Erfolgreich in der Job-Nische Von wegen brotlose Kunst

»Damit verdient man doch niemals Geld«, mussten sich unsere drei Protagonisten jahrelang anhören. Doch mit Orchideenfach, Künstler-Hobby und Ausbildungsberuf kommen sie ausgezeichnet durchs Leben.
Aufgezeichnet von Sebastian Maas
Archäologin Franziska Steffensen: »Ich habe mich früh spezialisiert«

Archäologin Franziska Steffensen: »Ich habe mich früh spezialisiert«

Foto: Jana Ulrich

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Folgt man seinem Herzen – oder ergreift man einen finanziell sicheren, aber dafür langweiligen Beruf? Diese Frage stellen sich viele, die sich für eine berufliche Laufbahn entscheiden müssen.

Denn wenn man nicht gerade Ingenieurin oder Arzt werden will, heißt es von Familie, Freunden oder Berufsberater:innen schnell: »Aber Geld verdient man damit nicht!« Vor allem, wenn die angestrebte Ausbildung ein vermeintliches Orchideenfach oder irgendwas mit Kunst ist.

In diesem Text erzählen eine Archäologin, ein Maler und eine Friseurin, die allen Unkenrufen zum Trotz ziemlich gut verdienen: Weshalb haben sie sich für die vermeintlich brotlose Kunst entschieden – und warum sind sie so glücklich über diese Entscheidung?

Friseurin Laura Thielvoldt, 23: »Ich bin froh, auf meinen Bauch gehört zu haben«

»Ich wollte schon als Kind Friseurin werden, die Arbeit mit Haaren habe ich mir spannend vorgestellt. Als ich Abi machte, kam ich ins Grübeln. Der Job ist gesellschaftlich nicht so angesehen, die Verdienstmöglichkeiten sind eher mau. In meinem Jahrgang und von Lehrer:innen habe ich immer wieder gehört wie: ›Bist du eigentlich doof, du hast doch Abi, warum willst du Haare schneiden?‹

Trotzdem entschied ich mich nach dem Abschluss für ein Praktikum als Friseurin, einfach um sicherzugehen. Ich stellte fest: Die Arbeit macht mir riesigen Spaß, und das war mir wichtiger als das Einkommen. Später merkte ich, dass dieses Vorurteil nicht einmal stimmt – auch als Friseurin kann man ein wirklich gutes Gehalt bekommen.

Natürlich ist man beim Einstieg meist keine Topverdienerin. Aber man kann sich entwickeln. Schon in der Ausbildung verstand ich, dass man viel mehr lernen kann als das, was mir beigebracht wurde. Kund:innen kommen häufig mit einem Frisurbild von Instagram und sagen: ›Das möchte ich auch.‹ Wenn man nur Dauerwelle und klassische Schnitte beherrscht, kann man ihnen nicht helfen. Deshalb besuche ich Seminare und Fortbildungen, lerne aktuell gefragte Techniken und Methoden aus dem Ausland. Immer, wenn irgendwo jemand einen Trick anwendet, den ich noch nicht kenne, frage ich nach und schaue zu.

Inzwischen bin ich angestellt in einem Salon , der ein junges und trendbewusstes Publikum hat. Dort bieten wir beispielsweise Balayage an, eine aufwendige Technik, um Farbverläufe von Hand ins Haar einzuarbeiten. Weil so etwas eine gute Aus- und Weiterbildung erfordert und Zeit kostet, kann man dafür auch mehr Geld verlangen. Gleichzeitig darf ich mich dabei kreativ austoben, weil die Technik immer individuell angepasst wird.

Es stimmt, dass viele Friseur:innen schlecht verdienen. Standard-Friseursalons zahlen häufig nur den gesetzlichen Mindestlohn, das Einstiegsgehalt liegt im Schnitt bei 1666 Euro brutto. Mein Grundgehalt ist schon deutlich höher als das, außerdem bekommen wir obendrauf Provisionen für unseren Umsatz. So habe ich die Möglichkeit, mit Grundgehalt und Provisionen das Doppelte vom Mindestlohn zu verdienen. Das finde ich fair, weil es sich so für mich lohnt, mehr zu arbeiten und Neues zu lernen. Die Seminare und Fortbildungen bezahlt mein Arbeitgeber.

