Berufseinstieg als Politikerin »Natürlich geht es darum, die eigene Machtposition zu stärken«

Aminata Touré wurde mit 24 in den Kieler Landtag und mit 26 zu seiner Vizepräsidentin gewählt. Jetzt versucht sie, Politik und Gesellschaft zu verändern – ohne sich selbst zu gefährden.
Aufgezeichnet von Sebastian Maas
Aminata Touré: »Ich muss aufpassen, nicht zu viel von mir preiszugeben«

Aminata Touré: »Ich muss aufpassen, nicht zu viel von mir preiszugeben«

Foto: Alina Schessler

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Aminata Touré, 28, sitzt seit 2017 für die Grünen im Kieler Landtag; Ende August 2019 wurde sie zur Landtagsvizepräsidentin gewählt – als erste afrodeutsche und bundesweit jüngste Person.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Seit der Landtagswahl gibt es schon keine ›normale‹ Arbeitswoche mehr für mich, seit ich Vizepräsidentin bin, erst recht nicht. 2019 hatte ich nur an ganz wenigen Wochenenden frei. Ansonsten war ich fast durchgehend in Sitzungen, Arbeitskreisen, auf Veranstaltungen, in Interviews oder am Telefon. Durch Corona sind nun immerhin die Fahrtzeiten weggefallen. Gleichzeitig kommen viele ungeplante Termine dazu, weil wir in Notsitzungen über den Umgang mit dem Virus verhandeln müssen: Wann gilt die Quarantäne, wann darf man ein- und ausreisen, wann werden die Schulen geöffnet?

Meist fange ich um 8 Uhr morgens an, wenn es schlecht läuft, höre ich um 21 Uhr auf. Wie viele Stunden in der Woche ich arbeite, zähle ich gar nicht mehr.

Früher wollte ich ins Auswärtige Amt, in den Botschaftsdienst. Dafür habe ich Politikwissenschaft und Französisch studiert. Das Politikstudium erschien mir aber bald zu theoretisch und wenig realitätsnah. Ab 2012 engagierte ich mich deshalb nebenbei in der Grünen Jugend, später auch bei Bündnis 90/Die Grünen. Das war spannender, weil es dort um konkrete gesellschaftliche Anliegen ging. Ab 2014 arbeitete ich für eine grüne Bundestagsabgeordnete, erst als studentische Hilfskraft, dann als persönliche Referentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin. Dadurch kam ich auf die Idee, mich selbst zur Wahl zu stellen.

Erst Abgeordnete, dann auch Vizepräsidentin

Vor der Landtagswahl 2017 bewarb ich mich für Platz sieben  der grünen Landesliste und bekam Platz elf. Wir holten zehn Sitze, damit war ich zuerst nicht drin. Meine Fraktionskollegin Monika Heinold legte ihr Mandat allerdings nieder, weil sie Finanzministerin wurde – und ich rückte nach. Als unser bisheriger Vizepräsident dann 2019 ins Europaparlament wechselte, schlugen meine Kolleginnen und Kollegen mich als seine Nachfolgerin vor.

Als Abgeordnete beschäftige ich mich insbesondere mit Antirassismus, Migration, Queerpolitik und Frauenrechten. Dazu führe ich Verhandlungen, schreibe Gesetzentwürfe und verteidige sie im Landtag. Als Vizepräsidentin leite ich außerdem Sitzungen, halte Abstimmungen ab und vertrete den Landtag nach außen.

Dafür werde ich gut bezahlt. Ich bekomme eine gesetzlich vorgeschriebene Diät , in Schleswig-Holstein beträgt sie 8877 Euro brutto im Monat. Dazu kommen 1154 Euro für die Funktion als Vizepräsidentin. Davon gehen natürlich noch Steuern ab, ebenso wie Büromaterial, Fahrtkosten für mein Team und die sogenannte Mandatsabgabe an meine Partei.

Alt gegen Jung?

Als der oder die Neue hat man es nicht unbedingt leicht im politischen Betrieb. Ich hatte zum Beispiel das Gefühl, dass ich nach meiner ersten Rede im Plenum besonders hart von einer Oppositionsfraktion angegangen wurde. Auch in den Arbeitskreisen geht es manchmal sehr rabiat zu. Die sind leider eine Blackbox, aus der man als Wählerin nicht viel mitbekommt.

