Gendergerechte Berufsberatung "Das Empathie-Seminar wird vor allem von Männern gebucht"

Die Arbeitswelt ist noch immer männlich, sagt Michaela Bruns. Deshalb steht in ihrer Coaching-Agentur das Geschlecht im Fokus. Hilft das wirklich bei der Gleichberechtigung?
Interview von Helene Flachsenberg
Gendergerechte Berufsberatung: Auf Unterschiede eingehen

Gendergerechte Berufsberatung: Auf Unterschiede eingehen

Foto: Nick Dolding / Stone RF / Getty Images

Michaela Bruns, 39, arbeitete lange in der Geschäftsführung eines Finanzunternehmens. Im April 2019 gründete sie die Alphamädels  und die Alphakerle . Unter diesen Namen bietet ein deutschlandweites Netzwerk aus Beraterinnen und Beratern Einzelcoachings und Seminare an, die besonders auf die Bedürfnisse der verschiedenen Geschlechter eingehen sollen.

SPIEGEL: Frau Bruns, Sie haben die erste Agentur für "gendergerechte Berufsberatung" Deutschlands gegründet. Was bedeutet das?

Bruns: Ich wollte nicht einfach die x-te Beratungsagentur für Frauen gründen. Frauenberatung ist gut und wichtig - doch dabei wird vergessen, die Männer ins Boot zu holen. Aber Gleichberechtigung kann nur gelingen, wenn beide Seiten mitarbeiten.

Die Arbeitswelt ist nach wie vor männlich. Wenn Frauen Erfolg haben wollen, bedeutet das oft vor allem, sich den Männern anzupassen. Das habe ich an mir selbst erlebt. In sechs Jahren Geschäftsführung wurde ich immer männlicher - und fühlte mich damit selbst nicht mehr wohl.

SPIEGEL: Welche Verhaltensweisen sind für Sie männlich?

Bruns: Sich stark auf Fakten, Zahlen, Statistiken zu fokussieren und möglichst schnell Entscheidungen zu treffen. Und dafür Empathie und Bauchgefühl völlig zu übergehen. Das hat mir besonders zu schaffen gemacht. Ich wechselte noch einmal die Branche, doch dort war es genauso. Also nahm ich mir vor: Es muss sich etwas ändern in der Arbeitswelt, und ich möchte dazu beitragen.

SPIEGEL: Was muss sich denn ändern?

Bruns: Es kann nicht sein, dass Frauen sich in der Berufswelt verstellen müssen. Auf Dauer macht es niemanden glücklich, die eigene Persönlichkeit zu unterdrücken. Und wenn jemand im Job nicht glücklich ist, wird er nie seine ganze Leistung erbringen. Als Agentur arbeiten wir deshalb auf das Ziel hin, jede Person in ihrer Andersartigkeit anzunehmen und anhand ihrer Fähigkeiten gezielt zu fördern. Und das Geschlecht spielt da eben eine große Rolle.

Gendergerechte Beratungsarbeit

SPIEGEL: Wie drückt sich das in der Beratungsarbeit aus?

Bruns: Wenn wir neue Workshops planen, überlegen wir im ersten Schritt: Haben wir hier ein Genderthema? Heißt: Wird über das Thema unterschiedlich nachgedacht? Um das herauszufinden, fragen wir im Team rum, wer das Thema wie angehen würde. Bemerken wir in den Antworten einen sehr großen Unterschied, dann trennen wir die Angebote. 

So arbeitet die Agentur

Die Alphamädels und Alphakerle bieten Einzelberatungen, Workshops und Seminare an. Inhalte sind klassische Berufsthemen wie Existenzgründung, Führungstraining, Persönlichkeitsentwicklung. Beratungsangebote aus Bereichen wie Ernährung und Fitness sollen zu einem ganzheitlichen Konzept beitragen. 

Gendergerecht soll die Beratung dadurch werden, dass die Coaches wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen - zu unterschiedlichen Bedürfnissen und Voraussetzungen von Männern und Frauen, aber auch zu typischen Vorurteilen und Problemen, denen sie in der Arbeitswelt begegnen. Ab Oktober bietet die Akademie der Agentur auch eine Weiterbildung zum gendergerechten Coach an, in der genau diese Kenntnisse vermittelt werden sollen. 

