Monika Sieverding

#OneMoreYear: Appell an Studierende Gönnen Sie sich ein Jahr mehr!

Monika Sieverding
Ein Gastbeitrag von Monika Sieverding
Ein Gastbeitrag von Monika Sieverding
Seit zwei Semestern findet Hochschullehre fast komplett online statt. Mein Rat: Hängen Sie die hinten dran. Holen Sie das nach, was Sie jetzt verpassen – die Präsenzkurse, die Praktika und auch die Partys.
Foto: Lam Luong Dinh / EyeEm / Getty Images

Auch wenn sie in der politischen Debatte kaum vorkommen: Studierende in Deutschland sind in besonderer Weise von den coronabedingten Einschränkungen betroffen. Viele haben finanzielle Probleme, weil sie ihren Nebenjob verloren haben. Die meisten lernen seit zwei Semestern ausschließlich online, für das kommende Sommersemester sind keine wesentlichen Lockerungen zu erwarten. Das heißt: nach wie vor digitale Vorlesungen, Seminare und Prüfungen. Im Gegensatz zu Schulen sind an Universitäten keine Konzepte in Sicht, die zumindest Lehrveranstaltungen in Kleingruppen zulassen. Der Frust ist verständlicherweise sehr groß – übrigens nicht nur unter Studierenden, sondern auch unter uns Lehrenden.

An der aktuellen Situation können wir kaum etwas ändern – aber wir können unsere Pläne anpassen. Im Stressmanagement gibt es eine sehr wirksame Strategie, das kognitive Umstrukturieren. Wenn man eine stressvolle Situation nicht aktiv beeinflussen kann, ist es sehr hilfreich, sie für sich selbst positiv neu zu interpretieren. Wie gehen andere Personen erfolgreich mit dieser Situation um? Was kann ich aus dieser Situation für mich lernen? Was sind mögliche positive Aspekte dieser Situation?

Die Regelstudienzeit wurde verlängert – nutzen Sie das!

Ein positiver Aspekt der Coronapandemie: Die Regelstudienzeit wurde in den meisten Bundesländern um zwei Semester verlängert . Wenn Sie gerade studieren, egal was, egal wo, möchte ich Sie ausdrücklich ermuntern: Nehmen Sie sich diese Zeit!

Gönnen Sie sich ein zusätzliches Studienjahr, um die Begegnungen mit anderen Studierenden und Lehrenden nachzuholen. Nutzen Sie das zusätzliche Jahr, um Auslandsaufenthalte zu machen, um Praktika zu absolvieren, um interessante Lehrveranstaltungen in Präsenz zu besuchen. Nutzen Sie das zusätzliche Jahr für Reisen und auch dafür, die nicht gefeierten Partys nachzufeiern.

Sie werden noch lange genug im Berufsleben tätig sein – vielleicht 40 Jahre? –, es gibt keinen Grund zur Eile. Ich ermuntere Sie nicht, jetzt alles schleifen zu lassen. Es geht lediglich um ein zusätzliches Studienjahr, das Ihnen coronabedingt geschenkt wurde.

Schon vor Corona habe ich Studierenden empfohlen, sich mehr Zeit für ihr Studium zu nehmen – als Maßnahme zur Stressreduktion und zur Erhöhung der Studien- und Lebenszufriedenheit.

Mir ist bewusst, dass die Frage, ob man länger studieren kann oder nicht, auch eine finanzielle ist. Durch die Verlängerung der Regelstudienzeiten ist eine Verlängerung des Studiums zumindest auch mit Bafög möglich. Das löst die finanziellen Probleme nicht, die etwa durch den Wegfall eines Nebenjobs entstanden sind. Doch es ist zu erwarten, dass sich in den kommenden Monaten auch wieder mehr Möglichkeiten eröffnen, um neben dem Studium Geld zu verdienen.

Schon vor Corona habe ich Studierenden empfohlen, sich mehr Zeit für ihr Studium zu nehmen  – als Maßnahme zur Stressreduktion und zur Erhöhung der Studien- und Lebenszufriedenheit. Nach Einführung der Bachelorstudiengänge haben wir in einem Forschungsprojekt an der Uni Heidelberg Stress im Studium untersucht. Wir wollten erklären, warum nach der Bologna-Reform ein so großer Anstieg im Stress bei Studierenden zu verzeichnen war. Und wir konnten zeigen, dass es nicht der Studienaufwand ist, der Stress und studentische Lebenszufriedenheit erklärt, sondern die Dimensionen Anforderungen und Entscheidungsfreiräume.

Es geht darum, Entscheidungsfreiräume zu vergrößern

Wenn die Anforderungen zu hoch sind, weil zum Beispiel zu viele Klausuren und Hausarbeiten in einem Semester geschrieben werden müssen, und die Entscheidungsfreiräume zu niedrig, etwa weil Lehrveranstaltungen und Prüfungstermine vorgegeben sind, ist der Stress hoch und die Studien- und Lebenszufriedenheit niedrig. Wenn man sich mehr Zeit für das Studium nimmt, werden die Anforderungen pro Semester niedriger – und die Entscheidungsfreiräume, was man wann wie studiert, deutlich größer.

Seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge erlebe ich, dass viele Studierende unter einem hohen Druck stehen. Insbesondere einem enorm hohen Druck, das Bachelorstudium mit einer sehr guten Note abzuschließen, um gute Chancen auf einen Masterstudienplatz zu haben. Diesen Notendruck verstehe ich. Es gibt aber auch einen Druck, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen. Und diesen Regelstudienabschluss-Druck verstehe ich nicht.

Wenn Sie sich später bewerben, wird die Tatsache, ob Sie Ihr Studium in der Regelstudienzeit abgeschlossen haben, meist kaum oder auch gar nicht von Bedeutung sein. Viel entscheidender wird sein, was Sie mitbringen – an Interessen, fachlichen und menschlichen Erfahrungen und Qualifikationen. Und an Persönlichkeit. Die Entwicklung dieser persönlichen Ressourcen braucht: Freiräume und Zeit.

Fragen Sie mal Ihre Professorinnen und Professoren, wie lange sie studiert haben. Meine Wette wäre: Kaum eine:r hat in der Regelstudienzeit abgeschlossen. (Bei mir waren es übrigens auch zwölf Semester, bei 9 Semestern Regelstudienzeit.)

Dass die Regelstudienzeit wegen Corona jetzt vielerorts sogar verlängert wurde, ist eine Chance, die so schnell nicht wiederkommt. Nutzen Sie diese Chance! Nehmen Sie sich dieses zusätzliche Jahr. Genießen Sie es.