Ausbildung im Handwerk »Die Bilder in den Köpfen der Leute entsprechen nicht der Realität«

Viele Ausbildungsstellen im Handwerk bleiben unbesetzt. Mit schmissigen Sprüchen auf Plakaten kämpft der Zentralverband des Deutschen Handwerks für die Trendwende. Frage an den Generalsekretär Holger Schwannecke: Bringt das was?
Ein Interview von Lukas Kissel
Zu wenige junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung im Handwerk (Symbolbild)

Zu wenige junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung im Handwerk (Symbolbild)

Foto: Peter Muller / DEEPOL / plainpicture

Vom Lehrling zum Gesellen, von der Gesellin zur Meisterin – das ist die typische Ausbildungskarriere im Handwerk. Doch auf allen Stufen fehlt es an Nachwuchs: 18.600 Lehrstellen in Handwerksberufen blieben im Ausbildungsjahr 2019/2020 unbesetzt , das waren 16 Prozent aller gemeldeten Stellen. Dazu fehlen bundesweit 54.000 Gesellinnen und Gesellen und 5500 Meisterinnen und Meister, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) erklärt das unter anderem mit einem Imageproblem, unter dem das Handwerk bei jungen Menschen leide.

Die Krise der Ausbildung

Klassische Ausbildungen haben seit Jahren ein Imageproblem – und dann kam noch Corona dazu. Wer bildet Köche aus, wenn alle Restaurants geschlossen sind? Kann man per Video Haare schneiden lernen? Viele Ausbildungspläne platzten in der coronainfizierten Wirtschaft. Ein Desaster: für viele Jugendliche und junge Erwachsene, weil viele von ihnen niemals zurück in eine Ausbildung finden werden; für die Unternehmen, weil schon absehbar ist, dass bald in vielen Bereichen noch mehr Fachkräfte fehlen dürften.

Wir widmen diesem Thema einen Schwerpunkt. Lesen Sie:

Wie lernt man Koch, wenn alle Restaurants geschlossen sind? Warum das verlorene Jahr der Pandemie gravierende Folgen haben wird für junge Menschen wie Unternehmen. Ein Überblick.

Eine Friseurmeisterin erzählt, warum sie nicht mehr ausbildet: »Den jungen Leuten fehlt das Feuer«

Komplett chancenlos auf einen Ausbildungsplatz sind Schulabbrecher – und davon gibt es dank Corona einige. Brauchen wir eine Ausbildungsgarantie?

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks wirbt massiv um Lehrlinge, auch auf Litfaßsäulen und Briefmarken. Ein Anruf beim leicht verzweifelten Leiter der Kampagne. »Die Bilder in den Köpfen entsprechen nicht der Realität«

Dabei hat sich das Handwerk in den vergangenen Jahren stark bemüht, seinen Ruf aufzupolieren. Mit einer Imagekampagne wirbt die Branche seit mehr als zehn Jahren auf Plakatwänden, in TV-Spots, mit Taschen und Briefmarken um mehr Auszubildende. Hat das etwas gebracht? Ein Gespräch mit Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH, über überholte Rollenbilder und die Herausforderung, sie zu ändern.

SPIEGEL: Herr Schwannecke, leidet das Handwerk unter einem schlechten Ruf?

Holger Schwannecke: Junge Menschen, aber auch ihre Lehrer und Eltern, haben oft ein tradiertes Bild vom Handwerk im Kopf. Seit 2008 untersucht Forsa für uns , wie das Handwerk in der Bevölkerung wahrgenommen wird, und die erste Umfrage zeigte: Die Leute kannten nur zehn oder zwölf Handwerksberufe, nicht mehr – es sind aber über 130. Das liegt auch daran, dass wir jahrzehntelang nicht über uns geredet haben, auch nicht über die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für junge Menschen im Handwerk. Und das ist fatal. Mit unserer Kampagne versuchen wir, diese Bilder im Kopf zu drehen.

SPIEGEL: Welche Bilder sind das konkret?

Schwannecke: Das Handwerk wird oft noch mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden und zum Beispiel nicht mit Modernität und der Lösung von Zukunftsaufgaben. Dabei haben alle Herausforderungen in unserer Gesellschaft – von Energie über Klima, von Mobilität bis zur Digitalisierung – mit Handwerk zu tun. Zum Beispiel Smart Home: Es sind Elektronikerinnen und Elektroniker, die die Technik installieren. Es gibt mit Sensoren versehene Fußböden, die anzeigen, wenn ein älterer Mensch gefallen ist – sie werden von Handwerkern verlegt. Aber vielen ist das nicht bewusst. In den Köpfen stecken Bilder, die nicht der Realität entsprechen. Wenn wir die ganze Zeit nur über den Mangel an Auszubildenden sprechen, dann bewirkt das eine negative Assoziation. Wir müssen mehr über Chancen sprechen. Und deshalb sagen wir: Da besteht ein Imageproblem.

Die eigene Selbstständigkeit als Option

SPIEGEL: Sie werben zum Beispiel im Fernsehen oder auf Litfaßsäulen. Sind das wirklich die Orte, an denen man junge Menschen erreicht?

