Berufseinstieg als Bestatterin »Wir alle haben eine morbide Neugier in uns«

Luise Diestel hat jeden Tag mit Menschen zu tun, die jemanden verloren haben. Hier erzählt sie, was sie dabei über Leben und Sterben gelernt hat – und warum man über den Tod auch lachen darf.
Aufgezeichnet von Lukas Kissel
Bestatterin Diestel mit Urne: »Man darf locker über den Tod reden, er gehört zum Leben dazu«

Bestatterin Diestel mit Urne: »Man darf locker über den Tod reden, er gehört zum Leben dazu«

Foto: Julia Gais-Lemmer

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Luise Diestel, 25, Bestatterin in Kitzingen bei Würzburg.

»Als ich 21 war, starb der Vater einer guten Freundin. Es war meine erste Beerdigung, eine Waldbestattung, der Wind rauschte durch die Blätter. Auf Wunsch meiner Freundin sang ich ein Lied, ich weiß noch, dass ich die ganze Zeit die Augen zu hatte – ich wäre wohl in Tränen ausgebrochen, wenn ich ihr ins Gesicht geschaut hätte. Es war ein schrecklicher und schwieriger Moment, aber irgendwie auch schön, so eindrucksvoll, so tröstlich.

Ich studierte damals Psychologie, aber ich wusste: Ich will keine Psychotherapeutin werden, auch nicht in die Forschung gehen. Ich wollte etwas machen, das gleichzeitig sozial und handwerklich ist. Also probierte ich im Studium verschiedene Bereiche aus, absolvierte auch ein Praktikum in einem Bestattungsinstitut – und das passte. Nach dem Studium begann ich eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft, im vergangenen Jahr schloss ich sie ab. Seitdem bin ich in meinem Ausbildungsbetrieb angestellt. Als Einstiegsgehalt bekomme ich 2800 Euro brutto.

»Mein Beruf ist vor allem dann belastend, wenn er stressig ist. Die Menschen sterben ja nicht arbeitszeitgerecht.«

Wenn ich Fremden von meinem Beruf erzähle, sind sie oft erst mal überfordert. Viele haben den Impuls: Sobald sie von Sterben und Tod hören, müssen sie betroffen sein, dann müssen sie aufpassen, was sie sagen.

Aber wenn diese anfängliche Hemmung überwunden ist, haben wir alle eine gewisse morbide Neugier in uns, und das ist okay. Wir sind auf der Arbeit ja auch nicht immer traurig und betroffen, sondern wie in jedem anderen Job mal gut drauf, machen Scherze unter Kolleg:innen. Man darf locker über den Tod reden. Ich finde, er gehört zum Leben dazu, und wenn man nicht gerade selbst trauert, muss das kein trauriges Thema sein. Als ich letztens in einer Schulklasse von meinem Berufsalltag erzählte, fanden es die Kinder natürlich lustig, dass Leichen auch mal pupsen, weil sie keine Kontrolle mehr über ihren Schließmuskel haben.

Ehrfurcht vor den Toten

Trotzdem hatte auch ich erst Berührungsängste. Zum Beruf gehört, dass wir die Verstorbenen abholen, waschen, ankleiden und so vorbereiten, dass sich Angehörige von ihnen verabschieden können. Am Anfang hatte ich Angst, dass ich den Verstorbenen beim Ankleiden wehtun könnte. Ich sehe immer noch die Person dahinter. Es gibt Kolleg:innen, die sich davon abgrenzen und sehr auf ihre Tätigkeit konzentrieren, um sich selbst zu schützen. Aber ich möchte mir diese Ehrfurcht auf jeden Fall beibehalten.

Mein Beruf ist vor allem dann belastend, wenn er stressig ist. Die Menschen sterben ja nicht regelmäßig und verteilen sich arbeitszeitgerecht. Und dann komme ich manchmal aus dem dritten Trauergespräch an einem Tag und weiß schon gar nicht mehr, was ich mit wem besprochen habe.

Die Trauergespräche machen neben der Organisation der Bestattungen den größten Teil meiner Arbeit aus. Die Leute, die zu uns kommen, sind in einem absoluten emotionalen Ausnahmezustand, aber sollen Entscheidungen treffen, die viele überfordern. Feuer- oder Erdbestattung? Ein Sarg aus Fichte, Kiefer oder Mahagoni? Im Prinzip unterschreiben die Angehörigen in diesem Zustand einen riesigen Kaufvertrag – eine Bestattung kostet im Schnitt 3000 bis 4000 Euro.

Ein Anker für die Angehörigen sein

Man erlebt die ganze Bandbreite von Toten: ältere Menschen mit Krankheiten, aber auch Jüngere nach Unfällen, Suiziden. Einmal gab es eine Verstorbene, kaum älter als ich, die gerade ihr zweites Kind bekommen hatte. Sie hatte eine Schwangerschaftsvergiftung gehabt und war drei Monate nach der Entbindung völlig unerwartet an den Folgen gestorben. Die ganze Familie saß hier: ihre Eltern, ihre Schwester, ihr Freund mit dem Baby auf dem Arm. Da musste ich mich arg zusammenreißen. Im Gespräch habe ich das hinbekommen, aber zu Hause musste ich es rauslassen. Für die Angehörigen muss man ein Anker sein, Stabilität ausstrahlen. Aber gerührt sein ist erlaubt. Man ist immer noch ein Mensch mit Empathie.

»Natürlich rechne ich nicht damit, dass ich morgen sterbe. Aber ich mache mir Gedanken, wie ich meine Lebenszeit gestalten möchte.«

Normalerweise lassen wir den Tod ja nicht an uns ran. Tod ist ein Tabuthema. Aber durch meinen Beruf setze ich mich bewusst damit auseinander. Ich sehe jeden Tag, dass das Leben endlich ist – natürlich rechne ich nicht damit, dass ich morgen sterbe, da wäre ich ja völlig handlungsunfähig. Aber ich mache mir schon Gedanken, wie ich meine Lebenszeit gestalten möchte. Mit welchen Menschen ich mich umgeben möchte, welche Prioritäten ich habe.

Mir ist zum Beispiel Nachhaltigkeit sehr wichtig. Feuerbestattungen verbrauchen sehr viel Energie. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die gesetzlichen Bedingungen für nachhaltigere Alternativen geschaffen werden. Es gibt eine neue Methode, Terramation genannt , bei der der menschliche Körper im Prinzip kompostiert wird. In einigen US-Bundesstaaten ist das schon erlaubt. Ich würde darüber gern mehr aufklären und auch in Deutschland zu einer neuen Bestattungskultur beitragen.«

Wie wird man Bestatter:in?

Wer Bestatter:in werden will, muss in der Regel eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolvieren und dafür mindestens einen Hauptschulabschluss mitbringen. Die Ausbildung  dauert meist drei Jahre und erfolgt dual. Angehende Bestatter:innen arbeiten also einerseits in Ausbildungsbetrieben mit und lernen dort, wie man Verstorbene aufbahrt, Grabstellen einrichtet oder Trauerfeiern plant. Andererseits absolvieren sie in der Berufsschule Unterrichtseinheiten etwa zu Bestattungsriten, zum Umweltschutz oder zu gesetzlichen Vorgaben.

Darauf aufbauend gibt es mehrere Fortbildungen, die man berufsbegleitend absolvieren kann, etwa die zum Bestattermeister . Als Kremationstechniker:in  kann man sich für die Arbeit in einem Krematorium spezialisieren, als Thanatopraktiker:in  lernt man, Verstorbene ästhetisch und hygienisch für die Aufbahrung herzurichten.

Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.