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studieren AUF DER SUCHE NACH DEM PATIENTEN

DEN MEDIZINSTUDENTEN FEHLT DIE PRAXIS. AUCH DIE GEPLANTE REFORM DER AUSBILDUNG LÄSST NICHT AUF BESSERUNG HOFFEN.
aus UNI SPIEGEL 2/2002

Der Mensch, an dem Medizinstudenten an deutschen Hochschulen ihre ersten Fachkenntnisse erwerben, ist in der Regel tot und riecht nach Formalin.

Im Präparierkurs an den anatomischen Instituten zerlegen angehende Ärzte den menschlichen Körper mit Skalpell und Pinzette in seine Elemente, und am Ende können sie den Namen eines jeden Muskels aufsagen, wissen, wo er am Knochen seinen Ursprung hat und welcher Nerv ihn in Aktion versetzt. Der Präp-Kurs, erklärt der Berliner Anatomieprofessor Gottfried Bogusch, »ist die erste ganz große Hürde im Medizinstudium«.

Die zweite ist das Physikum. In der »Ärztlichen Vorprüfung« nach dem vierten Semester wird in einem Multiple-Choice-Marathon geballtes Wissen in Chemie, Physik, Biochemie, Anatomie und Physiologie abgefragt. Erst wer das Physikum hinter sich gebracht hat, trifft in den klinischen Semestern hin und wieder auf den eigentlichen Gegenstand seines Fachs: den Patienten.

Das Studium der Humanmedizin ist eins der aufwendigsten Fächer an deutschen Universitäten. In kaum einer anderen Disziplin müssen ähnlich viele Prüfungen abgelegt werden, in fast keinem dauert es so lange, bis der Beruf tatsächlich ausgeübt werden kann. Denn nach Physikum, »praktischem Jahr« (PJ) und drei Staatsprüfungen müssen junge Mediziner noch eine zweijährige Tätigkeit als »Arzt im Praktikum« (AiP) absolvieren, gefolgt von einer Ausbildung zum Facharzt, die mindestens vier weitere Jahre dauert.

Eine wirkliche Vorbereitung auf den Beruf findet indes meist erst in der PJ-Zeit statt, wenn die Nachwuchsärzte den Klinikalltag kennen lernen und täglich mit kranken Menschen zu tun haben. Vorher ist der angehende Arzt ganze drei Monate in Krankenhäusern und Arztpraxen zu »Famulaturen« - und ob er da etwas lernt, hängt sehr von den jeweiligen Ärzten ab.

Praxisfern, realitätsfremd und vollgestopft mit unwichtigem Nischenwissen sei die Medizinerausbildung, stöhnen denn auch viele Studenten und junge Ärzte. Zum Studienfrust kommen noch Diskussionen um unzumutbare Arbeitszeiten, um Ausbeutung junger Mediziner durch arrogante Chefärzte im hierarchischen Kliniksystem, um Niederlassungsbeschränkungen und Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen.

Als Halbgott in Weiß treten die Ärzte nur noch in TV-Serien auf, auch wenn sie weiterhin ganz oben auf der Prestige-Skala rangieren - Ärzte genießen vor Pfarrern und Hochschulprofessoren das höchste Ansehen in der Bevölkerung. Wer sich heute als junger Mensch zum Mediziner berufen fühlt, weiß in der Regel, dass zwischen ihm und der ersehnten Oberarztstelle oder der eigenen Praxis ein rigide strukturiertes Studium und viele Jahre harte und vergleichsweise schlecht bezahlte Arbeit liegen.

Das Studienfach ist dennoch gefragt. Knapp 20 000 Bewerbungen zählte die ZVS zum vergangenen Wintersemester, 8000 Studienplätze waren zu vergeben. Doch mehr und mehr Studienabsolventen, beobachtet der Hamburger Radiologe Frank Ulrich Montgomery, sehen sich beizeiten nach alternativen Berufsfeldern um oder wandern ab nach England und Skandinavien, wo die Arbeitszeiten angenehmer sind. »Seit etwa zehn Jahren gibt es da eine ganz dramatische Entwicklung«, sagt Montgomery, der außerdem Chef der Hamburger Ärztekammer und der Klinikärztegewerkschaft »Marburger Bund« ist. Nach der Ärzteschwemme der achtziger Jahre, glaubt Montgomery, drohe nun eher ein Mangel an Heilkundigen.