Schwannecke: Mit diesen Werbemaßnahmen richten wir uns an die breite Öffentlichkeit. Denn auch was Eltern, Verwandte und Lehrer über das Handwerk denken, entscheidet oft die Berufswahl von Schülerinnen und Schülern. Um die Jugendlichen selbst zu erreichen, sind wir stark online unterwegs – in den Social-Media-Kanälen, genauso wie in Musikstreaming-Diensten oder jugendaffinen Apps.

SPIEGEL: In diesem Jahr werben Sie mit Sprüchen wie »Wo dein Wille ist, ist auch dein Weg« oder »Wichtiges tun, statt wichtig zu tun«. Was sollen sie vermitteln?

Schwannecke: Junge Menschen wollen mitgestalten, sie wollen im Beruf ein Stück Erfüllung finden und sich selbst verwirklichen. Und das können sie im Handwerk. Auszubildende sagen uns immer wieder, wie stolz sie darauf sind, was sie selbst gemacht haben, mit ihren Händen und dem Kopf. Aber das müssen wir anderen Jugendlichen auch zeigen. Wir setzen in der Kampagne daher auf authentische junge Menschen, echte Handwerker. Das sind ja keine Schauspieler in den Werbespots. Was wir jungen Menschen auch noch deutlicher machen müssen: sich mit einem eigenen Unternehmen selbstständig machen, die eigene Idee selbstverantwortlich umsetzen, sein eigener Chef oder seine eigene Chefin sein – im Handwerk geht das ganz früh.

SPIEGEL: Kann man wirklich das Image einer ganzen Branche mit Plakaten und Werbespots verändern?

Schwannecke: Ja, daran glauben wir. Und die Erfahrung aus den zehn Jahren zeigt, dass uns das gelingt. Jedes Jahr fragen wir mit Forsa erneut, wie die Menschen das Handwerk sehen. Als wir gestartet sind, hat gerade mal ein Drittel angegeben, das Handwerk wahrzunehmen. Jetzt sagen das über zwei Drittel. Das ist auch ein Effekt unserer Kampagne. Das zeigt uns, dass wir auf einem guten Weg sind.

SPIEGEL: Trotzdem fehlen weiter Tausende Auszubildende. Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl der Lehrlinge im Handwerk von gut 439.000  auf gut 363.000 .

Schwannecke: Ja, dieses Problem besteht ohne Zweifel. Im Ausbildungsjahr 2019/2020 sind die Auszubildendenzahlen in unserer Branche um 7,5 Prozent zurückgegangen. Das lag auch daran, dass wegen Corona keine Ausbildungsmessen und weniger Betriebspraktika stattfinden konnten. Die Kampagne hat aber dazu beigetragen, dass wir noch halbwegs glimpflich durch die Krise gekommen sind. Insofern ist es auch ein Erfolg, dass der Rückgang im Handwerk nicht so hoch war wie in anderen Bereichen der gewerblichen Wirtschaft – in der Gesamtwirtschaft gab es 11 Prozent weniger neue Ausbildungsverhältnisse . Die Ursachen für das Problem betreffen letztlich nicht nur das Handwerk.

SPIEGEL: Welche Ursachen sind das?

Schwannecke: Zunächst natürlich die Demografie: Wir haben einfach wesentlich weniger Jugendliche als noch vor 20 Jahren. Und unter denen geht der Trend nach wie vor zu einer akademischen Ausbildung. Das ist wieder etwas, was in den Köpfen steckt: dass nur, wer Abitur und studiert hat, es zu etwas bringt im Leben. Dieses Bild versuchen wir zu verändern und klarzumachen: Es gibt zwei Wege, Karriere zu machen und Erfüllung zu finden, nämlich den beruflichen und den akademischen Weg. Leider denken viele, dass der eine Weg der vorzugswürdige sei.

Mehr finanzielle Unterstützung für Azubis

SPIEGEL: Ihr Verband beklagt in diesem Zusammenhang einen »Werbefeldzug der Politik und der OECD für Abitur und Studium «. Ist es sinnvoll, eine Rivalität zwischen Studium und Berufsausbildung aufzumachen?

Schwannecke: Uns liegt es nicht an einer Rivalität. Wir wollen kein Gegeneinander. Im Gegenteil, wir wollen Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit der unterschiedlichen Bildungswege betonen. Lange war es aber Politik der OECD, die Leistungsfähigkeit eines Landes an der Zahl seiner Akademiker zu bemessen. Darunter leiden wir noch immer. Zum Glück hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Was jahrzehntelang vermittelt wurde, holt sich aber nicht von heute auf morgen auf. Es ist Aufgabe von Politik und Wirtschaft, deutlich zu machen, dass Ausbildung und Studium zwei gleichwertige Wege sind.

SPIEGEL: Wie könnte so eine Gleichwertigkeit erreicht werden?

Schwannecke: Es geht nicht nur um die Werteschätzung mit Worten. Sondern auch um die ganz praktische Gleichstellung von Auszubildenden und Studierenden. Wenn es Studierendenwohnheime gibt, die staatlich gefördert sind, dann müssen wir genauso auch Wohnmöglichkeiten für Lehrlinge schaffen. Wenn es Semestertickets gibt, dann braucht es auch Azubitickets. Mancherorts gibt es das bereits. Das sind alles Punkte, mit denen die Politik zeigt: Ihr seid uns genauso wichtig.

Mehr lesen über