Berufseinstieg an der Grundschule »Ein Schüler lieh mir als Glücksbringer seine wertvollste Pokémon-Karte«

Laura Barton hat gerade ihr Referendariat an einer Schule in Köln beendet. Hier erzählt sie, warum sie nach dem Unterricht manchmal heulen möchte – und was sie an diesem Beruf so glücklich macht.
Aufgezeichnet von Katharina Hölter
Lehrerin Laura Barton persifliert auf Instagram als @fraubartonne ihren Job

Lehrerin Laura Barton persifliert auf Instagram als @fraubartonne ihren Job

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Laura Barton, 26, Grundschullehrerin aus Köln.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als sich meine jüngere Schwester beim Mittagessen furchtbar über einen Lehrer aufregte. Er hatte sie wegen eines Rülpsers zur Schulleitung zitiert – und einen Mitschüler ohne Ärger davonkommen lassen, obwohl der einen dummen Hitlerspruch gemacht hatte. Diese Ungerechtigkeit regte auch mich auf. Ich dachte mir: Ich werde es einmal besser machen! Und schrieb von da an ›Lehrerin‹ als Berufswunsch in die Freundschaftsbücher.

Nach dem Abitur studierte ich zunächst Mathematik auf Gymnasiallehramt, meine erste Probestunde hielt ich vor einer Oberstufenklasse. Irgendwie fühlte es sich falsch an, Menschen in meinem Alter zu unterrichten. Dann fiel ich auch noch durch zwei Klausuren – und entschied, zu Grundschullehramt zu wechseln. Heute bin ich sehr froh darüber.

»Als 150 neue iPads an der Schule ankamen und das Kollegium damit nicht umzugehen wusste, konnte ich helfen.«

Meinen Uniabschluss habe ich im Juli 2020 gemacht, mitten in der Coronapandemie. Eigentlich wollte ich danach nach Frankreich an die Atlantikküste reisen. Stattdessen nahm ich einen Job als Vertretungslehrerin an einer Grundschule in Köln an und blieb dort für mein Referendariat, das ich dieses Schuljahr beendet habe. Inzwischen bin ich verbeamtet, auch in Zukunft werde ich weiter an der Grundschule arbeiten und dort Deutsch, Mathe und Sachkunde unterrichten. Mein Gehalt steigt mit den Berufsjahren, momentan bin ich in Besoldungsgruppe A12  und verdiene 3800 Euro brutto im Monat.

Zittriger Anfang

Mein Einstieg in den Beruf fiel mir trotz des Distanzunterrichts nicht schwer, im Gegenteil: Die plötzliche Umstellung auf digitales Unterrichten war ein Vorteil für mich als junge Lehrerin. Als 150 neue iPads an der Schule ankamen und das Kollegium damit nicht umzugehen wusste, konnte ich helfen. Die Kolleg:innen ernannten mich sogar zur Medienbeauftragten.

Meine erste Unterrichtsstunde hielt ich – noch in Präsenz – vor einer vierten Klasse. Ich zitterte und eine Schülerin fragte mich, ob es mir gut gehe. ›Ja, ja, ich bin nur wahnsinnig nervös‹, sagte ich. Wir redeten die ganze Stunde lang, stellten uns vor und erzählten von unseren Lieblingshobbys. Ich finde es wichtig, den Schüler:innen erst einmal auf Augenhöhe zu begegnen und sie nicht gleich Rechenaufgaben lösen zu lassen.

Zurzeit warten wir täglich darauf, dass Flüchtlingskinder aus der Ukraine zu uns kommen. Aber wir sollten nicht nur auf diese Kinder schauen. Ich unterrichte auch Kriegsflüchtlinge aus Syrien, die mich fragen, warum sie vor wenigen Jahren nicht so empfangen wurden, oder die das Klassenzimmer verlassen müssen, weil die Bilder aus der Ukraine ihre Erinnerungen wieder hervorrufen. Auch Kinder mit russischen Wurzeln kommen mit Fragen auf mich zu: ›Warum sagen die Erwachsenen, dass die Russen am Krieg schuld sind?‹ oder ›Wer beginnt einen Krieg?‹. Ich habe das Thema also schon oft im Unterricht behandelt und bin immer wieder erstaunt, wie viel schlauer als Erwachsene Kinder doch sind. Ein Mädchen erklärte letztens: ›Es ist doch total egal, woher man kommt. Deshalb sollte man sich nicht streiten.‹

»Als Lehrerin habe ich keine großen Karriereziele. Außer, nie zu vergessen, warum ich diesen Job mache.«

Oft belasten mich die Einzelschicksale mancher Kinder. Wenn sie mir erzählen, was zu Hause in der Familie passiert, möchte ich mich nach Feierabend manchmal nur in mein Auto setzen und heulen. Ich sage mir dann aber: Ich gebe jeden Tag mein Bestes, hole das Kind wenigstens für fünf Stunden aus seinem Umfeld raus und sorge dafür, dass es eine gute Zeit hat, in der es viel Sinnvolles lernt. Mehr kann ich für den Moment nicht tun.