SPIEGEL: Muss man Männer mit anderen Methoden coachen als Frauen?

Bruns: Manchmal schon. Wir verwenden beispielsweise ein Tool, das Männern helfen soll, sich ihren Gefühlen anzunähern: ein Whiteboard, auf dem Magneten mit verschiedenen Gefühlszuständen angeordnet werden. Mit diesem haptischen Element fällt es vielen Teilnehmern leichter, ihre Gefühle in einer konkreten Situation wie einem Konflikt mit dem Chef zu ergründen.

"In den Führungsetagen gibt es noch einige ältere Herren, für die Empathie kein Wert ist."

Michaela Bruns

SPIEGEL: Frauen sind emotional, Männer sachlich - ist das nicht ein überholtes Klischee? Ein Mann, der über seine Gefühle redet, ist doch heute kein Tabu mehr.

Bruns: Es stimmt, gerade das Männerbild durchläuft derzeit einen Wandel - doch auf beruflicher Ebene bestehen weiterhin Konflikte. In den Führungsetagen gibt es noch einige ältere Herren, für die Empathie kein Wert ist. Denen wurde als Kind beigebracht: Wenn du hinfällst, dann tut das nicht weh. Diese Chefs treffen nun auf junge Frauen, die sich nicht mehr alles sagen lassen, und junge Männer, die weiche Seiten zeigen - und kratzen sich die Köpfe.

SPIEGEL: Das klingt, als handle es sich primär um einen Generationenkonflikt. Ist eine gendergerechte Beratungsagentur in ein paar Jahren überflüssig? 

Bruns: Nein. Weil Veränderung sehr lange dauert. Und weil die Wissenschaft immer wieder Beweise erbringt, dass Männer und Frauen unterschiedlich denken und kommunizieren. Für mich ist das eine Grundannahme meiner Arbeit: Wir sind nicht unisex.

Und auch die Erfahrungen, die ich mit Kundinnen und Kunden mache, sprechen für mich eher dafür, dass das Thema in Zukunft größer wird, als dass es verschwindet. Ganz oft hören wir von weiblichen Teilnehmerinnen: "Endlich versteht mich mal jemand." Bei den Männern scheint wiederum langsam anzukommen, dass Fakten nicht alles sind. Das Empathie-Seminar wird vor allem von Männern gebucht.

SPIEGEL: Sie gehen von grundsätzlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern aus. Wie finden wir trotzdem zusammen?

Bruns: Indem wir eine funktionierende Kommunikation etablieren. Das versuchen wir auch innerhalb unserer Agentur: In manchen Veranstaltungen trennen wir zwar nach Geschlechtern, in anderen führen wir aber auch bewusst zusammen. Außerdem haben wir ein übergreifendes Netzwerk von Alphamädels und Alphakerlen.

Männlich, weiblich, non-binär

SPIEGEL: Kommunikation ist wichtig, Sprache auch. In diesem Sinne sei die Frage erlaubt: Sind "Mädels" wirklich auf Augenhöhe mit "Kerlen"? 

Bruns: Von Männern und Frauen zu sprechen, fand ich zu langweilig, gleichzeitig wollte ich einen Namen ohne Wertung, der keine bestimmte Gruppe fokussiert. Ich bin zwar gebürtige Bremerin, aber in Baden-Württemberg groß geworden, und hier spricht man von Mädels, auch bei erwachsenen Frauen. Und die "Kerle" passten für mich einfach dazu. 

SPIEGEL: Es gibt auch Menschen, die sich im binären Geschlechtsmodell von männlich - weiblich grundsätzlich nicht wiederfinden. Ist an die in Ihrer Agentur auch gedacht?

Bruns: Momentan empfehlen wir diesen Menschen, den Workshop zu besuchen, bei dem sie sich eher wohlfühlen. Für die Zukunft sind auch Veranstaltungen geplant, die sich an genau solche Personen richten. Allerdings muss man da die Nachfrage abwarten - vielleicht ist auch ein Einzelcoaching eher die richtige Wahl. Denn am Ende läuft es immer wieder darauf hinaus: Es kommt auf das Individuum an.