Berufseinstieg als Bürokauffrau »Irgendwann möchte ich unabhängig von meinen Eltern leben«

Melanie Strasser sitzt im Rollstuhl und sollte deshalb nach der Ausbildung in einer Behindertenwerkstatt arbeiten oder gleich einen Antrag auf Arbeitslosengeld stellen. Doch sie ließ nicht locker und erfüllte sich ihren Traum.
Aufgezeichnet von Katharina Hölter
Melanie Strasser: »Zwei Wochen nach meinem Start kam der erste Shutdown«

Melanie Strasser: »Zwei Wochen nach meinem Start kam der erste Shutdown«

Foto: Armin Zacherl

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Melanie Strasser, 23, aus Schongau, hat eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement absolviert und arbeitet jetzt in einer Bildungs- und Begegnungsstätte in Oberbayern.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Zum Ende meiner Schulzeit träumte ich davon, Mediengestalterin zu werden. Doch nach dem Abschluss fand ich keine Berufsschule, die diese Ausbildung für behinderte Menschen anbietet. Ich habe Athetose, das ist eine Form der Spastik, und eine Cerebralparese. Für Fremde ist meine Aussprache schwierig zu verstehen – ich spreche langsamer und undeutlicher als andere, deshalb kommuniziere ich lieber schriftlich. Tastatur und Maus kann ich nicht bedienen, dazu bewegen sich meine Arme zu ungenau. Stattdessen verwende ich einen Joystick, mit dem kann ich auch meinen Rollstuhl steuern.

Ich informierte mich also über andere Ausbildungen und landete irgendwann bei der zur Kauffrau für Büromanagement, das kam meinem eigentlichen Berufswunsch zumindest nah. Für die Ausbildung  zog ich ins 140 Kilometer entfernte Ravensburg, dort wohnte ich im Internat und kam nur an den Wochenenden zurück nach Schongau. Die Ausbildungsschule kooperierte mit einem Betrieb für Büroartikel, bei dem ich meine ersten praktischen Erfahrungen sammelte. Obwohl ich meine Ausbildung mit einer guten Note abschloss, dauerte es sieben Monate, bis ich danach eine Stelle auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt fand – denn dort wollte ich hin.

Ohne Unterstützung ans Ziel

Bei der Agentur für Arbeit riet man mir erst, ich solle doch lieber in einer Behindertenwerkstatt anfangen oder gleich einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe stellen. Aber meine Mama und ich blieben hartnäckig, deshalb hat es am Ende doch geklappt. Eine Mitarbeiterin der Agentur wurde im Jobportal auf meinen jetzigen Arbeitgeber aufmerksam, eine Bildungs- und Begegnungsstätte in Steingaden. Dort durfte ich ein dreimonatiges Langzeitpraktikum machen, im März 2020 bekam ich dann eine feste Stelle.

Die Einrichtung bietet Freizeitangebote für Familien mit behinderten Kindern und Jugendlichen an, aber auch alle anderen können dort einen Urlaub buchen. Es kommen Schulklassen zu Besuch, Firmen mieten unsere Seminarräume. Ich arbeite 20 Stunden pro Woche in der Verwaltung. Eine Halbtagsstelle war zwar nicht geplant, aber mein Arbeitgeber hat zurzeit nicht mehr Kapazitäten.

Pro Monat verdiene ich rund 950 Euro netto. Da ich noch bei meinen Eltern wohne, habe ich fast keine Ausgaben. Ich spare für meine Zukunft: Irgendwann möchte ich selbstständig und unabhängig von meinen Eltern leben.

Natürlich hat Corona mein erstes Berufsjahr ziemlich durcheinandergewirbelt. Zwei Wochen nach meinem Start kam der erste Shutdown, ich musste für ein paar Wochen in Kurzarbeit und arbeitete stundenweise im Homeoffice. Von Juli bis November konnte ich ins Büro, seitdem bin ich wieder im Homeoffice. Mir fehlt der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, wir kommunizieren nur noch per E-Mail.