Mir ist aber gerade die Transparenz wichtig. Auf meinem Instagram-Kanal und im Podcast mit meinem Parteikollegen Lasse Petersdotter will ich zeigen, womit wir uns den ganzen Tag beschäftigen, vom Bürokram bis zur Podiumsdiskussion.

Gleichzeitig muss ich aufpassen, nicht zu viel von mir preiszugeben. Als ich einmal im Dunkeln auf dem Nachhauseweg eine Live-Story aufnahm, meldete sich meine besorgte Mutter bei mir: Es könne ja jeder sehen, wo ich gerade unterwegs sei! Als 2020 viel über die Black-Lives-Matter-Proteste diskutiert wurde, hatte ich dann manchmal selbst das Gefühl, es könnte jederzeit ein Nazi um die Ecke kommen. Inzwischen vermeide ich es, online zu zeigen, wo ich wohne. Und ich lade Storys oft erst mit zeitlichem Abstand hoch.

Überraschend viel Aufmerksamkeit

Vor meiner Wahl zur Vizepräsidentin war ich sehr naiv und dachte, meine Personalie würde maximal den politischen Betrieb in Schleswig-Holstein interessieren. Es war krass zu beobachten, wie viele Menschen außerhalb des Bundeslandes das wahrgenommen haben. Das ist gar nicht unbedingt an mich selbst geknüpft und an das, was ich tue – sondern entspringt vielleicht einfach dem Wunsch nach besserer Repräsentanz in der Politik. Deshalb bin ich auch froh, diese Chance ergriffen zu haben.

Karriere und ein schneller Aufstieg in der Politik sollten in meinen Augen kein reiner Selbstzweck sein. Natürlich geht es darum, die eigene Machtposition zu stärken. Durch meine Rolle als Vizepräsidentin habe ich viel mehr Möglichkeiten bekommen, über die Themen zu reden, die mich beschäftigen – und so Veränderungsprozesse zu starten. Ich sehe meine Aufgabe darin, neue Räume für bisher ungehörte Stimmen zu erkämpfen und mit Betroffenen zu reden, statt nur über sie.

Ich möchte meinen Job aber nur so lange machen, wie ich Spaß daran habe. Es gibt schließlich genug junge, hungrige Menschen, die etwas verändern wollen. Falls mein politischer Weg irgendwann vorbei sein sollte, könnte ich mir vorstellen, für eine NGO oder einen Hilfsverein zu arbeiten. Hauptsache, ich bin weiterhin in Kontakt mit Menschen. Vielleicht würde ich dann sogar in Teilzeit arbeiten – es gibt ja auch schöne Dinge im Leben, die nicht Arbeit sind.«

Wie wird man Abgeordnete?

Volljährige Bürgerinnen und Bürger, die seit mindestens einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und nicht durch einen Richterspruch vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, haben neben dem aktiven  auch das passive Wahlrecht  – also das Recht, gewählt zu werden. Je nachdem, ob man ein Amt auf kommunaler, regionaler, Landes-, Bundes- oder EU-Ebene anstrebt, kann der Weg jedoch einfacher oder schwieriger sein: Auf den höheren Ebenen ist die Konkurrenz in der Regel größer und der Wahlkampf damit aufwendiger und teurer . Denn am Ende entscheiden die Wählerinnen und Wähler mit ihrer Stimme, ob man Abgeordnete wird – oder nicht.

Eine Parteimitgliedschaft ist für eine Wahl nicht zwingend notwendig, sie erhöht aber die Chancen. Oft steigen Politikinteressierte zuerst in der Nachwuchsorganisation einer Partei ein, also etwa bei den Jusos (SPD) , der Linksjugend Solid (Die Linke)  oder der Jungen Union (CDU/CSU) . Dort übernehmen sie Ämter wie Schriftführer oder Schatzmeisterin, halten Reden, bringen Entwürfe auf Parteiversammlungen ein und engagieren sich für ihre Partei im Wahlkampf. So arbeiten sie sich hoch, um sich später selbst auf einen Listenplatz für die Landtags- oder Bundestagswahl bewerben zu können.

Auch Einzelpersonen, neue Parteien oder kleinere Wählergruppen können sich zur Wahl stellen. Politische Gruppen müssen sich dazu innerhalb einer festgelegten Frist beim jeweils zuständigen Wahlleiter mit einer sogenannten Beteiligungsanzeige  melden. Einzelpersonen benötigen eine bestimmte Anzahl an Unterschriften  von wahlberechtigten Unterstützerinnen aus ihrem Wahlkreis.

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