Anlaufstellen, Kosten, Folgen Wie man aus der Kirche austritt

Kirchensteuer, Missbrauchsfälle, nichts mit Gott am Hut: Es gibt viele Gründe, die Mitgliedschaft in der Kirche aufzukündigen. Doch wie geht das? Und kann man danach wirklich nicht mehr kirchlich heiraten?
Ist über die vielen Kirchenaustritte vermutlich nicht erfreut: Papst Franziskus bei einer Feier im Petersdom

Ist über die vielen Kirchenaustritte vermutlich nicht erfreut: Papst Franziskus bei einer Feier im Petersdom

Foto: Gregorio Borgia / picture alliance/dpa/AP

Anfang des Jahres wollten in Bayern plötzlich sehr viele Menschen aus der Kirche austreten. Vorausgegangen war die Vorstellung eines Gutachtens zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der katholischen Erzdiözese München und Freising. In München verdoppelte sich die Zahl der Kirchenaustritte, auch andere Städte meldeten einen enormen Zuwachs. Es ist der vermutliche Höhepunkt eines langjährigen Trends: Jedes Jahr kehren Zehntausende den beiden großen Kirchen in Deutschland den Rücken ; 2020 traten insgesamt mehr als 440.000 Menschen aus.

Doch wie funktioniert der Kirchenaustritt überhaupt? Und welche Folgen hat er? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie funktioniert der Kirchenaustritt?

Im Prinzip genauso wie der Austritt aus dem Badminton-Verein: Auch die Mitgliedschaft in der Kirche muss gekündigt werden. Je nach Bundesland muss man dafür persönlich beim Standesamt erscheinen, beim Amtsgericht oder bei der Stadt oder Gemeindeverwaltung. Auch ein:e Notar:in kann den Austritt bescheinigen. Eine Ausnahme gibt es in Bremen: Dort kann man sich direkt in den Kirchenbüros abmelden.

Mitbringen muss man nur den Personalausweis – oder den Reisepass, dann braucht es allerdings auch eine Meldebescheinigung. In einigen Bundesländern müssen Verheiratete außerdem ihre Eheurkunde vorlegen. Auch sollte man Angaben zur bisherigen Religionszugehörigkeit machen können, etwa zur Taufgemeinde.

Kann man den Austritt auch online abwickeln?

Nein. Der Austritt muss persönlich erfolgen, so ist es in den jeweiligen Kirchensteuergesetzen der Bundesländer geregelt. Die einzige Alternative ist, ein notariell beglaubigtes Dokument einzureichen – das ist aber in der Regel teurer.

Wie viel kostet der Kirchenaustritt?

Auch das unterscheidet sich je nach Bundesland. In Bremen kostet er nichts, in Hamburg 31 Euro. Bezahlen muss man übrigens nicht den Kirchenaustritt an sich, sondern den dadurch entstehenden Verwaltungsaufwand. Bei einem Notar fallen meist zusätzliche Kosten an.

Wie erfährt der Arbeitgeber davon?

Ob man Mitglied in einer Kirche ist oder nicht, ist für die Gehaltsabrechnung wichtig – schließlich entscheidet es darüber, ob man Kirchensteuer zahlen muss. Als Arbeitnehmer:in muss man dem Arbeitgeber aber nicht extra Bescheid geben, wenn man austritt. »Die zuständige Behörde gibt eine Mitteilung an das Einwohnermeldeamt. Dieses meldet den Kirchenaustritt weiter an das Finanzamt«, sagt Wrenda Kapoor, Sprecherin des Bezirksamtes Hamburg-Harburg. »Das Finanzamt und die Arbeitgeber wiederum tauschen über ein elektronisches Verfahren Daten der Arbeitnehmenden aus.«

Ist man konfessionslos, wenn man aus der Kirche austritt?

In den Augen der Kirche gilt: einmal christlich, immer christlich. Denn streng genommen ist die Taufe nicht umkehrbar, egal ob man katholisch oder evangelisch getauft wurde. Christ:innen seien nach einem Austritt demnach nicht konfessionslos, sondern weiterhin Christ:innen, sagt Christoph Lerg, Anwalt für Kirchenrecht – nur eben mit eingeschränkten Rechten.

