Tim Reichel

Zusammenhänge knüpfen und Wissenslücken füllen Auswendig lernen, aber richtig

Tim Reichel
Eine Kolumne von Tim Reichel
Karteikarten ade: Mit diesen Techniken bleiben auch große Mengen Informationen im Gedächtnis.
Sich große Mengen Informationen einzuprägen, kann qualvoll sein – und sinnlos. Mit diesen Tipps wird Auswendiglernen effizienter. (Symbolbild)

Sich große Mengen Informationen einzuprägen, kann qualvoll sein – und sinnlos. Mit diesen Tipps wird Auswendiglernen effizienter. (Symbolbild)

Foto: seb_ra / iStockphoto / Getty Images

»Sie sollen die Inhalte verstehen, nicht auswendig lernen!« Viele Profs predigen diese Worte gerne in der Vorlesung – um dann in der Prüfung stumpfsinnig Definitionen abzufragen: »Nennen Sie drei Eigenschaften von…!«, »Was versteht man unter…?«, »Wie hoch ist die Kennzahl XY…?« Und wehe, die Antwort weicht ein µ von der Musterlösung im Skript ab.

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

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Auswendig lernen mit System

Viele Studis setzen beim Auswendiglernen auf klassische Mittel wie Zusammenfassungen, Karteikarten und unzählige Wiederholungen. Sie prügeln sich die faden Inhalte so lange ins Gedächtnis, bis sie aus Mitleid hängen bleiben. Doch dabei verschwenden die Lernenden Zeit und Energie.

Wenn wir unser Gehirn hingegen mit den richtigen Reizen versorgen, prägen sich die Informationen nicht nur besser ein – sie lassen sich auch leichter abrufen und in einen übergeordneten Zusammenhang bringen (Transferleistung). Wenn schon auswendig lernen, dann wenigstens so effizient wie möglich. Und dazu verankern wir heute ein paar feine Techniken in deinem Frontalkortex.

1. Global Picture

Viele Studierende beginnen ihre Klausurvorbereitung ohne eine klare Struktur. Sie reihen Lerneinheit an Lerneinheit, ohne zu wissen, wie die einzelnen Themen zusammenhängen. Diese Studis haben das »Große Ganze«, auf Englisch auch: Global Picture, nicht vor Augen. Und damit erschweren sie es ihrem Gehirn, die einzelnen Themen abzuspeichern, weil die separaten Häppchen in keiner Verbindung zueinander stehen. Was hat die Definition aus Kapitel 1 mit der Formel aus Kapitel 2 und dem Paragrafen aus Kapitel 2 miteinander zu tun?

Wenn hingegen klar ist, wie die einzelnen Teile des Lernstoffs zusammenwirken und in welcher Beziehung die Themen stehen, fällt es leichter, ein Wissensnetzwerk zu knüpfen. Bringe daher die einzelnen Inhalte in einen übergeordneten Zusammenhang: Wie sind die Themen miteinander verknüpft? Welche Inhalte bauen aufeinander auf? Wie ist die Struktur der gesamten Vorlesung gestaltet? Am besten zeichnest du dir dazu eine Mindmap und visualisierst die Struktur oder Agenda deiner Vorlesung. Wenn du das Global Picture deines Prüfers oder deiner Prüferin im Blick behältst, verstehst du nicht nur die Gesamtidee besser – du kannst dir zudem Details leichter merken, weil diese nun ihren festen Platz haben.

2. Loci-Methode

Die Loci-Methode  (vom lateinischen Wort für »Ort«, auch bekannt als Routenmethode) ist eine Lerntechnik, die auf Assoziationen beruht. Abstrakte Inhalte (zum Beispiel Zahlen, Begriffe oder Formeln) werden mit praktischen Dingen aus dem persönlichen Alltag (entlang einer örtlichen Route) in Verbindung gebracht und verknüpft. Damit wird die Funktionsweise des menschlichen Gehirns bestmöglich ausgenutzt, weil sich Bilder und Zusammenhänge besser ins Gedächtnis einprägen als reine Fakten. So funktioniert die Loci-Methode:

  1. Suche dir einen bekannten Platz und wähle an diesem Ort bestimmte Punkte aus (Beispiel: Küche).

  2. Lege eine Reihenfolge für diese Punkte fest und bestimme daraus eine Route, die du dir gut merken kannst (Beispiel: Kühlschrank, Backofen, Tisch…).

  3. Verknüpfe eine zu lernende Information als mentales Bild mit einem der Routenpunkte (Beispiel: Kühlschrank – Inhalt von § 27a, Backofen – Beispiel zu § 27b…)

  4. Rufe die abgelegten Informationen ab, indem du einen »geistigen Spaziergang« entlang deiner Route machst.

Die Loci-Methode kannst du für jedes Studienfach nutzen und dem jeweiligen Lernumfang anpassen. Es spielt keine Rolle, ob du dir fünf, 20 oder 300 Informationen merken musst. Du passt einfach die Länge deiner Route an oder erweiterst die »virtuellen Räume« (Wohnzimmer, Badezimmer und so weiter).

3. Feynman-Methode

Beim reinen Auswendiglernen geht man eine riskante Wette ein: Man setzt darauf, dass die gelernten Inhalte in derselben Form abgeprüft werden. Schon kleine Abweichungen in der Fragestellung können während der Prüfung dazu führen, dass man passen muss oder eine falsche Antwort aufs Blatt wurstelt. Mithilfe der Feynman -Methode kann man diesen Umstand beim Lernprozess berücksichtigen und nebenbei Verständnis für den Prüfungsstoff aufbauen.

Die Methode zielt darauf ab, Inhalte zu wiederholen und dabei Wissenslücken offenzulegen – die dann wiederum geschlossen werden, bis man eine Thematik komplett und richtig abrufen kann. Diese Schritte sind dabei zu durchlaufen:

  1. Thema komplett erklären

  2. Fehlendes Wissen dokumentieren

  3. Wissenslücken schließen

  4. Thema komplett erklären

Du wiederholst die einzelnen Schritte so oft, bis du das jeweilige Thema ohne Probleme aus dem Gedächtnis erklären kannst. Besonders gut funktioniert die Technik, wenn du zusammen mit deinen Kommiliton:innen lernst.

Fazit

Gewiss bringt Auswendiglernen nichts für den weiteren Karriereweg, und plumpe Sachinformationen können in wenigen Sekunden gegoogelt werden – aber es nützt ja nichts. Manchmal ist es im Studium nötig, sich gewisse Inhalte stumpf einzuprägen. Mit etwas Technik und Strategie können aber selbst die langwierigsten Auswendiglernsessions am Ende noch interessant werden.

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Noch ein grundsätzlicher Hinweis: Versuche beim Lernen, so viele Sinne wie möglich anzusprechen. Sage dir die Inhalte laut vor, schau dir Videos an, arbeite mit Farben, Skizzen und anderen Möglichkeiten der Visualisierung. Auf diese Weise gestaltest du deinen Lernalltag nicht nur unterhaltsamer, sondern förderst auch dein Erinnerungsvermögen.

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