Für Simon Gröschke, 22, steht die Berufsentscheidung noch lange nicht an. Auf dem Weg zum klinischen Abschnitt hat er immerhin schon mal den Präparierkurs hinter sich gelassen. Gröschke studiert an der Berliner Humboldt-Universität und hat sein zweites Semester vorwiegend in Deutschlands modernstem Präp-Saal verbracht. Über den Präpariertischen aus Edelstahl hängen seit der Renovierung vor rund einem Jahr Filteranlagen, die etwas von dem stechenden Geruch des Formalins schlucken, einer Formaldehyd-Lösung, mit der die Leichen konserviert werden. Die neuen Räume sind so gut klimatisiert, dass der Anatomiekurs an der Charité jetzt auch im Sommersemester stattfinden kann. Die meisten Unis muten ihren Studenten den Formalindunst nur in den kühlen Wintermonaten zu.

»Als am Anfang die weißen Tücher von den Leichen genommen wurden, war mir schon ein bisschen komisch«, erinnert sich Gröschke, »aber man gewöhnt sich eigentlich sehr schnell an den Anblick.«

Dass sie den Aufbau des menschlichen Körpers bis ins kleinste Detail durchdringen müssen, so glaubt Anatom Bogusch, sehen die angehenden Ärzte meist ein, auch wenn sie ein Semester lang zu kaum etwas anderem kommen. »Bei Grundlagenfächern wie Chemie oder Physik fragen die sich schon eher, warum sie das jetzt so genau lernen müssen.«

Den Studenten erschließt sich oft erst nach Jahren, was die Physik-Vorlesung von damals mit Medizin zu tun hatte. »Wenn ich im ersten Semester was über optische Brechung lerne und im zehnten Semester kommt die Augenheilkunde«, kritisiert Medizinstudentin Tina Schweickert, »dann habe ich das doch längst wieder vergessen.«

Schweickert, 24, studiert im achten Semester an der TU München. Zur Zeit verbringt sie ein Gastsemester im niederländischen Maastricht - und sieht, dass es auch ganz anders geht. »Hier lernen die Studenten vom ersten Semester an, Gespräche mit Patienten zu führen«, erzählt die Deutsche, »die haben viel mehr Selbstvertrauen als wir, wenn sie im fünften Semester den ersten Kranken sehen.« Und an den Kliniken »ist sich kein Arzt zu fein dafür, einem Studenten etwas beizubringen«.

Die Medizinerausbildung in Maastricht setzt auf »Problemorientiertes Lernen« (Pol), ein praxisnahes Lernmodell, das allmählich auch an deutschen Unis populär wird. Grundlagen und klinische Anwendung werden dabei von Anfang an miteinander verzahnt und müssen nicht erst nach Jahren des Studiums mühsam verknüpft werden. In Deutschland war die private Uni Witten-Herdecke 1983 die erste - und bis Ende der neunziger Jahre die einzige - Hochschule, die eine reformierte Ausbildung anbot.

Auch in Witten wissen die Studenten nach ein paar Semestern, wie ein Knochen unter dem Mikroskop aussieht und wie die Enzyme des Leberstoffwechsels heißen. Sie wissen aber außerdem, dass man einem aufgeregten Patienten nicht mit lateinischen Fachbezeichnungen kommen sollte und dass die Diagnose meist auch nicht auf der Stirn des Kranken zu lesen ist. Gelernt haben sie das dann - relativ selbständig - in den Pol-Kursen. »Bei Pol erarbeiten wir den Stoff anhand konkreter Fallbeispiele«, erklärt Julia Arfsten, 23, die im fünften Semester in Witten studiert. Etwa an der Patientin Anni König, einer fiktiven Person, von der nur die Krankheitssymptome bekannt sind. Die 76-Jährige ist, so die Beschreibung, auf die Hüfte gestürzt und wird mit starken Schmerzen in die Klinik eingeliefert.