Um mit schwierigen Situationen umzugehen, hilft mir der Austausch mit meinen Kolleg:innen. Und auch mein Instagram-Account lenkt mich ab. Als @fraubartonne  persifliere ich dort Alltagssituationen einer Lehrerin, mittlerweile habe ich mehr als 40.000 Follower:innen.

Wenn die Ideen fruchten

Den schönsten Moment meiner bisherigen Berufslaufbahn habe ich vor meiner Prüfung zum zweiten Staatsexamen erlebt. Ein Schüler lieh mir als Glücksbringer seine wertvollste Pokémon-Karte aus. Das will was heißen. Und Glück hat sie mir tatsächlich auch gebracht.

Als Lehrerin habe ich keine großen Karriereziele. Außer, nie zu vergessen, warum ich diesen Job mache. Ich möchte Kinder dabei unterstützen, eigenständig zu lernen, sie stark für ihre Zukunft machen, sie dazu bringen, innovativ zu sein. Ich merke jetzt schon, wie meine Ideen fruchten. Vor einem Jahr habe ich mit meinen Grundschüler:innen ein Thema behandelt, das eigentlich für Neunt- oder Zehntklässler:innen vorgesehen ist, die 17 Nachhaltigkeitsziele  der Uno. Letztens sprach mich ein Schüler wieder darauf an, es ging um weggeworfenes Mensaessen, und er sagte so etwas wie: ›Aber wir wollen doch keinen Hunger mehr auf der Welt.‹ Zu sehen, dass sich die Ziele im Gedächtnis festgesetzt haben und die Schüler:innen sie weiter in die Welt tragen, das ist großartig.«

Wie wird man Lehrerin oder Lehrer?

Bildung und damit auch die Ausbildung von Lehrer:innen ist Ländersache. Die Ausbildungsverläufe unterscheiden sich daher von Bundesland zu Bundesland – und teilweise sogar von Hochschule zu Hochschule. In Sachsen beispielsweise, oft auch noch in Bayern, schließt man das Lehramtsstudium mit Staatsexamen ab, in vielen anderen Bundesländern absolvieren auch Lehramtsstudent:innen seit der Bologna-Reform ein Bachelor- und Masterstudium. Jeder dieser Abschlüsse wird deutschlandweit anerkannt . Einen guten Überblick über den Studienaufbau in den jeweiligen Bundesländern sowie eine Auflistung der Hochschulen, die Lehramt als Studienfach anbieten, liefert der Monitor Lehrerbildung .

In der Regel braucht man das Abitur, um zum Lehramtsstudium zugelassen zu werden. Für Kunst, Musik und Sport, teilweise auch für neuere Fremdsprachen, wird außerdem oft ein gesonderter Eignungstest verlangt . Einige Studienfächer unterliegen einem Numerus Clausus (NC) – wer sich also für mehrere Fächer bewirbt, sollte die Chance auf Zulassung unbedingt vorab bei allen Fächern prüfen.

Bereits vor oder am Anfang des Grundstudiums wählen Lehramtsstudierende meist zwei Fächer, die sie später unterrichten wollen. Außerdem müssen sie sich für eine Schulform entscheiden: Will man Lehrer:in fürs Gymnasium, für Haupt- und Realschulen oder an Grund- oder Förderschulen werden? Je nachdem variieren die Länge und auch die Schwerpunktsetzung im Studium. So spielen erzieherische Themen bei Studiengängen für Förderschulen beispielsweise eine größere Rolle als für Gymnasien.

Das Lehramtsstudium ist mit mehreren Praxisphasen gespickt. In vielen Bundesländern sind Schulpraktika oder Praxissemester während des Studiums vorgeschrieben. Der größte Praxisteil folgt allerdings erst nach Abschluss des Studiums: das Referendariat , auch Ref oder Vorbereitungsdienst genannt. Diese zweite Phase der Ausbildung dauert je nach Bundesland bis zu 24 Monate und schließt mit dem zweiten Staatsexamen oder einer Staatsprüfung ab.

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