BAB, Kindergeld, Kredit? Wie Azubis ihre Ausbildung finanzieren können

Obwohl die Mindestvergütungen zuletzt merklich erhöht wurden, verdienen viele Azubis nicht genug, um ihre laufenden Kosten zu decken. Wo es finanzielle Hilfe gibt und wie man sie bekommt.
Man muss nicht gleich nach Gold graben – vorher finden sich mit BAB oder Bafög andere Wege, an Geld für die Ausbildung zu kommen

Man muss nicht gleich nach Gold graben – vorher finden sich mit BAB oder Bafög andere Wege, an Geld für die Ausbildung zu kommen

Foto: Westend61 / Getty Images

Wer im Jahr 2022 eine Berufsausbildung beginnt, bekommt dafür oft mehr Geld als noch in den vergangenen Jahren – nämlich mindestens 585 Euro  im Monat. Mit der Erhöhung will der Gesetzgeber sicherstellen, dass Azubis »angemessen« vergütet werden. Nur: Zum Leben reicht die Ausbildungsvergütung allein in vielen Fällen trotzdem nicht, ob wegen steigender Mieten  oder weil man zwingend auf ein Auto angewiesen ist. Viele schulische Ausbildungen sind zudem weiterhin komplett unbezahlt.

Wie also soll man sich in der Ausbildung finanzieren? Müssen am Ende doch wieder die Eltern ran?

So viel müssen Azubis mindestens verdienen

Wer 2021 mit der Ausbildung angefangen hat, bekommt mindestens 550 Euro, für einen Start im Jahr 2022 liegt der Mindestsatz bei 585 Euro. So steht es im Berufsbildungsgesetz . Die Erhöhung erfolge schrittweise, um den ausbildenden Betrieben Zeit zu lassen, »sich auf die Mindestvergütung einzustellen «, heißt es beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales .

Im zweiten Lehrjahr erhöht sich der Verdienst dann um 18 Prozent, im dritten um 35 Prozent, jeweils bezogen auf das erste Lehrjahr.

Tarifverträge stehen weiterhin über dem gesetzlichen Lohn, können also zu deutlich höheren, aber auch niedrigeren Löhnen führen. Angehende Friseure in Ostdeutschland etwa bekamen 2020 im ersten Lehrjahr im Schnitt nur 336 Euro, zeigt eine Untersuchung von Ausbildungsexperte  Harald Pfeifer vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). In vielen Branchen wurden die tariflichen Vergütungen in den vergangenen Jahren aber deutlich angehoben.

Glücklicherweise nicht (immer): Azubis können diverse Hilfen beantragen, um ihr Einkommen während der Ausbildung aufzustocken. Einige greifen nur in Notfällen, andere müssen zurückgezahlt werden. Den Überblick zu behalten ist nicht immer einfach. Wir stellen die bekanntesten Fördermittel vor und erklären, wie und wo man sie bekommt.

1. Die erste Anlaufstelle: die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)

Mit der Berufsausbildungsbeihilfe, kurz BAB, unterstützt die Bundesagentur für Arbeit Menschen, die eine duale Erstausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf oder eine schulische Ausbildung im Pflegebereich absolvieren. Andere schulische Ausbildungen wie die zur Ergo- oder Physiotherapeutin werden aktuell nicht gefördert.

Neben der richtigen Ausbildung muss mindestens einer der folgenden drei Punkte zutreffen, um die BAB zu bekommen: Die oder der Azubi...

  • ...absolviert die Ausbildung in einem Ausbildungsbetrieb, der zu weit von den Eltern entfernt ist, um zu Hause wohnen zu bleiben.

  • ...ist über 18 Jahre alt und lebt mit dem Partner beziehungsweise der Partnerin zusammen und/oder ist verheiratet.

  • ...hat mindestens ein Kind und lebt nicht mehr bei den Eltern.

Außerdem können Menschen die BAB beantragen, die an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme  oder einer assistierten Ausbildung  teilnehmen.