In kleinen Gruppen legen die Studenten selbst fest, was sie aus dem Fall lernen können. Wenn sie sich auf die nahe liegende Diagnose »Oberschenkelhalsbruch« geeinigt haben, stecken sie, unterstützt von einem Dozenten, die Lernziele ab. Anatomie: Aufbau von Oberschenkelknochen und Hüftgelenk; Physiologie: die Knochenheilung; Pharmakologie: geeignete Schmerzmittel für die Patientin; Biochemie: der Knochenstoffwechsel.

Anders als beim unreformierten Medizinstudium, wo streng nach Curriculum in einem Semester die Biochemie durchgekaut wird und in einem anderen die Pharmakologie, muss man bei diesem Lernen auch mal Lücken lassen. Doch dafür trainieren die Wittener Studenten den Blick auf den ganzen Menschen.

»Wer bei uns studiert, bekommt von Anfang an ein sehr klares Bild von der Praxis«, glaubt Wilhelm Vermaasen, als Studiendekan für die Ausbildung verantwortlich. So wird zu Beginn der Ausbildung jeder Student von einem niedergelassenen Arzt aus der Region »adoptiert« und arbeitet jedes Jahr ein paar Wochen in dessen Praxis mit - das schult den Umgang mit den Patienten und sensibilisiert für die Alltagsprobleme des Arztberufs: Ärger mit den Krankenkassen etwa. »In der Medizin geht es nun mal nicht zu wie in einer Arztserie im Fernsehen«, sagt Florian Kipfmüller, 22, Student im fünften Semester, »zum Glück kriegen wir das nicht erst nach sechs Jahren Studium mit.«

Physikum und erstes Staatsexamen entfallen für die Wittener Studenten dank einer Modellversuchsklausel in der Approbationsordnung. Bis 1999 mussten sie sich trotz reformierter Ausbildung den zentralen Prüfungen stellen und wie ihre Kommilitonen an den Staatsunis die Bücher aus der berüchtigten »Schwarzen Reihe« durchackern, die Sammlungen der Multiple-Choice-Fragen aus früheren Examen.

Jetzt gibt es in Witten die OSCE-Prüfungen. OSCE steht für »Objective Structured Clinical Examination« und bedeutet, dass die Studenten an einem Simulationspatienten, einem Schauspieler oder einem Kommilitonen, zeigen müssen, wie sie über Gespräche und Untersuchungen eine Diagnose stellen würden. Die Prüfer testen dabei Fachwissen und Geschick bei der Untersuchung, sie achten aber auch darauf, ob der Student sich dem »Kranken« vorstellt und ob er sein Stethoskop anwärmt, ehe er es dem Patienten auf die Haut presst.

Echte Patienten lernen die Reformstudenten vom zweiten Jahr an in den Klinikblöcken kennen. Auf den Stationen sind sie meist gern gesehene Gäste. »Das sind schon besondere Studenten«, findet Stephan Roth, Chef der urologischen Klinik in Wuppertal. Die fünf Achtsemester, die gerade bei den Urologen mitlaufen, sind bei den Stationsbesprechungen und Visiten dabei, sie dürfen Patienten untersuchen und mit in den OP. »Wer hat noch keinen Katheter gelegt?«, fragt die Assistenzärztin in die Runde grünbekittelter Nachwuchsärzte, und dann kann Student Ole Goertz, 27, am Patienten üben, was ihm der Oberarzt im Seminar am Modell beigebracht hat.

Weil in Witten pro Jahr nur 42 handverlesene Studenten anfangen, die für ihre Ausbildung insgesamt etwa 15 000 Euro hinblättern müssen, sind die Bedingungen kaum vergleichbar mit dem Massenbetrieb der Staats-Unis. Doch auch dort geht der Trend zur modernen Lehre. So bietet die Berliner Humboldt-Universität für einen Teil ihrer Medizinstudenten einen Modellstudiengang an (UniSPIEGEL 3/2000), in Hamburg und Bochum sollen Reformstudiengänge entstehen, auch in München, Dresden, Heidelberg, Münster und Lübeck haben die Mediziner Teile der Ausbildung neu gestaltet.

