Trennung für die Karriere Wenn der Job die Liebe auffrisst

An der Spitze der Karriereleiter locken Geld, Anerkennung und Erfüllung. Doch was, wenn auf dem Weg nach oben die Beziehung zerbricht?
Trennung wegen Karriere: Gründerin Aimie-Sarah Carstensen und ihr Mann ließen sich scheiden, obwohl sie einander liebten

Trennung wegen Karriere: Gründerin Aimie-Sarah Carstensen und ihr Mann ließen sich scheiden, obwohl sie einander liebten

Foto: Marcel Maffei

Sandra Neuhaus* hat den Mann ihrer Träume gefunden. Und wieder verloren. Nicht an eine andere Frau. Sondern an seinen Job.

Eine Woche, nachdem die Münchnerin den sieben Jahre älteren Kulturmanager Anfang 2017 über Tinder kennengelernt hatte, trafen sich die beiden zum ersten Date. Es folgte, so erinnert sich Neuhaus, eine Liebe im Schnelldurchlauf: »Wir sahen uns fast jeden Tag, nach ein paar Wochen stellte er mich bereits seiner Familie und den Freunden vor.« Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon Ende zwanzig gewesen sei, habe sie in ihm den ersten Mann gesehen, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen konnte.

Doch nach dem Rausch der ersten Wochen nahm seine Karriere immer mehr Platz in ihrer Beziehung ein. Aus geplanten Treffen wurden Telefonate, meist spät am Abend, wenn er auf dem Weg nach Hause war und sie eigentlich im Bett liegen sollte. Nachts bekam sie lange Nachrichten von ihm, in denen er erklärte, wie sehr es ihn zerriss, dass er Karriere und Partnerschaft nicht gleichwertig behandeln konnte. Nach wenigen Monaten beendete er die Beziehung. Er hatte sich entschieden – gegen Sandra und dafür, seine volle Kraft in den beruflichen Erfolg zu stecken.

Zwei widerstreitende Interessen

Wie entscheidet man, was wichtiger ist: Karriere oder Liebe? Und kann man vielleicht lernen, beides erfolgreich zu verbinden?

Gerade am Anfang einer Berufslaufbahn stellen sich diese Fragen. Wenn sich so vieles verändert, wenn der Alltag neu getaktet wird – neuer Ort, neue Leute, neuer Tagesablauf, neue Aufgaben – und wenn die Weichen für die Karriere gestellt werden, ist es oft gar nicht so leicht, sich auf eine Beziehung zu konzentrieren. »Man will austesten, was man kann. Da ist es natürlich möglich, dass sich die Prioritäten zugunsten des Jobs verschieben«, sagt Paartherapeut Clemens von Saldern. Auch das Streben nach Status und Anerkennung sowie finanziellem Wohlstand spiele dabei eine Rolle.

Um zu erkennen, worauf man den Fokus im Leben setzen möchte, kann es hilfreich sein, das eigene Wertesystem genauer zu betrachten, empfiehlt Sabine Osmanovic, die als Life-Coach arbeitet. Dazu macht sie mit ihren Klienten eine simple Übung: Auf ein Blatt Papier müssen sie zehn Dinge schreiben, die ihnen in Bezug auf Liebe und Partnerschaft wichtig sind, auf einem zweiten notieren sie ihre Top-Ten-Liste in Sachen Beruf und Karriere. Im Anschluss legen sie die beiden Listen nebeneinander und entscheiden der Reihe nach, welcher Wert ihnen derzeit wichtiger ist. Der Begriff, der weniger Bedeutung hat, wird gestrichen. 