Um herauszufinden, wie viel BAB einem Azubi zusteht, werde erst einmal der individuelle Bedarf errechnet, erklärt Andreas Brodmerkel, Berater bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Für Lebenshaltungs- und Mietkosten seien das 723 Euro im Monat, »dazu kommen noch Fahrkosten, Arbeitskleidung und Kinderbetreuungskosten«. Ausnahmen und Sonderregeln gebe es, etwa für Azubis, die in Wohnheimen und Internaten leben oder für im Haushalt der Eltern lebende Menschen mit Behinderung.

Der Vorteil der BAB: Das Geld muss nach Abschluss der Ausbildung nicht zurückgezahlt werden. Der Nachteil: Es wird nicht elternunabhängig gezahlt. Verdienen die Eltern – oder bei verheirateten Azubis: der Partner beziehungsweise die Partnerin – zu viel Geld, wird man eventuell nicht gefördert.

Der Onlinerechner der Arbeitsagentur  hilft, einen ersten Überblick zu bekommen. Beantragt wird die BAB dann beim örtlichen Jobcenter oder hier online .

2. Für schulische Ausbildungen: Bafög

Wer sich wegen der Teilnahme an einer schulischen Ausbildung nicht für die BAB qualifiziert, kann Bafög beantragen. Gefördert wird damit, wer vor Antritt der Ausbildung nicht älter als 30 Jahre  ist und etwa eine Fachschule, Berufsfachschule oder Akademie besucht . Außerdem darf man noch keine fünf Jahre  erwerbstätig gewesen sein.

Die angesetzten Bedarfe  – und damit die Höhe der Förderung – hängen davon ab, welche Art von Ausbildung man absolviert:

  • Beim Besuch von Berufsfachschulen oder von Fachschulklassen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzen, wird ein Bedarf von monatlich 247 Euro angesetzt. Wohnt man nicht zu Hause, erhöht sich der Betrag auf 585 Euro.

  • Beim Besuch von Berufsaufbauschulen oder von Fachoberschulklassen, die eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzen, liegt er bei 448 Euro im Monat – oder 681 Euro für alle, nicht mehr bei den Eltern leben.

Wie beim Studierenden-Bafög ist das Einkommen der Eltern hier ein wichtiger Faktor und wird bei der Errechnung der Fördersumme mitberücksichtigt. Anders als Studierende müssen Azubis das Bafög nach Abschluss ihrer Ausbildung aber nicht zurückzahlen – nicht einmal teilweise .

Zuständig für den Bafög-Antrag von Auszubildenden ist das örtliche Amt für Ausbildungsförderung.

3. Ohne Eltern geht's oft nicht: Unterhalt

Eltern sind verpflichtet, während der ersten Ausbildung ihrer Kinder Unterhalt zu zahlen – egal, ob es sich um eine Berufsausbildung oder ein Studium handelt. Bekommen die Kinder Bafög, Kindergeld oder eine Ausbildungsvergütung, reduziert sich die Unterhaltspflicht der Eltern allerdings. Genauer kann man das in der sogenannten Düsseldorfer Tabelle  nachlesen. Der zu zahlende Satz schwankt je nach Einkommen der Eltern. Meist wird bei einem volljährigen und nicht mehr zu Hause lebenden Kind jedoch von einem Maximalbedarf zwischen 569 und 860 Euro im Monat ausgegangen.

Weigern sich die Eltern, den Unterhalt zu zahlen, kann man sie verklagen. Azubis können sich hierzu beim zuständigen Amt für Ausbildungsförderung beraten lassen und mit einem »Antrag auf Vorausleistung« gegebenenfalls Bafög zur Überbrückung beantragen.

4. Kindergeld (nicht nur) für Eltern

Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren (meist aber deren Eltern) können in vielen Fällen Kindergeld beantragen . Antragsberechtigt sind Kinder, die...

  • ...zum ersten Mal eine Schul- oder Berufsausbildung beziehungsweise ein Studium absolvieren.

  • ...eine zweite Ausbildung machen und nebenbei bis zu 20 Wochenstunden arbeiten.

  • ...sich in einer Übergangsphase zwischen Schulabschluss und Ausbildungs- oder Studienbeginn befinden. Allerdings nur, wenn dieser Zeitraum nicht länger als vier Monate dauert.