Eine grundlegende Studienreform lässt dagegen seit Jahren auf sich warten. Der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) scheiterte 1997 mit seinen Vorschlägen am Widerstand der Universitäten. Jetzt hat seine Amtsnachfolgerin Ulla Schmidt den Gesetzentwurf wieder hervorgeholt.

Noch in diesem Jahr, verkündet die Sozialdemokratin, soll alles anders werden. Neben der engeren Verzahnung von Theorie und Praxis sieht das neue Modell vor, dass statt mehrerer Staatsexamina eine einzige große Prüfung nach dem PJ abgenommen wird, die alles bis dahin Gelernte abdeckt. Die stärkere Praxis-Gewichtung soll das AiP überflüssig machen.

Doch die Studenten laufen Sturm gegen die Pläne. Das »Hammerexamen« nach dem PJ sei kaum zu schaffen, protestieren sie - während des Praktischen Jahrs sei man viel zu sehr in die Patientenversorgung eingebunden, um sich ausreichend auf die Prüfung vorbereiten zu können. »Der Entwurf lässt außerdem zu viel Spielraum in der Umsetzung«, kritisiert die Münchner Studentin Tina Schweickert, die sich nebenbei in der bundesweiten Fachschaftsvereinigung Medizin engagiert: »Wer nicht will, muss an der Lehre nichts verändern.«

Wahrscheinlich müssen die Studenten auch weiterhin selbst sehen, wie sie sich möglichst viel Einblick in die Praxis verschaffen. Zum Beispiel, indem sie zur Famulatur nicht an die großen Unikliniken strömen, wo das gestresste Personal oft keine Zeit hat und die Famuli vier Wochen lang im OP Haken halten.

»Man kann jahrelang Medizin studieren, ohne je einen Patienten anzufassen«, schimpft Axel Othmer, 30. Als Zivi und später während seines Studiums an der Universität Hamburg hat Othmer in einer Klinik im Stadtteil Altona gejobbt - als Pfleger in der Aufnahmestation. »Da habe ich bestimmt die Hälfte von dem gelernt, was ich als Arzt wirklich brauche.« Die vorklinischen Semester, erinnert sich der junge Kinderarzt, waren so langweilig, dass er ohne den Job im Krankenhaus wohl alles hingeschmissen hätte. Zur Pädiatrie kam er, weil er in seiner PJ-Zeit eher zufällig in der Kinderchirurgie landete: »Das war ein richtiges Aha-Erlebnis«, erinnert er sich, »da wusste ich, was ich machen will.«

Jetzt trägt Othmer ein Stethoskop um den Hals, das er mit gelbem Klebeband umwickelt hat, damit es nach Tigerente aussieht, und hat meistens Spaß an seinem Job. »Kinderärzte sind oft anders drauf als der Rest der Ärzteschaft«, glaubt er, »die Kinder interessiert es nämlich nicht, ob jemand Chefarzt ist, damit kann man die schlecht beeindrucken.« Auf ein wichtiges Symbol ärztlicher Unfehlbarkeit muss Othmer ohnehin verzichten: Zur weißen Arzthose trägt er ein rotes Hemd, denn vor adretten weißen Kitteln haben seine Patienten Angst.


WEGE ZUR HEILKUNSTZulassung an den staatlichen Universitäten: Bewerbung an dieZVS, Zulassungsbedingungen unter www.zvs.dePrivatuni Witten/Herdecke: Die 42 Plätze werden nach einemUni-eigenen Auswahlverfahren vergeben. Näheres unter:www.uni-wh.de/applicants/Bücher: Hans-Joachim Anders: »Erfolgreich Medizin studieren«.Thieme Verlag, Stuttgart; 14,95 Euro.Detlev E. Gagel, Thomas Peters und Siegfried J. Hoge:"Studienführer Medizin«. Lexika Verlag, Würzburg; 16 Euro.Studienreform: Studentischer Protest gegen die geplanteÄnderung der Approbationsordnung: www.hammerexamen.de
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