Weil ich mich in unserem Salon sehr eingebracht habe, hat mein Chef mich inzwischen als Salonmanagerin eingesetzt. Nun kümmere ich mich auch um Dienstpläne, Marketing und unsere Social-Media-Accounts. Um mich weiterzuentwickeln, habe ich doch noch angefangen, berufsbegleitend BWL zu studieren. Ich möchte als Friseurin und mit unserem Salon langfristig erfolgreich sein. Das Studium hilft dabei, denn nun kann ich gemeinsam mit meinem Chef Strategiepläne und Umsatzziele besprechen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass man nur genug Leidenschaft für einen Job braucht. In manchen Branchen ist es sicherlich leichter – aber wenn man sich engagiert, kann man auch als Friseurin gutes Geld verdienen und gleichzeitig Spaß haben. Hätte ich direkt BWL studiert, würde mir die Kreativität der Arbeit fehlen. Außerdem hätte ich keine Erfahrung, wie man ein Geschäft führt. Ich bin froh, auf meinen Bauch gehört zu haben – und nicht auf die anderen.«

Archäologin Franziska Steffensen, 31: »Teilweise waren wir mehrere Wochen am Stück auf See«

»Ich habe Prähistorische und Historische Archäologie in Kiel studiert. Meine Familie war von der Entscheidung einigermaßen überrascht. Über die ersten ›Indiana Jones‹-Assoziationen hinaus können sich viele Menschen nichts darunter vorstellen. Schon gar nicht, dass man damit später einen Job findet. Tatsächlich aber habe ich als Archäologin schon direkt nach dem Abschluss sehr gutes Geld verdient. Es gibt für meinen Job viel mehr Einsatzorte, als man denkt – auch in anderen Branchen.

Nicht nur Unis und Museen führen Ausgrabungen durch. Tatsächlich kommen viele Aufträge aus der Privatwirtschaft. Wenn etwa ein Unternehmen ein Bauprojekt plant, müssen eventuelle Fundstücke früherer Zeiten zuerst dokumentiert und geborgen werden. Dafür werden Archäolog:innen beauftragt, das Unternehmen zahlt in dem Fall die Ausgrabung.

Ich habe mich früh spezialisiert. An meiner Uni gibt es ein Programm, das Studierenden verschiedener Disziplinen die Möglichkeit bietet, sich zur Forschungstaucherin ausbilden zu lassen, zum Beispiel für Unterwasserarchäologie oder Meeresbiologie. Das wollte ich unbedingt machen. Nach der zehnwöchigen Berufsausbildung konnte ich noch während des Masterstudiums anfangen, in dem Bereich zu arbeiten. Und auch schon richtig Geld verdienen.

Mein erster großer Auftrag war gar nicht weit von meiner Heimat entfernt. Vor einem Bauvorhaben in der Ostsee sollte die geplante Trasse untersucht werden. Alle archäologisch relevanten Funde wurden unter Wasser dokumentiert. Grundsätzlich lässt man Kulturgut, wo es ist. Schließlich hat es sich genau dort bereits Jahrhunderte erhalten. Manche Funde haben wir aber geborgen, weil der geplante Bau ihren Erhalt bedroht hätte.

»Die Arbeit ist superspannend, aber körperlich auch sehr fordernd. Dafür sind die Verdienstmöglichkeiten gut.«

Archäologin Franziska Steffensen

In dieser Zeit war ich als freie Mitarbeiterin auf Auftragsbasis angestellt. Teilweise waren wir mehrere Wochen am Stück auf See, ohne einen freien Tag. Geschlafen haben wir auch auf dem Schiff. Die Arbeit ist super spannend, aber körperlich auch sehr fordernd. Dafür sind die Verdienstmöglichkeiten gut: Als Tagessatz konnte ich, weil ich durch mein Studium und die Zusatzausbildung sehr spezialisiert bin, 450 Euro und mehr veranschlagen. Solche Projekte sind aber selten, es gehört also auch etwas Glück dazu.

Nach drei Jahren habe ich erst einmal mit dem Tauchen aufgehört. Der Verdienst war super, aber abhängig von der Auftragslage. Ich wollte gern besser planen können, wann mein nächstes Gehalt kommt. Jetzt arbeite ich für ein Windkraftunternehmen und betreue die Entwicklung von Windparks.

In der Stellenanzeige für den Job waren vor allem Ingenieur:innen oder Geograf:innen gesucht. Ich wusste aber, dass ich als Archäologin ebenfalls qualifiziert bin. Arbeiten mit Kartierungs- und Bauplanungssoftware hatte ich bei Grabungen schon jahrelang gemacht, zum Beispiel in den Semesterferien als Nebenjob.