»Am Ende werden Sie sehen, auf welchem Blatt mehr stehen geblieben ist und somit, wo Ihre Prioritäten liegen«, sagt Osmanovic. »Sie können sich auch die Frage stellen: Was gebe ich auf, wenn ich mich für die Partnerschaft oder die Karriere entscheide – und bin ich bereit, diesen Preis zu zahlen? Wenn Erfolg und Anerkennung wichtiger sind als Beziehungen, Nähe und Partnerschaft, dann wird der Job immer Vorrang haben.«

Die Liebe ist auch eine Investition

Dass sie für eine wichtige Karrieremöglichkeit ihre Partnerschaft hintanstellen würden, sagten in einer repräsentativen Studie des Online-Datingportals ElitePartner  45 Prozent aller befragten Singles unter 30 und immerhin 28 Prozent derjenigen, die in einer Partnerschaft leben. Besonders wenn die Beziehung noch frisch ist, besteht laut der Umfrage ein erhöhtes Risiko, dass sie dem Job zum Opfer fällt: 39 Prozent der Liierten, die zwischen drei Monaten und einem Jahr zusammen waren, gaben an, sie würden im Entweder-oder-Fall die Karriere über die Liebe stellen. Mit zunehmender Beziehungsdauer sinkt die Bereitschaft, für den Job die Partnerschaft aufzugeben – gerade in Phasen der Familiengründung setzen Paare eher Prioritäten zugunsten ihrer Beziehung. Bei Langzeitpaaren steigt der berufliche Fokus dann aber wieder etwas an.

»Ich will lieben und arbeiten und das genau in dieser Reihenfolge« 

Sandra Neuhaus

Die abrupt verlassene Münchnerin Sandra Neuhaus hätten solche Statistiken nicht getröstet. Ihr fällt es bis heute schwer zu verstehen, wie sich jemand gegen eine Partnerschaft entscheiden kann, nur um noch mehr Zeit in seine Karriere zu stecken. »Ich bin zwar auch ehrgeizig und finde es gut, wenn jemand berufliche Ambitionen hat, aber nur das kann einen Menschen doch nicht erfüllen«, sagt sie. Neuhaus möchte jemanden finden, der die gleichen Prioritäten setzt wie sie. »Ich habe verstanden, dass so ein Mann gar nicht zu mir passt. Ich will lieben und arbeiten und das genau in dieser Reihenfolge.«

Diese Rangordnung würde Paartherapeut von Saldern sicher gutheißen. »Wir erleben immer wieder, dass Menschen nicht erkennen, wie wertvoll es ist, in eine Beziehung zu investieren«, sagt der Experte. »Beim Job kann man den Wert anhand des Gehalts und der Verantwortung messen, das ist sehr offensichtlich. In der Beziehung ist der Profit nicht so schnell erkennbar. Aber es gibt keine bessere Investition.« 

Ein Kompromiss ist besser als ein Alleingang

Paare, die in Umbruchphasen zusammenbleiben wollen, etwa bei Auslandssemestern, beim Übergang vom Studium in den Beruf oder auch beim Jobwechsel in eine neue Stadt, können zum Beispiel versuchen, sich ausdrücklich auf eine Option zu einigen – etwa auf eine Fernbeziehung. »Bespricht man seinen Wunsch mit dem Partner und trifft zusammen eine Entscheidung, ist es oft weniger problematisch«, sagt die Psychologin Lisa Fischbach, die die Forschungsabteilung bei ElitePartner leitet. »Kritisch wird es eher, wenn einer die Entscheidung allein trifft. Das bedeutet für den Partner eine große Verunsicherung.«

Trotzdem erhöht es das Trennungsrisiko, wenn man sich aus beruflichen Gründen für eine Fernbeziehung entscheidet. Geografische Distanz und eine höhere Pendeldauer führen dazu, so zeigen Forschungsergebnisse , dass Beziehungen eher zerbrechen. Fischbach rät, sich in solchen Phasen bewusste Paar-Oasen zu schaffen, zum Beispiel durch Videoanrufe. »Das hat eine andere Qualität, als sich zwischendurch einige kurze Nachrichten zu schicken.«

Was aber, wenn der Drang nach Selbstverwirklichung so groß ist, dass man keinen Kompromiss finden kann? Aimie-Sarah Carstensen kennt dieses Gefühl gut. Nach elf Jahren Beziehung, davon zwei Jahren Ehe, ließen sich die 31-jährige Start-up-Gründerin und ihr Mann im vorigen Jahr scheiden. Obwohl sie sich liebten, wollte keiner seinen beruflichen Traum für den anderen aufgeben.

