"Gap Year" nach dem Abitur "So hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt"

Es ist der Traum vieler Schülerinnen und Schüler: Vor dem Studium oder der Ausbildung erst mal ins Ausland, Erfahrungen sammeln. Doch was passiert mit dieser Auszeit, wenn Corona dazwischenkommt?
Aufgezeichnet von Laura Naima Kabelka
Esther jobbte in ihrem "Gap Year" in einem österreichischen Supermarkt, statt wie geplant, in Frankreich als Au-pair zu arbeiten

Esther jobbte in ihrem "Gap Year" in einem österreichischen Supermarkt, statt wie geplant, in Frankreich als Au-pair zu arbeiten

Foto: Privat

Das Abitur ist geschafft, ins Studium soll es erst im nächsten Jahr gehen. Und was passiert dazwischen? Nach dem Schulabschluss entscheiden sich viele junge Menschen dafür, nicht sofort durchzustarten. Stattdessen: Au-pair oder "Work and Travel", eine neue Sprache lernen, in andere Länder reisen und Erfahrungen sammeln. Pause machen nach dem Lernstress - und sich selbst erlauben, noch nicht wissen zu müssen, wie man leben, studieren oder arbeiten will.

Dieses Jahr ist - wie bei so vielem - alles anders. Corona-bedingt mussten zahlreiche junge Menschen ihre Auslandsaufenthalte unterbrechen, abbrechen oder im Vorhinein absagen. Aber was wird dann aus dem geplanten "Gap Year"? Steigt der Druck, nun doch möglichst sofort einen Studien- oder Ausbildungsplatz zu finden?

Eine Abiturientin und zwei Abiturienten erzählen, was mit ihren Plänen zwischen Schulabschluss und Ausbildung passiert ist - und was das für sie persönlich bedeutet.

Kenzo, 20 Jahre alt, aus München

Kenzo musste seinen Aufenthalt in Kanada abbrechen

Kenzo musste seinen Aufenthalt in Kanada abbrechen

Foto: Privat

"Ich habe mein Abi 2019 gemacht und wollte nicht direkt danach mit dem Studium beginnen. Für mich stand fest, dass ich erst einmal zurück nach Vancouver gehe, wo ich in der neunten Klasse schon für ein Auslandsjahr gewesen war. Im Juli 2019 brach ich also nach Kanada auf. Ich wollte ein Jahr lang arbeiten und herumreisen, 'Work and Travel' eben.

Anfangs übernahm ich kleinere Jobs, beispielsweise im Fundraising. Nach eineinhalb Monaten bekam ich ein traumhaftes Angebot: ein Job als Fotograf in Banff. Ich blieb sechs Monate dort, arbeitete und wanderte. Danach hatte ich den Drang, Kanada noch weiterzuerkunden, und kündigte. Im Nachhinein war das ein Fehler, weil ich mit dem Job auch während Corona in Kanada hätte bleiben können - dann hätte ich genug Geld verdient.

So aber musste ich wegen der Pandemie alle meine Pläne ändern und nach Deutschland zurück. Das Auswärtige Amt hatte zur Rückreise aufgerufen, und außerdem war ich pleite. Die Tage bis zu meinem Rückflug verbrachte ich in Hostels, völlig perplex und teilweise sehr einsam. Ende März kam ich dann in München an - verfrüht, und ohne jeglichen Plan was ich bis zum Studienbeginn machen sollte. Die folgenden Monate zu Hause bei meinen Eltern verbrachte ich mit Kochen, Skypen und Däumchen drehen, die Zeit hat sich wirklich gezogen.

"Es fühlt sich so an, als hätte man mir einen Teil dieser wertvollen Lebenserfahrung weggenommen"

Kenzo

Es fühlt sich so an, als hätte man mir einen Teil dieser wertvollen Lebenserfahrung weggenommen. Ich hatte mich so auf die anstehenden Reisen gefreut, ich war schließlich in Kanada, um neue Ecken der Erde zu entdecken und unterschiedliche Jobs auszuprobieren. Ich finde es super wichtig, als junger Mensch die Erfahrung zu machen, allein zu verreisen.

Im Oktober beginne ich an der Universität Wien mein Studium in Internationaler Betriebswirtschaft. Ich wusste schon seit einiger Zeit, dass ich BWL studieren möchte. Jetzt habe ich mich für die internationale Variante entschieden. Das öffnet mir hoffentlich Türen, um noch mehr von der Welt zu sehen."   

Auszeit nach dem Abi - trotz Corona
  • Laut Education First  sind Sprachreisen weiterhin möglich, seit Mitte September werden Schülerinnen und Schüler auch wieder in die USA vermittelt. Momentan könnten mehr als fünfzig Prozent der normalerweise angebotenen Zielorte bereist werden, dort sei - trotz Corona - eine sichere Lernumgebung  garantiert.

  • Wer ins Ausland möchte, aber aufgrund der Pandemie den Kontinent nicht verlassen will: Die Organisation ICJA Freiwilligenaustausch weltweit  hat sich wegen Corona intensiver auf europäische Ziele fokussiert. Voraussichtlich sind ab Januar 2021 wieder 24 von 40 Partnerländern bereisbar.

  • Auch für ein Au-Pair-Jahr gibt es momentan in Europa zahlreiche Angebote .

  • Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) in Deutschland  ist eine Alternative für alle, die wegen Corona das Ausland meiden, die Berufsausbildung aber noch etwas vor sich herschieben wollen. Es ist für Unter-27-Jährige gedacht, die sich sozial engagieren und Arbeitserfahrung sammeln wollen. In der Regel dauert ein FSJ zwölf Monate.

