Tim Reichel

Auslandsaufenthalt im Studium Warum es manchmal besser ist, zu Hause zu bleiben

Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Für viele Studierende ist ein Auslandssemester das Nonplusultra. Unser Kolumnist sieht das anders und verrät, warum man sich ein Studium im Ausland zweimal überlegen sollte.
Im Ausland studieren? Kann toll sein – muss es aber nicht.

Im Ausland studieren? Kann toll sein – muss es aber nicht.

Foto: Antje Solveig / plainpicture

An die Aussage eines Kommilitonen erinnere ich mich gut: »Aber Tim, du musst ins Ausland!« Ein Auslandssemester mache sich schließlich gut im Lebenslauf, außerdem könne man »so viel mitnehmen«. Was dieser Kommilitone allerdings hauptsächlich mitgenommen hatte: eine verlängerte Studiendauer, einen schlechteren Notenschnitt und die Erkenntnis, dass das Leben in Australien teuer ist. Wow.

Etwa 135.000 Studierende absolvierten 2018 ein Auslandssemester . Während der Coronapandemie war die Mobilität eingeschränkt, doch mit sinkenden Inzidenzwerten träumen viele Studis wieder von einem Studium »abroad«.

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Grundsätzlich finde ich solche Vorhaben gut. Als Studienberater ist es mein Job, Studierende bei einem Auslandsstudium zu unterstützen – und das mache ich auch. Gern sogar. Doch ich finde: Manchmal ist ein Auslandssemester eine schlechte Idee.

Warum ins Ausland?

Zu Beginn möchte ich alle reisewilligen Studis etwas fragen: Warum wollt ihr im Ausland studieren? Es klingt banal, aber viele Studierende, die meinen Rat suchen, haben darauf keine echte Antwort. Sie haben gehört, dass ein Auslandssemester im Lebenslauf gut aussieht. Irgendein Jonas hat ihnen von seinem »erweiterten Horizont« berichtet.

Doch wer ein Auslandsstudium erwägt, sollte eine bewusste Entscheidung treffen. Und dazu gehört auch, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Denn es gibt einige Punkte, die Studierende im Reisefieber oft übersehen.

Organisationsmarathon

Bevor du dein Auslandssemester antreten kannst, wartet ein riesiger Batzen Organisation auf dich. Zunächst musst du dich nach einer geeigneten Partnerhochschule umsehen. Allein für die Recherche und die folgende Bewerbung musst du ein paar Wochen Zeit einplanen. Als Nächstes musst du dich um die Finanzierung und mögliche Förderprogramme kümmern. Außerdem brauchst du ein Flug- oder Zugticket, eine Unterkunft, zusätzliche Versicherungen, möglicherweise Impfungen, einen neuen Handy-Tarif und vieles mehr.

Natürlich lässt sich das alles in die Wege leiten. Aber es ist ein Mehraufwand, den man nur selten nebenbei bewerkstelligen kann – und der übrigens auch finanziell nicht zu unterschätzen ist.

Bürokratie hoch zehn

Neben den organisatorischen Hürden warten zahlreiche bürokratische Stolperfallen auf dich, bei denen es gilt, ja keinen Fehler zu machen. Sei es die Einschreibung an der Auslandsuni, die Meldung an deinem neuen Wohnort oder die Anmeldung deiner ausländischen Prüfungsleistungen. Wäre das allein nicht schon nervig genug, wird ein Großteil der Bürokratie in der jeweiligen Landessprache oder zumindest auf Englisch abgewickelt. Hinzu kommen dann noch die Anerkennungsprozesse an deiner Heimathochschule. Mit Austauschprogrammen wie Erasmus+ werden derartige Verfahren zwar vereinfacht, doch bürokratisch sind sie immer noch.

Du verlierst Zeit

Die meisten Studierenden, die ein Auslandssemester einschieben, belegen zwar Kurse und schreiben Klausuren – doch aus Erfahrung weiß ich: In der Regel bleiben sie hinter den angepeilten Credit Points zurück. Sie bestehen weniger Prüfungen, als sie sollten, weil das Prüfungsumfeld ungewohnt ist oder weil nicht alle Auslandsprüfungen anerkannt werden. Die fehlenden Leistungen müssen nachgeholt werden, was häufig die Studiendauer verlängert.

Andere Kultur? Von wegen…

Ich habe schon viele Studis getroffen, die im Auslandssemester vor allem »eine neue Kultur kennenlernen« wollten. Aber ganz ehrlich: Meist passiert das nur begrenzt. Erstens, weil man sich nur im universitären Umfeld bewegt. Und zweitens, weil die internationalen Studis häufig doch vor allem miteinander rumhängen. Ich empfehle stattdessen ein Auslandspraktikum, ein soziales Jahr oder einen Work-and-Travel-Aufenthalt. Bei diesen Auslandsaufenthalten ist die Chance, das »echte Leben« vor Ort kennenzulernen, viel größer.

Übrigens: Nach Angabe des Deutschen Studierendenwerks  sind die beliebtesten Gastländer deutscher Studierender Österreich, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz. Na, wenn das keinen Kulturschock gibt.

Auslandserfahrung ist überbewertet

Noch eine Studie zum Schluss: Die Wirtschaftswoche  befragt in regelmäßigen Abständen Personalverantwortliche, was sie bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen schätzen. Dabei geht es insbesondere darum, welche Eigenschaften besonders karrierefördernd sind. Auslandserfahrung schneidet in diesem Ranking überraschend schlecht ab – nämlich auf Platz zwölf (23 Prozent), weit hinter der Persönlichkeit, Praxiserfahrung und der Abschlussart. Willst du mit einem Auslandsaufenthalt also primär deinen Lebenslauf aufbessern, spricht die Statistik leider gegen dich.

Fazit

Wenn du im Ausland studieren möchtest, weil es dein absoluter Wunschtraum ist und du seit Jahren darauf hinfieberst, dann mach es. Ich möchte niemandem das Auslandssemester schlechtreden. Ich will nur verhindern, dass du ein solches Wagnis aus den falschen Gründen eingehst. Triff deine Entscheidung nicht leichtfertig, sondern beziehe die Risiken mit ein.

Es ist völlig okay, sich gegen ein Teilstudium im Ausland zu entscheiden. Lass dich nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Karrieregurus unter Druck setzen. Es gibt gute Gründe, in Deutschland zu studieren – und deinen Lebenslauf ruinierst du dir damit auch nicht.

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