Carstensen lernte ihren späteren Mann auf einer Uni-Party in Berlin kennen. Schon am Anfang ihrer Beziehung, so erzählt sie, verfolgten beide weiter ihre eigenen Ziele. »Wir waren immer viel unterwegs, haben im Ausland studiert oder zeitweise nicht am selben Ort gearbeitet. Das war aber für beide in Ordnung, wir bekamen das an den Wochenenden gut hin.« Sie sei schon immer ein Workaholic gewesen, sagt Carstensen, aber mit der Gründung ihres ersten Unternehmens 2016 sei vieles noch einmal anders geworden. »Mein Geschäftspartner und ich steckten unser ganzes Erspartes in das Projekt. Das setzt natürlich etwas unter Druck.«

Wenn ein Date zum Punkt auf der To-do-Liste wird

2017 wurden sie mit ihrem Start-up, der Erlebnisplattform »Artnight«, bei der »Höhle der Löwen« eingeladen, einer Fernsehshow für Gründer. Auch privat ging es voran: Carstensen heiratete ihren Freund. »So schön diese Erfahrungen waren, rückblickend hatte ich zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, alles und jedem gerecht werden zu müssen und dabei selbst total auf der Strecke zu bleiben«, erinnert sie sich. 

Carstensen verfiel in einen Erledigungsmodus. 60 Stunden Arbeit in der Woche waren für sie normal, aber auch alle privaten Termine waren durchgetaktet. Ein Date mit ihrem Mann wurde zu einem Punkt auf ihrer To-do-Liste. Die Firma stand vom Zeitaufwand her immer an erster Stelle. »Das ist für den Partner natürlich nicht leicht«, sagt sie.

»Wir dachten beide immer, einer wird seinen Wunsch schon für den anderen aufgeben«

Aimie-Sarah Carstensen

Immer häufiger diskutierte das Paar die Planung für die kommenden Jahre. Während sie mit ihrem Unternehmen in Berlin bleiben und irgendwann auch eine Familie gründen wollte, träumte er vom Leben und Arbeiten als digitaler Nomade im Ausland. Schon vor der Hochzeit seien ihre Vorstellungen auseinandergegangen, sagt Carstensen. »Aber dadurch, dass wir so lange zusammen und auch so enge Freunde waren, wollten wir das wohl nicht wahrhaben. Wir dachten beide immer, einer wird seinen Wunsch schon für den anderen aufgeben.«

Gerade wenn eine Beziehung länger besteht, ist es nicht einfach, sich zu trennen. »Da gibt es so vieles, was man gemeinsam erlebt und geschaffen hat«, sagt Life-Coach Sabine Osmanovic. Doch wenn sich die Partner in unterschiedliche Richtungen entwickeln würden und unterschiedliche Bedürfnisse hätten, bröckele dieses Fundament irgendwann. Finde man keinen Konsens, sei es besser, sich zu trennen, sagt die Beraterin. »Irgendwann macht sonst derjenige, der dem anderen zuliebe auf die Karriere oder die Familie verzichtet hat, dem anderen Vorwürfe. Das geschieht oft unterbewusst und vergiftet nach und nach die Beziehung.«

Das Eingeständnis, dass ihre Lebenswege nicht mehr zusammenpassten, sei ihr und ihrem Mann schwergefallen, sagt Aimie-Sarah Carstensen. Im Spätsommer 2018 packte er seine Tasche und flog nach Bali – der entscheidende Schritt zur Trennung. »Ich bin ihm heute dankbar für diesen Schritt, sonst hätten wir den Absprung vielleicht nicht geschafft«, sagt Carstensen, die mittlerweile glücklich in einer neuen Beziehung ist.

Aus der Trennung habe sie eine ganz wichtige Sache gelernt: »Man kann keine Partnerschaft auf Augenhöhe führen, wenn einer seinen Lebenstraum komplett für den anderen aufgibt und es keinen Raum für gute Kompromisse gibt.«

* Name von der Redaktion geändert

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