Unterschiede gibt es im Kirchenrecht lediglich in der Begrifflichkeit. Die katholische Kirche kennt keinen wirklichen Kirchenaustritt. Stattdessen spricht sie von »Apostasie«, dem Abfall vom Glauben, der mit einer kirchlichen »Strafe« belegt ist. Die evangelische Kirche sieht sich dagegen nicht als notwendigen Heilsvermittler; sie erkennt den Kirchenaustritt deshalb als solchen an.

Kann man kirchlich heiraten, wenn man aus der Kirche ausgetreten ist?

Ja – zumindest, wenn der Partner oder die Partnerin noch Mitglied einer Kirche ist. Das ist dann keine evangelische oder katholische Trauung im klassischen Sinn, sondern eine sogenannte Ritualhandlung, ein gottesdienstliches Geschehen. Die katholische Kirche ist hier grundsätzlich etwas strenger als die evangelische Kirche: Es gebe »bestimmte Vorbehalte, wenn eine Person, die aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, eine katholische kirchliche Ehe schließen möchte«, sagt Anwalt Lerg. Entschieden werde im Einzelfall.

Das Dekret der Deutschen Bischofskonferenz legt dazu fest: »Damit aus der Kirche ausgetretene Personen eine kirchliche Ehe schließen können, muss die Erlaubnis zur Eheschließungsassistenz beim Ortsordinarius eingeholt werden.« Das setze »Versprechen über die Bewahrung des Glaubens und die katholische Kindererziehung« voraus.

Kann man nach einem Austritt noch Taufpat:in sein?

Die Patenschaft für eine Taufe dürfen aus der Kirche ausgetretene Personen in der Regel nicht übernehmen. Das Patenamt ist schließlich vor allem ein kirchliches Amt; die Pat:innen sollen auch bei der christlichen Erziehung der Kinder helfen.

In dem Sinne lässt sich auch eine schon bestehende Patenschaft nach dem Austritt nicht mehr erfüllen. Für viele sind Pat:innen aber mehr als nur christliche Begleiter:innen, diese Beziehung muss mit dem Kirchenaustritt nicht enden. Wie eine Patenschaft ausgestaltet wird, darauf hat die Kirche schließlich wenig Einfluss.

Konfirmation, Kommunion, Firmung – welche Folgen hat ein Kirchenaustritt für mein Kind?

Unmittelbare Folgen für die eigenen Kinder hat ein Kirchenaustritt nicht. Katholisch getaufte Kinder können unabhängig vom Kirchenaustritt ihrer Eltern Kommunion und Firmung feiern, evangelisch getaufte Konfirmation. Ein Kind tritt auch nicht automatisch mit seinen Eltern aus der Kirche aus.

Kann man beerdigt werden, wenn man aus der Kirche ausgetreten ist?

In Deutschland sind Friedhöfe in der Regel in der Hand der Kommunen. Dementsprechend kann die Kirche eine Bestattung dort meist nicht ablehnen. Anders sieht es bei der Trauerfeier aus. »Unter Umständen kann einer aus der katholischen Kirche ausgetretenen Person ein kirchliches Begräbnis verweigert werden, wenn die Person kein Zeichen der Reue vor ihrem Tod gezeigt hat«, sagt Anwalt Lerg. Darüber entscheide immer der Pfarrer der jeweiligen Gemeinde.

Auch in der evangelischen Kirche wird im Einzelfall entschieden, ob eine Beerdigung trotz Kirchenaustritt möglich ist. Aus seelsorgerlichen Gründen etwa kann eine Bestattung möglich sein, zum Beispiel wenn die Partnerin des Verstorbenen gläubig ist und sich eine christliche Trauerfeier wünscht. Ob jemand »Reue« gezeigt hat, spielt hier keine Rolle.

Gibt es sonst irgendwelche Tücken?

Wenn ein Ehepartner aus der Kirche austritt und der andere in der Kirche bleibt, kann es kompliziert werden. Zumindest, wenn sie eine gemeinsame Steuererklärung abgeben. Denn manche Bundesländer berechnen ein »besonderes Kirchgeld« für Glaubensverschiedene. Glaubensverschieden sind Ehepartner:innen dann, wenn sie unterschiedlichen Religionen angehören – oder eben eine:r kein Kirchenmitglied ist. Verdient diese Person mehr, muss sie sich unter Umständen an der Kirchensteuer ihres Partners beteiligen.