Als junge Frau auf der Walz »Jeder Tag ist ein neues Abenteuer«

Für drei Jahre wandert Tischlerin Victoria Rose ohne Handy durch die Welt und arbeitet in Gelegenheitsjobs. Hier erzählt sie von dem Moment, in dem sie Heimweh bekam – und was ein Nagel im Ohrläppchen mit Ehre zu tun hat.
Aufgezeichnet von Sebastian Maas
Frei in der Fremde: Für drei Jahre und einen Tag darf Victoria Rose ihren Heimatort nicht betreten

Frei in der Fremde: Für drei Jahre und einen Tag darf Victoria Rose ihren Heimatort nicht betreten

Foto: Stefan Tomaszewski

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben.
Diesmal: Victoria Rose, 23, als freireisende Tischlerin auf der Walz.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Seit November 2021 bin ich Wandergesellin und suche mir Arbeit in fremden Städten. Im Kern geht es bei der Tradition darum, mehr zu lernen. Deshalb arbeitet man nicht nur in dem Handwerk, das man gelernt hat. Ich könnte also auch als Schneiderin oder Malerin anheuern, als Tischlerin habe ich aber genug zu tun. Jobs findet man schnell, ich werde meist von Auftraggebern angesprochen, wenn ich nur durch die Fußgängerzone gehe. Mit der typischen schwarzen Kluft werde ich ja leicht erkannt. In Bayern habe ich so vor Kurzem eine alte Scheune restaurieren dürfen, in Berlin im Akkord Holzrahmenwände gezimmert.

Kein Handy, kein Internet: Nur die Gewissheit, morgen schon woanders zu sein

Kein Handy, kein Internet: Nur die Gewissheit, morgen schon woanders zu sein

Foto: Stefan Tomaszewski

Ich fand die Idee der Walz selbst schon länger reizvoll, einige meiner Freunde haben sich vor mir auf den Weg gemacht. Das waren aber alles Männer, und ich wusste nicht, ob ich das auch kann und darf. Eines Tages stand eine Gruppe Gesellinnen vor meiner Tür und hat ein paar Tage bei mir übernachtet. Dabei habe ich viel Spannendes gehört. Also brach ich wenige Monate nach Ende meiner Ausbildung selbst auf.

Woher stammt die Walz?

Die Walz und die damit verbundenen Bräuche gehen bis ins Mittelalter zurück. Gesellen (damals nur Männer) mussten für einige Jahre ihre Heimat verlassen und sollten danach mit dem Wissen und den Techniken aus anderen Regionen zurückkehren.

Bis ins 18. Jahrhundert war die Walz sogar Voraussetzung, um Meister werden zu dürfen . Im Bauhaupt- und Baunebengewerbe hat sich die Tradition seit Jahrhunderten erhalten, seit den Fünfzigerjahren wurde die Walz zunehmend auch bei anderen Handwerksberufen beliebt. 2015 wurde die Gesellenwanderschaft als immaterielles Kulturerbe von der UNESCO anerkannt . Wie viele Gesell:innen aktuell auf der Wanderschaft sind, wird nicht zentral erhoben. Im deutschsprachigen Raum sind es unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 450 und 800 Personen.

Alte Regeln, neue Freunde

Neben der traditionellen Bekleidung gibt es auf der Walz allerhand Regeln einzuhalten: Um meinen Heimatort im Altmühltal liegt ein 50 Kilometer weiter Bannkreis, der auch auf meiner Landkarte eingezeichnet ist. Diesen darf ich für mindestens drei Jahre nicht betreten – außer in medizinischen Not- oder Trauerfällen. Es kommt niemand und bestraft mich, wenn ich mich nicht daran halte, es ist eine Ehrensache.

Meine Freunde und Familie kann ich nur sehen, wenn sie aus diesem Kreis herauskommen. Aktuell ist also Mathilda meine beste Freundin – so nennen wir die Straße. Mathilda ist unsere Schutzpatronin, sie hilft uns, wenn wir etwas brauchen. Wenn ich mir ein warmes Bett wünsche oder an ein weit entferntes Ziel mitgenommen werden möchte, hat Mathilda bisher immer dafür gesorgt, dass es klappt. Sorgen, weil ich allein reise, mache ich mir keine – man darf sich nicht so viele Gedanken machen. Die meisten Leute haben wahrscheinlich mehr Angst vor uns.

Eine wichtige Regel ist, dass ich kein Geld fürs Reisen ausgeben darf. Auch Übernachtungen muss ich mir möglichst gratis organisieren. Ich habe schon auf einem Heuboden geschlafen, im Sommer kann man einfach im Wald pennen. Es gibt in ganz Deutschland Buden, die andere Wandergesell:innen für uns gebaut haben. Dort findet man auch Visitenkarten von Firmen, die Arbeit anbieten.