  • ...ein Praktikum absolvieren, das einen direkten fachlichen Bezug zum angestrebten Beruf hat.

  • ...einen Freiwilligendienst leisten, etwa ein Freiwilliges Soziales Jahr.

  • ...jünger als 21 und arbeitslos gemeldet sind, weil sie keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.

Für das erste und zweite Kind in einer Familie gibt es je 219 Euro, für das dritte 225 Euro und für alle danach je 250 Euro im Monat. Meist erhalten die Eltern das Kindergeld und es steht ihnen frei, ob sie es an ihre Kinder weitergeben. Eine Ausnahme besteht, wenn Eltern ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommen : In dem Fall können Kinder beantragen, das Geld auf ihr eigenes Konto überwiesen zu bekommen.

Beantragt wird Kindergeld bei der Familienkasse .

5. In Härtefällen: Hartz IV für Azubis

Wer sich weder für die BAB noch Bafög qualifiziert oder trotz Förderung in einer finanziellen Schieflage ist, kann seit 2016 unter Umständen  Unterstützung in Form von Arbeitslosengeld (ALG) II beantragen, umgangssprachlich Hartz 4  genannt. »Vor allem in Großstädten sind die Mietkosten oft sehr hoch, sodass der maximal von der BAB vorgesehene Bedarfssatz manchmal nicht ausreicht«, sagt Andreas Brodmerkel von der Bundesagentur für Arbeit. In solchen Fällen könnten Azubis gegebenenfalls mit ALG II aufstocken.

Ausgeschlossen vom ALG II sind Azubis, die mit Vollverpflegung in einem Wohnheim, Internat oder direkt bei den Ausbildenden untergebracht sind. In manchen Fällen  wird das ALG II auch nur als Darlehen gewährt – und muss später zurückgezahlt werden.

Den Antrag stellt man beim örtlichen Jobcenter, dort kann man sich auch beraten lassen.

6. Wohngeld für alle, die durchs Raster fallen

Wohngeld steht Azubis nur in seltenen Fällen zu. Grundvoraussetzung ist, dass sie sich nicht für die BAB qualifizieren – zum Beispiel, weil sie keine offiziell anerkannte Berufsausbildung absolvieren. Das kann etwa ein junger Beruf wie Yogalehrer:in sein. Bei der Berechnung  des Wohngeldanspruchs spielt neben der Höhe der Miete und dem ortsüblichen Mietniveau  auch das Einkommen der anderen Haushaltsmitglieder eine Rolle, zum Beispiel der Mitbewohner:innen in einer WG.

Beantragt wird Wohngeld  bei der örtlichen Gemeinde-, Stadt-, Amts- oder Kreisverwaltung, also meist im Rathaus.

7. Wie an der Uni: Stipendien für Begabte?

Im Koalitionsvertrag hat die neue Bundesregierung angekündigt, sie beabsichtige »eine Begabtenförderung in der beruflichen Bildung einzuführen« und zudem die bestehenden Strukturen so umzubauen, dass sie neben Studierenden auch Azubis fördern.

Einfacher formuliert: Bald soll es Stipendienprogramme auch für besonders erfolgreiche oder gesellschaftlich engagierte Azubis in der Erstausbildung geben. Bisher gibt es solche Programme nämlich nur für Weiter- und Fortbildungen, etwa das Weiterbildungsstipendium  für alle, die einen Meister machen oder sich anderweitig qualifizieren wollen.

Manche Berufsfachschulen vergeben bereits eigene Stipendien, hier lohnt sich eine Nachfrage bei der Schulverwaltung.

8. Die letzte Ausfahrt: der Bildungskredit

Falls sich keine andere Fördermöglichkeit ergibt, kann man für die Ausbildung einen Kredit aufnehmen. Der Bildungskredit des Bundesverwaltungsamts  etwa richtet sich neben Studierenden speziell an Azubis zwischen 18 und 35 in schulischen Ausbildungen.

Da Kredite aber zurückgezahlt werden müssen und ein Schuldenberg den Berufseinstieg erschweren kann, sollte man solche Angebote gut durchrechnen und nur im Notfall nutzen – zum Beispiel, wenn ansonsten die Ausbildung nicht fortgeführt werden kann.