Mehr als nur Bürokauffrau

Meine Aufgaben variieren. Ich habe am Jahresende bei der Inventur geholfen, betreue unseren Instagram-Auftritt, habe mir einen Online-Adventskalender ausgedacht und neue Flyer designt. Kreativ zu sein macht mir am meisten Spaß. Schon während meiner Ausbildung habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Zahlen und Excel weniger Freude bereitet – aber auch diese Aufgaben müssen natürlich erledigt werden.

Ich bin die Einzige im Team mit einer Behinderung. Alle Kolleginnen und Kollegen sind älter als ich, ich kann viel von ihnen lernen, aber sie auch von mir. Ich würde frischen Wind ins Büro bringen, hat mir mal ein Kollege gesagt. Weil ich am Computer so fit bin und gut designen kann – das meint er bestimmt.

Ich glaube, dass ich für den Job genau die Richtige bin. Man muss immer neue Ideen einbringen und das kann ich als Rollstuhlfahrerin bei einer Begegnungsstätte wie unserer natürlich sehr gut. Ich habe wortwörtlich einen anderen Blickwinkel: Sich in Menschen mit Behinderung hineinzuversetzen oder eben selbst dazuzugehören, ist etwas komplett anderes.

Auf dem Gelände gibt es zum Beispiel ein paar Blockhütten, nach meinem Start habe ich sie mit meinem Rollstuhl getestet und auf Defizite hingewiesen: Ein Esstisch war mit dem Rollstuhl nicht unterfahrbar, das Toilettenpapier auf dem WC nur schwer erreichbar. Direkt am Eingang gab es eine offene Treppe, da hätte ich leicht hinunterstürzen können. Ich bin mehr als nur eine Kauffrau für Büromanagement – ich bin auch Qualitätsmanagerin.

Eine Arbeitsassistentin zur Unterstützung

Seit Oktober unterstützt mich eine Arbeitsassistentin bei meinen Aufgaben. Wenn ich nicht gerade im Homeoffice bin, holt sie mich morgens zu Hause ab und bringt mich nachmittags zurück. Sie hilft mir bei Kopien, wenn ich Briefe verschicken muss oder einen Ordner aus dem Regal brauche – eben alle Aufgaben, die ich nicht selbst erledigen kann. In den Monaten davor war ich auf mich allein gestellt und konnte nur reine PC-Arbeit verrichten.

Was mir noch schwerfällt, ist, von allein auf andere zuzugehen. Manche Menschen belächeln mich wegen meiner Sprache oder haben nicht die Geduld, mir zuzuhören. Jetzt gerade im Homeoffice fällt das nicht so auf. Aber wenn dann wieder Gäste zu uns kommen, muss ich weiter üben, selbstbewusst aufzutreten.

Wie wird man Kaufmann oder Kauffrau für Büromanagement?

Wer Kauffrau oder Kaufmann für Büromanagement  werden möchte, muss eine dreijährige Ausbildung absolvieren. In der Regel ist ein mittlerer Bildungsabschluss oder die Hochschulreife Voraussetzung dafür.

In den Ausbildungsbetrieben  lernen die Azubis beispielsweise, wie man Projekte plant, durchführt und kontrolliert. Wie man Angebote einholt und sie prüft. Wie man Kalkulationen durchführt oder Kunden betreut.

Je nach Betrieb können sich die Kauffrauen und -männer auch weiter spezialisieren, zum Beispiel im Bereich Marketing und Vertrieb, Personalwirtschaft oder Logistik.

Kaufleute für Büromanagement werden in nahezu allen Wirtschaftsbereichen eingesetzt – egal ob Industrie, Handel oder Handwerk. Sie arbeiten auch in der öffentlichen Verwaltung oder bei Verbänden. Je nach Anstellung verdienen sie unterschiedlich, im Schnitt etwa 3000 Euro brutto  im Monat.

Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Für Menschen mit Behinderung ist es keine Selbstverständlichkeit, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu landen. Aber ich habe nicht aufgegeben – und ich werde auch niemals aufgeben.«