Wir Archäolog:innen dokumentieren und vermessen unsere Fundstellen sehr genau, da lernt man so etwas schon, wenn man als Grabungshilfe anheuert. Mein jetziger Arbeitgeber sah das genauso und stellte mich aufgrund meiner praktischen Erfahrungen direkt ein. Das ist kein Geheimnis: Praktika und Nebenjobs bringen einen häufig weiter, als das Abschlusszeugnis allein es könnte.«

Künstler Henrik Becker, 29: »Jeffrey Bezos würde ich aus Prinzip kein Bild verkaufen«

»Ich habe schon immer gern gemalt, gesprayt und gezeichnet, hätte aber nie gedacht, dass ich damit mal Geld verdienen könnte. Aus Vernunft machte ich eine Ausbildung zum Mediengestalter – ein Beruf, bei dem ich die meiste Zeit am Bildschirm sitze und Drucksachen wie Flyer layoute. Die Kunst entwickelt sich allerdings mehr und mehr zu einem zweiten Standbein. Zu verdanken habe ich das auch der Pandemie.

»Wie man den Stil nennt, weiß ich nicht genau. ›Zeitgenössisch‹ wahrscheinlich?«

Künstler Henrik Becker

Als ich 2020 im Corona-Shutdown plötzlich viel zu Hause bleiben musste und einen Ausgleich zum Computer brauchte, begann ich, regelmäßig zu malen. Besonders mag ich große Leinwände. Ich habe einfach gemalt, was ich gern wollte. Keine Imitationen oder Nachahmungen anderer Bilder, aber mit Anleihen an Street- und Pop-Art. Wie man den Stil nennt, weiß ich daher nicht genau. ›Zeitgenössisch‹ wahrscheinlich? (lacht)

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Ich malte anfangs nur für mich selbst, die Bilder standen bei mir zu Hause herum. Aber bei Freunden kamen sie gut an. Einige fragten mich, ob ich sie ihnen verkaufen würde. Ich war total überrascht und hatte keine Ahnung, was ich dafür verlangen sollte. Ich hatte noch nie ein Bild verkauft und schlug hundert Euro vor, was sie viel zu wenig fanden. Dabei freute ich mich anfangs einfach, dass jemand meine Arbeit in seine Wohnung hängen möchte. Ich wollte kein Geld verdienen, war bloß froh, die Kosten für Leinwände und Farben erstattet zu bekommen.

Ende vergangenen Jahres fing ich an, meine Werke auch auf Instagram zu teilen. Seitdem kommen noch mehr Anfragen, auch aus dem Ausland. Wenn ich ein Bild gepostet habe, melden sich häufig mehrere Interessenten.

Ich finde, dass Kunst auch wertgeschätzt werden sollte. Am einfachsten geht das monetär. So kann ich mich als Künstler weiterentwickeln, mir von dem Geld besseres Material kaufen. Oder mehr Zeit zum Malen.

Im Oktober habe ich meine erste Ausstellung in Flensburg, dafür habe ich lange mit dem Galeristen gesprochen und ein besseres Gefühl dafür bekommen, was Kunst kostet – oder kosten sollte. Inzwischen fällt es mir leichter, Arbeitszeit, Materialaufwand und auch Nachfrage zu einem angemessenen Preis zu kalkulieren. Je nach Größe der Bilder werden sie bei der Ausstellung zwischen 600 und 1500 Euro angeboten.

Neben den Unikaten verkaufe ich Prints und Poster, die sind entsprechend günstiger. Mir ist es wichtig, auf die Möglichkeiten der Käufer einzugehen. Wenn mich ein Student anfragt, würde ich definitiv weniger verlangen, als wenn mich Jeff Bezos fragt. Andererseits würde ich dem aus Prinzip keins verkaufen.

Wenn es so weiterläuft, könnte ich zukünftig komplett von der Kunst leben und sogar mehr verdienen als mit meinem vermeintlich vernünftigeren Job als Grafikdesigner. Ich könnte mich also nur noch aufs Malen konzentrieren. Das ist toll, macht mich gleichzeitig aber nachdenklich. Wirtschaftlichen Druck stelle ich mir als Kreativitätskiller vor.

Gelegentlich werde ich sogar gefragt, ob ich Kopien bekannter Werke erstellen kann. So etwas lehne ich aber ab. Die Freiheit, einfach das zu malen, was mir selbst in den Kopf kommt, genieße ich zu sehr. Von Geld möchte ich mich in meinen Entscheidungen nicht leiten lassen.

Anderseits habe ich gemerkt, dass ich in meinem gelernten Job nicht für immer arbeiten möchte. Ab dem Herbst werde ich daher meine Stunden im ›richtigen‹ Job reduzieren und in Teilzeit Kunst und Deutsch studieren. Mit dem finanziellen Polster, das durch die Malerei entsteht, ist es einfacher, mich beruflich neu zu erfinden.«

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