Beschönigen, übertreiben, lügen Wie viel Schummeln im Lebenslauf ist okay?

Annalena Baerbock musste Fehler im Lebenslauf korrigieren, auch andere Bewerberinnen und Bewerber hübschen ihre Vita auf. Was ist erlaubt? Und was geht zu weit? Jobcoach Friederike Christiansen gibt Antworten.
Ein Interview von Helene Flachsenberg
Wer angibt, Schaf zu sein, sollte auch Gras fressen können

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Foto: Kniel Synnatzschke / plainpicture

Vermutlich hätte Annalena Baerbock ahnen können, dass man sich ihren Lebenslauf genau anschauen wird. Schließlich bewirbt sie sich auf den so ziemlich wichtigsten Job, den man in Deutschland haben kann. Dennoch fanden sich in der Vita auf ihrer Website zahlreiche Ungenauigkeiten: So erwähnte die Grünenpolitikerin etwa anfangs nicht, dass sie die Universität Hamburg lediglich mit einem Vordiplom verlassen hatte; eine abgelaufene Mitgliedschaft in einem Beirat wurde als aktuell präsentiert. Ihre Partei muss nun Korrekturen vornehmen und den Schaden auffangen, so gut es geht.

Auch wenn es vielleicht nicht immer gleich ganz Deutschland mitbekommt: Die Kanzlerkandidatin ist mit Sicherheit nicht die Einzige, die in ihrem Lebenslauf Dinge besser aussehen lässt, als sie es in Wirklichkeit sind. Inwiefern gehört Beschönigen bei der Bewerbung dazu – und ab wann gefährdet man damit sogar seinen Job? Job- und Bewerbungscoach Friederike Christiansen gibt Antworten.

SPIEGEL: Frau Christiansen, Sie haben selbst lange als Personalerin gearbeitet. Haben Sie ein Gespür dafür, wann Sie einen unehrlichen Lebenslauf vor sich haben?

Christiansen: Meist merkt man das tatsächlich ziemlich schnell – nämlich dann, wenn sich Widersprüche auftun. Das fängt schon im Bewerbungsschreiben an: Schwärmt jemand im Anschreiben davon, wie sehr er Mathematik liebt, das Schulzeugnis weist aber nur Vieren aus, wird man natürlich hellhörig. Interessant finde ich übrigens auch, wie oft Bewerber:innen schreiben, Schul- oder Klassensprecher:in gewesen zu sein – so viele Klassen kann es gar nicht geben an deutschen Schulen. Gravierender ist jedoch, wenn an zentralen Punkten Unstimmigkeiten auftreten. So geben Bewerber:innen häufig an, auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen geschieden zu sein. Das Arbeitszeugnis spricht jedoch eine ganz andere Sprache.

SPIEGEL: Mit einem widersprüchlichen Lebenslauf kann man sich also schon im ersten Schritt disqualifizieren. Welche Gefahren drohen im Bewerbungsgespräch?

Christiansen: Hat man bei Fähigkeiten oder Tätigkeiten übertrieben, können schnell unangenehme Situationen entstehen. Schreibt eine Bewerberin, sie habe fantastische Excel-Skills, sollte sie die konkrete Frage nach einer Formel korrekt beantworten. Und wer Führungserfahrung angibt, sollte den eigenen Führungsstil glaubhaft beschreiben. Durch Nachfragen finden Personaler:innen schnell heraus, welche Kenntnisse wirklich fundiert sind. Und wenn die nicht mit den Angaben im Lebenslauf übereinstimmen, wirft das ein schlechtes Licht auf die Bewerberin. Als Personaler fragt man sich dann: Wo hat die Person noch gelogen? Und wie geht sie damit um, wenn sie im Job einen Fehler macht? Das kann als Charakterschwäche ausgelegt werden.

Ganz abgesehen davon können falsche Angaben bei der Bewerbung nachträglich einen Kündigungsgrund darstellen. Allerdings muss es sich dabei schon um gewichtige Fakten handeln, einen erfundenen Abschluss zum Beispiel.

SPIEGEL: Fakten wie Uniabschluss und Führungserfahrung sollten auf jeden Fall stimmen – schließlich betreffen sie den Job ganz unmittelbar. Aber wie ist es bei Angaben zu Hobbys oder Engagement?

Christiansen: Auch hier rate ich ausdrücklich von Übertreibungen ab. Denn selbst vermeintliche Kleinigkeiten können einem Bewerber auf die Füße fallen. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie sind Mitglied in einem Tennisverein. Das dürfen Sie in einer Bewerbung durchaus aufführen. Doch dann geben Sie auch noch unwahrheitsgemäß an, dass Sie als Kassenwärtin arbeiten – das klingt schließlich nach Verantwortung, und etwas mit Finanzen ist immer gut. Aber was, wenn ihr Gegenüber im Vorstellungsgespräch selbst Kassenwart ist? Oder gar Mitglied in diesem Verein? Er stellt Ihnen eine scheinbar harmlose Smal-Talk-Frage dazu – und schon fliegen Sie auf. Auch das kann Ihnen zum Verhängnis werden. Wer einmal lügt, dem glaubt man bekanntlich nicht.

SPIEGEL: Manche Angaben sind für Personaler aber ja beinahe unmöglich zu überprüfen, oder nicht?

Christiansen: Das stimmt schon. Dass Sie Ihr Au-pair-Jahr in Neuseeland zwei Monate früher abgebrochen haben, wird eine Firma in Deutschland nur schwer herausfinden können. Dennoch rate ich auch hier zu Ehrlichkeit. Zum einen, weil immer Nachfragen kommen können, die Sie dann ins Schwimmen bringen. Zum anderen, weil es immer auch eine Chance sein kann, über solche Momente im Lebenslauf zu sprechen – weil Sie zeigen können, wie Sie mit einer schwierigen Situation umgegangen sind.

SPIEGEL: Sie raten Ihren Klientinnen und Klienten also durchweg zu Ehrlichkeit?

Christiansen: Ja. Man sollte zu seinem Lebenslauf stehen, auch zu Fehlern, Problemen oder Lücken. Wichtig ist vor allem, dass man reflektiert und etwas gelernt hat. Ist man zum Beispiel nach kurzer Zeit aus einem Job ausgeschieden, kann man sagen: Damals habe ich im Bewerbungsgespräch nicht die richtigen Fragen gestellt – das möchte ich dieses Mal anders machen. Gleiches gilt für ein abgebrochenes Studium: Was lief damals schief – und welche Lehre habe ich daraus gezogen? So lassen sich auch vermeintliche Schwächen als Stärken darlegen.