Aufgabenteilung in Beziehungen »Ein Putzplan ist kein Allheilmittel«

Wer in die erste gemeinsame Wohnung zieht, macht sich über den Abwasch erst mal keine Gedanken. Doch Haushalt wird schnell zum Streitthema. Eine Paarberaterin erklärt, warum man auch an den eigenen Erwartungen arbeiten muss.
Ein Interview von Susan Barth
Wer macht was – und was, wenn einer weniger macht? Die Aufgabenteilung im Haushalt kann schnell zum Streitthema werden (Symbolbild)

Wer macht was – und was, wenn einer weniger macht? Die Aufgabenteilung im Haushalt kann schnell zum Streitthema werden (Symbolbild)

Foto: Ibai Acevedo / Stocksy United

Gemeinsam einschlafen und aufwachen, kochen und essen: Sich als Paar eine Wohnung zu teilen, hält viele schöne Momente bereit. Das Zusammenwohnen birgt allerdings ebenso Stoff für Konflikte. War es früher noch irgendwie charmant, dass die Partnerin immer einen Haufen Klamotten auf dem Bett liegen hatte, treibt es einen nun zur Weißglut, wenn man den nun jeden Abend beiseiteräumen muss.

Sich wegen des Haushalts zu zoffen, mag wie ein Problem gestresster Eltern  wirken. Tatsächlich betrifft es aber auch junge, kinderlose Paare, die sich in einer gleichberechtigten Beziehung wähnen.

Was kann man tun, um das Zusammenleben und Haushalten fair und harmonisch zu gestalten? Und woran liegt es eigentlich, dass ein Stapel schmutziger Wäsche zur Belastungsprobe für eine Beziehung werden kann?

Darüber sprechen wir mit Tatiana Schildt, Paarberaterin aus Hamburg.

Tatiana Schildt ist systemischer Coach und Therapeutin: In ihrer Praxis in Hamburg berät sie Einzelpersonen, Paare und Teams

Tatiana Schildt ist systemischer Coach und Therapeutin: In ihrer Praxis in Hamburg berät sie Einzelpersonen, Paare und Teams

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Martina Bolz

SPIEGEL: Zum Einstieg möchte ich Ihnen eine Situation aus dem Freundeskreis schildern: Ein Freund, nennen wir ihn Jonas, ist gerade mit seiner Freundin zusammengezogen. Schon bald gibt es Konflikte. Sie kümmere sich um alles, beschwert sie sich, von der Hausratversicherung bis zum Geschirrspülen. Er sagt: »Sie muss mir doch nur sagen, was ich machen soll. Dann mache ich es auch!« Ist das ein guter Vorschlag?

Tatiana Schildt: Eigentlich ist das eine prima Ansage, wenn sie auf der Sachebene, also ohne Untertöne, kommuniziert wird. Doch bei Jonas besteht die Gefahr, dass er aus einer sogenannten unbewussten Kind-Ich-Haltung  heraus kommuniziert. Er möchte einfach wissen – »wie von Mutti früher« –, was er tun soll. Dadurch wird seine Freundin automatisch in einen mütterlichen Ich-Zustand gedrängt. Anstatt dass er selbst nachdenkt, welche Aufgaben zu erledigen wären, soll seine Freundin sie ihm zuweisen. So eine Form der Kommunikation findet dann nicht auf Augenhöhe statt, sondern es gibt ein Machtgefälle.

SPIEGEL: Gefühlt sind es in heterosexuellen Beziehungen im Zweifelsfall die Frauen, an denen die Hausarbeit hängen bleibt. Erleben Sie das auch so – und woran liegt das?

Schildt: Früher wurden Frauen stark in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt. Das hat sich geändert, die Beziehungen junger Menschen sind gleichberechtigter geworden. Dennoch spielt die Elterngeneration als Vorbild eine Rolle. Wenn die eigene Mutter den Haushalt ganz allein erledigt hat, übernimmt man das als junge Frau gegebenenfalls. Genauso gut kann man aber dagegen rebellieren. Wichtig ist, sich zu fragen, was man von seinen Eltern übernehmen möchte und was eben nicht.

Der Weg zu einer fairen Aufgabenteilung

SPIEGEL: Jonas’ Freundin jedenfalls ist sich sicher, dass sie nicht zu seiner Mutter mutieren will. Was würden Sie ihr raten?

Schildt: Sie sollte Jonas gegenüber klar formulieren, was sie sich eigentlich von ihm wünscht: mehr Eigenverantwortung. Sie könnte erwidern, dass sie keine Lust hat, ihn zu erziehen, sich aber in diese mütterliche Rolle gedrängt fühlt, wenn sie ihm sagen soll, was er zu tun hat. Und sie könnte sagen: Wir sind beide erwachsen, lass uns etwas vereinbaren, womit wir beide zufrieden sind.

SPIEGEL: Was halten Sie von festen Regelungen wie einem Putzplan?

