außerdem, Kapital langfristig an den Börsen einzusetzen, »unabhängig davon, wie sich der Markt entwickelt« – und zwar nach der sogenannten »Buy and Hold«-Methode (Deutsch: »Kaufen und Halten«). Das heißt: Ich soll die nächsten 15 bis 20 Jahre – besser noch 30 oder 40 – nicht an das Geld rangehen. Egal, ob Börsencrash oder Hochphase: halten und nicht herumspekulieren.

Das Modell sei sehr flexibel, sagt Lamping. Man kann einen Sparplan einrichten und monatlich einzahlen, aber auch pausieren, wenn es finanziell eng wird. Passende ETFs findet man zum Beispiel über justetf  und extraetf,  zwei verbraucher:innenfreundliche Suchmaschinen. Darin kann man Filter anwenden und etwa vorgeben, dass ein ETF nachhaltig sein soll.

Lampings Rat: Der Fonds sollte mindestens drei, besser fünf Jahre alt sein. Und: Für den Vermögensaufbau sollte ein ETF gewählt werden, der seine Gewinne wieder im ETF anlegt, also »thesaurierend« ist.

Bessere Aussichten für die Rente

Was so ein ETF-Sparplan konkret bedeuten könnte, rechnet Lamping mir beispielhaft vor: Stecke ich künftig monatlich 100 Euro in ETFs, die sich stabil im Wert steigern, habe ich in 15 Jahren 18.000 Euro eingezahlt, bekomme aber 34.000 Euro raus. In 25 Jahren sind es 91.500 statt 30.000 Euro, in 35 Jahren 216.000 statt 42.000 Euro.

Über einen sogenannten Entnahmeplan  lässt sich außerdem berechnen, was das später für meine Rente heißt: Abzüglich Steuerabgaben und Inflation blieben mir rund 140.000 Euro Endkapital. Angenommen, ich werde 88 Jahre alt und gehe mit 65 Jahren in Rente, könnte ich mir also 23 Jahre lang monatlich 500 Euro auszahlen, zusätzlich zur gesetzlichen Rente. Das wäre auf jeden Fall eine Verbesserung.

Nach dem Gespräch mit Lamping brauche ich erst einmal eine Pause. Mir raucht der Kopf von all den Zahlen. Dennoch merke ich schon jetzt, dass ich viel ruhiger bin. Die Angst vor der Altersarmut ist nicht komplett verschwunden, aber sie fühlt sich weniger mächtig an. Die Expertin hat recht: Je mehr Ordnung ich in meine Finanzen bringe, je mehr ich weiß, desto kleiner wird die Angst.

Ich habe beschlossen, mich auch künftig weiter von der Verbraucherzentrale begleiten und beraten zu lassen und dafür ein bisschen Geld zur Seite zu legen. Ich will einen Finanzplan für ETFs erstellen. Der Anfang ist gemacht.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes fand sich eine falsch berechnete Netto-Rente, diese Zahl wurde entfernt. Außerdem wurde der Begriff Renteninformation korrigiert.

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