Entgegen dem Vorurteil arbeiten wir nicht gegen Kost und Logis, sondern zu einem normalen Tariflohn. Wir wollen nicht als Konkurrenz zu örtlichen Betrieben auftreten, sondern das Handwerk stärken. Wir werden normal angemeldet, zahlen Steuern und Abgaben.

Die traditionelle Kluft habe ich einfach von der Stange gekauft. Das ›Charlottenburger‹, ein Tuch für meine Habseligkeiten, wurde mir geschenkt. Nun habe ich nur ein paar Klamotten, meinen Kulturbeutel, einen Wanderstock, eine Karte, ein Notizbuch und einen alten MP3-Player bei mir.

Ohne Handy und Internet bin ich losgelöst von den Entwicklungen auf der Welt. Manchmal kann ich bei Einheimischen den Computer nutzen und meine Mails checken, manchmal nicht. Dadurch bin ich immer mehr auf das Gespräch mit den Menschen vor Ort angewiesen. Die Entkoppelung vom Netz macht es allerdings auch schwer, an Informationen zu kommen: Alles wird dezentral organisiert, vieles nur mündlich übertragen.

Mir liegt daher am Herzen, dass andere junge Leute erfahren, dass es die Walz weiterhin gibt. Und dass seit den 1980ern auch Frauen auf Wanderschaft gehen. Wer auf die Walz gehen möchte, kann sich dafür unter anderem den ›Schächten‹ genannten Vereinigungen anschließen oder einfach frei reisen. Die Schächte haben mehr bestehende Infrastruktur, aber auch mehr Regeln und Traditionen, einige nehmen bis heute nur Männer auf.

Wer kann mitmachen?

Die Voraussetzungen unterscheiden sich je nach Gruppierung oder Vereinigung, der man sich anschließen möchte. In der Regel benötigt man einen Gesellenbrief und darf das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, außerdem muss man ledig (»Junggesellen«) und schuldenfrei sein. Manche Schächte und Vereinigungen nehmen nur Männer auf, bei anderen ist das Geschlecht egal.

Die größte Gruppe ist aber die, zu der auch ich gehöre: Als Freireisende ohne Schachtzugehörigkeit wurde ich am Anfang meiner Wanderschaft von einer erfahrenen Bäckergesellin eingesammelt. Für die ersten drei Monate waren wir rund um die Uhr zusammen unterwegs. Sie hat mir die wichtigsten Begriffe, Bräuche und Besonderheiten dieses Lebensstils erklärt.

Festgenagelt auf ein Versprechen

Einer der besonderen Bräuche ist der ›Nagelschnack‹, ein Versprechen für die kommenden Jahre. Meinen habe ich gerade hinter mir. Dabei haben meine Kamerad:innen mich mit einem Nagel durchs Ohrläppchen an ein Holzbrett geschlagen. Normalerweise lebe ich abstinent, aber für diesen Anlass habe ich mir ausnahmsweise etwas Mut angetrunken.

Beim Nageln habe ich meine Pläne vorgestellt: Ich möchte mindestens fünf Berufsschulen besuchen und dort über die Tippelei [ein anderes Wort für die Walz – d. Red.] aufklären. Außerdem würde ich gern eine Käserin auf die Straße bringen. Nach meinem Versprechen wurde der Nagel entfernt und ich habe meinen Ohrring bekommen, der mich als freireisende Gesellin ausweist. Im Mittelalter musste der noch aus Gold sein, um im schlimmsten Fall das Begräbnis der Reisenden zu zahlen. Heute dient er als Zeichen der Zugehörigkeit.

Corona macht die Wanderschaft wohl nicht einfacher. Im Februar bin ich selbst erkrankt und war mit sieben anderen in Quarantäne auf einer Bude. Das war bisher das einzige Mal, dass ich so etwas wie Heimweh verspürt habe. Ansonsten ist jeder Tag ein Abenteuer. Meine einzigen Fixkosten sind Essen und Krankenkasse. Ich habe es schon geschafft, nur 15 Euro in der Woche auszugeben. Die Hilfsbereitschaft der Gesellschaft ist unglaublich.

Gern möchte ich daher etwas zurückgeben. Im Sommer gibt es eine Sommerbaustelle, auf der sich Hunderte Wandergesell:innen treffen und für ein soziales Projekt arbeiten. Dieses Jahr findet das im Ahrtal statt, dort würde ich auf jeden Fall gern helfen. Im August fliege ich für ein Hilfsprojekt auf die Philippinen und baue eine Schule. In den kommenden Jahren möchte auch nach Japan oder Afrika reisen und dort arbeiten. Ich habe also noch viel zu entdecken – und viel zu lernen.«

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