Schildt: Wenn beide die Idee gut finden, spricht nichts gegen einen Putzplan. Doch ein solcher Plan ist kein Allheilmittel. Stattdessen könnte sich das Paar mit Abstand zur Situation zusammensetzen und darüber sprechen, was beiden wichtig ist und was sie sich wünschen. Wichtig sind in so einem Gespräch Kompromissbereitschaft und eine zieldienliche Kommunikation mit konkreten Vorschlägen, die dann auf Augenhöhe gemeinsam entschieden werden.

SPIEGEL: In den vergangenen Jahren ist der Begriff »Mental Load« aufgekommen, der unsichtbare Arbeit bezeichnet – meistens im Zusammenhang mit Familien mit Kindern. Ist das auch bei kinderlosen Paaren ein Thema?

Schildt: Der »Mental Load« kann jede Beziehung betreffen. Kinder sind dabei nicht unbedingt das Kriterium, sondern eine grundsätzliche Problemstellung: Manchen Menschen macht es nichts aus, den gemeinsamen Alltag als Familie oder als Paar zu organisieren und die Verantwortung zu tragen, dass alles funktioniert. Doch wenn eine Person allein für alles verantwortlich ist, sich dabei aber Unterstützung wünscht, gerät die Harmonie in einer Beziehung in eine Schieflage. Streit und schlechte Laune können die Folge sein.

SPIEGEL: Gibt es dennoch Unterschiede?

Kinderlose Paare haben den Vorteil, dass sie in Ruhe über die gemeinsame Arbeitsaufteilung sprechen können, ohne dass die Arbeitsmenge und die Alltagsbewältigung mit Kindern bereits ihren Alltag dominieren. Kommen Kinder dazu, steigt die reale Menge an Arbeit an, die dann gegebenenfalls an einer Person hängen bleibt – gerade bei kleinen Kindern ist das wiederum oft die Mutter.

Eine Frage der Erwartungen

SPIEGEL: Welche tiefer liegenden Themen stecken hinter solchen Konflikten?

Schildt: Zum einen geht es hier um Anerkennung, ein starkes inneres Grundbedürfnis. Diejenige Person, die mehr Aufgaben übernimmt, sich mehr um den gemeinsamen Alltag kümmert, empfindet, dass ihre Anstrengungen nicht gesehen werden. Zum anderen spielen Erwartungen eine große Rolle. Erwartungen, die man bei einem solchen Anlass auch hinterfragen sollte.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Schildt: Der Partner ist ein tolles Objekt zur Reflexion. Wir brauchen ein Gegenüber für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Fühlt man sich gestresst und unzufrieden, sollte man sich fragen, ob das an der To-do-Liste liegt, mit der man sich alleingelassen fühlt, oder an der eigenen Erwartung, immer eine saubere Küche zu haben. Außerdem rate ich dazu, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen. Normalerweise verhält sich mein Partner nicht so, um mich absichtlich zu ärgern. Zudem ist seine Währung in der Beziehung möglicherweise eine andere. Vielleicht spült er zwar nie ab, dafür kocht er aber öfter oder macht ein Kompliment.

SPIEGEL: Wenn ich möchte, dass mein Partner sein dreckiges Geschirr wegräumt, will ich aber das – und kein Kompliment.

Schildt: Natürlich sind beide in der Lage, den Abwasch zu machen, schließlich reden wir hier über zwei erwachsene Menschen. Manchmal ist aber die Ordnungsliebe auf der einen Seite so groß, dass der Partner gar nicht mithalten kann. Dann ist es besser, den Fokus auf die Dinge zu legen, die er stattdessen macht und die ihm besser liegen, zum Beispiel dafür zu sorgen, dass es jeden Abend etwas zu essen gibt. Hier ist es sinnvoll, sich auf einen Kompromiss zu einigen. Mit zu hohen Erwartungen und Vorwürfen an den Partner schaden wir letztlich uns selbst, weil wir unsere Gefühle von jemand anderem abhängig machen.

SPIEGEL: Mit Kindern wird alles noch komplizierter, sagen Sie. Können junge Paare mit Kinderwunsch etwas tun, um Konflikten im Haushalt vorzubeugen?

Schildt: Plant ein Paar eine gemeinsame Familie, rate ich, schon vor dem ersten Kind Klarheit über die Rollen- und Aufgabenverteilung zu schaffen. Wenn das ohne Hilfe von außen nicht so gut klappt, kann man prophylaktisch eine Sitzung zu einem Paarcoaching buchen.

SPIEGEL: Und wenn man einfach auf keinen gemeinsamen Nenner kommt?

Schildt: Letztlich gibt es immer drei Handlungsoptionen. Man kann die Situation verändern, lieben oder verlassen: Change it, love it or leave it. Alle Optionen sind in Ordnung, wenn wir uns bewusst für sie entscheiden.

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