  • Wer auf der ganz sicheren Seite bleiben will, kann sich für virtuelle Workcamps bewerben  und sich so an einem sozialen Projekt beteiligen - oder sich bei Online-Sprachkursen anmelden .

Yari, 19 Jahre alt, aus Hamburg

"Nach meinem Abi im Juni dieses Jahres wollte ich eigentlich zu meiner Gastfamilie nach Ohio fliegen, bei der ich während der Schulzeit ein Jahr gelebt hatte, und dann eine kleine Rundreise durch die USA machen. Danach hatte ich geplant, Freunde in Luxemburg und Spanien zu besuchen, schließlich hätte ich endlich Zeit dafür gehabt. Meine Reise musste ich wegen Corona aber komplett abblasen. Ich war richtig traurig, weil ich meine Gastfamilie sehr vermisse, wir haben uns lange nicht gesehen.

Im Herbst wollte ich eigentlich in Hamburg mein Management-Studium beginnen. Das kam für mich aber in diesen unsicheren Zeiten auch nicht mehr infrage. Ich wollte kein Versuchskaninchen sein, während das Hochschulsystem sich der neuen Situation anpasst. So habe ich mir das Studieren einfach nicht vorgestellt. Deshalb habe ich mich entschieden, doch nicht im Herbst mit dem Studium zu beginnen, sondern zu warten. Meine Eltern fanden das nicht gerade toll, hatten aber auch Verständnis für meine Entscheidung.

"Vielleicht kremple ich meine Studienpläne jetzt noch mal völlig um"

Yari

Ich arbeite schon seit Januar letzten Jahres nebenbei in der Elbphilharmonie, wo ich bei Konzerten an der Garderobe oder am Eingang eingesetzt werde. Weder mir noch meiner Familie erschien der Minijob aber ausreichend als Überbrückung für meine abgesagten Reise- und Studienpläne. 'Du kannst ja nicht ein Jahr zu Hause rumchillen!', sagte mein Freund. Also musste ich mir einen neuen Plan überlegen.

Um das Beste aus diesem Jahr herauszuholen, absolviere ich nun ein FSJ an einer Hamburger Grundschule. Hier unterstütze und beschäftige ich zwei Kinder mit geistiger Entwicklungsstörung. Das ist anstrengend, aber es macht mir Spaß. Vielleicht krempele ich meine Studienpläne jetzt noch mal völlig um und studiere ab Herbst 2021 Lehramt.

Im Endeffekt bin ich froh darüber, dass ich jetzt dieses FSJ mache. Ich war mir nicht hundertprozentig sicher, was ich studieren will - nun habe ich ein paar Monate Zeit, mir das zu überlegen, Erfahrungen zu sammeln. Und ich weiß jetzt, wie es ist, acht Stunden am Tag zu arbeiten und selbstständiger zu sein."

Esther, 19 Jahre alt, aus Niederösterreich    

Esther reiste nach dem Abi nach Frankreich für ein Au-pair-Jahr - und musste es wegen Corona abbrechen

Esther reiste nach dem Abi nach Frankreich für ein Au-pair-Jahr - und musste es wegen Corona abbrechen

Foto: Privat

"Ich war mir lange nicht sicher, was ich studieren sollte. Also beschloss ich, erst einmal meine Französischkenntnisse aufzubessern und als Au-pair zu arbeiten. Nachdem ich mein Abi im Sommer 2019 gemacht hatte, ging ich zunächst auf Interrail-Reise quer durch Europa. Im November fuhr ich dann nach Frankreich, in die Nähe von Paris. Ich sollte bei einer Familie leben, mich um die Kinder kümmern und nebenbei einen Sprachkurs absolvieren.

Das habe ich dann auch eine Zeit lang gemacht, es war aber leider ein kürzeres Vergnügen als geplant. Etwa einen Monat lang - von Mitte März bis Mitte April - saß ich gezwungenermaßen zu Hause mit meiner Gastfamilie fest. Der Lockdown in Frankreich war wirklich strikt. Die Sprachkurse wurden zwar auf Onlineunterricht umgestellt, aber das funktionierte nicht wirklich. Das war sehr frustrierend.  

"Was mache ich denn jetzt?"

Esther

Ich überlegte lange, ob ich trotz Pandemie in Frankreich bleiben sollte, entschied mich dann aber für die Abreise. Die Lage war überall so unsicher, da wollte ich lieber zu Hause sein. Als ich begriff, dass es jetzt zu Ende war, dachte ich nur: Was mache ich denn jetzt? Natürlich hätte es mich schlimmer treffen können, ich durfte immerhin ein paar Monate in Frankreich erleben. Aber so hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Eigentlich standen noch ein paar sehr schöne Reisen in andere französische Regionen an, unter anderem nach Straßburg. Dass das nicht geklappt hat, ist wirklich sehr schade - aber immerhin ist Frankreich nicht aus der Welt.

Zurück in Österreich fand ich noch einen Job in einem Supermarkt, für die Zeit bis zum Studienbeginn. Das nennt man wohl Glück im Unglück. Seit September studiere ich nun Content Produktion und Digitales Management an der Fachhochschule Wien. Dafür habe ich mich während meines Au-pair-Aufenthalts entschieden.

Trotz meiner Erfahrung würde ich allen ein 'Gap Year' empfehlen, die sich nach der Schule nicht direkt wieder an den Schreibtisch setzen und lernen wollen. Auch während Corona. Nur hoffentlich ohne frühzeitige Unterbrechungen versteht sich."

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