Berufseinstieg als Orthopädietechnikerin »Es freut mich, wenn ich Menschen helfen kann«

Laura Gröpel half schon als Kind im Betrieb ihrer Eltern. Mittlerweile baut sie selbst Prothesen. Hier erzählt sie, worauf es dabei ankommt – und was Meerjungfrauen mit ihrer Arbeit zu tun haben.
Aufgezeichnet von Dayan Djajadisastra
Orthopädietechnikerin Gröpel mit ihrer ersten Beinprothese: »Ich übernehme gern Verantwortung«

Orthopädietechnikerin Gröpel mit ihrer ersten Beinprothese: »Ich übernehme gern Verantwortung«

Foto: privat

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Laura Gröpel, 20, arbeitet als Ortophädietechnikerin im Betrieb ihres Vaters.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Mein Job wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Schon als Kind spielte ich im Orthopädietechnikbetrieb meiner Eltern. Es gibt da diese Geschichte von einem Moment, als ich drei Jahre alt war: Eine Patientin im gleichen Alter wollte ihre neue Unterarmprothese nicht anziehen. Mein Vater hatte alles versucht, aber sie weigerte sich einfach. Ich muss dann zu ihr gelaufen sein und gesagt haben: ›Wir ziehen jetzt die Protothese an.‹ Das Wort Prothese konnte ich damals noch nicht aussprechen.

Mit meiner Hilfe hat sie die Prothese also angezogen – und wollte sie hinterher nicht mehr abnehmen. Von da an war klar, wo es für mich hingehen sollte.

Nach meinem Realschulabschluss 2018 absolvierte ich erst ein Praktikum, danach begann ich die Ausbildung bei NovaVis, dem Orthopädiebetrieb meines Vaters in Waldenbuch. Insgesamt dauert sie drei Jahre, mit Abitur kann man sie verkürzen.

»Wir arbeiten mit elektronischen Passteilen im Wert von 35.000 Euro – da muss ich wirklich vorsichtig sein.«

Neben meiner Zeit im Betrieb besuchte ich alle zwei Monate für ungefähr vier Wochen eine Berufsschule in Stuttgart. Dort belegten wir Pflichtfächer wie Anatomie, Pathologie und Werkstoffkunde. Neben der Theorie gab es die praktische Werkstattarbeit, aufgeteilt in Orthetik, Prothetik und Nähen. Orthesen sind Hilfsmittel, die Körperteile unterstützen sollen, etwa Knieschienen. Im Betrieb konnte ich das Gelernte dann an den Patient:innen vertiefen. Meine erste eigenständig hergestellte Prothese war eine Beinprothese für ein junges Mädchen.

Vor ungefähr einem Jahr wurde ich in der Firma übernommen. Das Gehalt ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Ich verdiene im ersten Jahr nach der Ausbildung rund 2400 Euro brutto im Monat.

Eine Prothese, viele Arbeitsschritte

Heutzutage werden Prothesen sehr individuell hergestellt. Es wird unterschieden zwischen multifunktionalen und ästhetischen Prothesen. Die multifunktionalen haben den Vorteil, dass sie Elektronik enthalten, die eine Bewegung der Prothese ermöglicht. Die ästhetischen sind eine leichtere und unauffälligere Alternative für den Alltag.

Obwohl ich praktisch mit dem Beruf aufgewachsen bin, war der Jobeinstieg herausfordernd. Der Welpenschutz war vorbei. Wir arbeiten mit elektronischen Passteilen im Wert von 35.000 Euro – da muss ich wirklich vorsichtig sein. Aber ich übernehme gern Verantwortung.

»Teilweise sitze ich sechs Stunden lang in der Werkstatt und füge kleine Teilchen zusammen.«

In jeder Prothese steckt viel Arbeit: Zuerst wird ein Gipsabdruck genommen. Das ist der wichtigste Schritt, weil er die Passform der Prothese gewährleistet. Und er braucht viel Übung. Der Gips wird mindestens zwölf Stunden im Ofen getrocknet. Anschließend wandert er in den Silikonraum, wo wir die erste Schicht Silikon auftragen, die wiederum im Ofen gehärtet wird. Danach kommt die Prothese in die Werkstatt, dort bringen wir die Elektronik an, zusätzlich eine Schaumstoffverkleidung. Zuletzt kommt die Prothese wieder in den Silikonraum, wo wir das äußere Cover herstellen.

Teilweise sitze ich sechs Stunden lang in der Werkstatt und füge kleine Teilchen zusammen. Da ist vor allem Kommunikation gefragt, weil man oft mit mehreren Leuten an einer Prothese arbeitet. Wie lange der Herstellungsprozess für eine Prothese dauert, ist schwer abzuschätzen, im Schnitt sind es ungefähr zwei Wochen.

Das Beste am Job: Der Kontakt zu Menschen

Zu uns kommen oft Leute, die von anderen Unternehmen gehört haben: ›Du bist nicht zu versorgen, du musst im Rollstuhl sitzen.‹ Wir versuchen dann, trotzdem eine Lösung zu finden. Auch Sportprothesen stellen wir her, damit die Patient:innen anschließend zum Beispiel bei den Paralympics teilnehmen können.

Das Beste an meinem Job ist für mich der Kontakt zu Menschen. Es freut mich, wenn ich Menschen mit Beeinträchtigungen helfen kann. Und ich mag vor allem die Arbeit mit Kindern. Im Moment organisiere ich für das Jahr 2023 ein Zeltlager. Dort sollen Kinder zusammenkommen, die eine Dysmelie haben, das heißt, die mit Fehlbildungen zur Welt kamen oder denen Körperteile amputiert wurden. Auch für Eltern ist das Zeltlager ein Ort, um sich auszutauschen. Sie fragen mich oft: ›Hat mein Kind durch die Prothese Nachteile? Wird es gehänselt?‹

Ein Mädchen hat sich vor Kurzem ein Meerjungfrauendesign für ihre Armprothese gewünscht. In der Schule wurde sie so vom Mädchen ohne Arm zum Mädchen mit einem richtig coolen Meerjungfrauenarm. Ein anderes Mal durfte ich für ein elf Monate altes Baby eine Prothese bauen. Es hat sich schwergetan, mit nur einem Arm zu krabbeln. Ich habe dann eine kleine Prothese mit ein bisschen Babyspeck gemacht. Die war zwar ohne Elektronik, hat aber trotzdem beim Krabbeln geholfen.«

Wie wird man Orthopädietechniker:in?

Orthopädietechniker:innen stellen sogenannte orthopädietechnische Hilfsmittel her, also Prothesen, Schienen oder Bandagen. Insgesamt dauert die Ausbildung drei Jahre, mit Abitur kann sie auf zwei Jahre verkürzt werden.

Die Ausbildung ist dual, sie findet also im Betrieb und in der Berufsschule statt. Es gibt keine besonderen Voraussetzungen dafür, laut Bundesagentur für Arbeit  stellen Betriebe aber überwiegend Auszubildende mit Hochschulreife oder mittlerem Bildungsabschluss ein.

Der Plattform Gehalt.de  zufolge verdienen Orthopädietechniker:innen im Schnitt zwischen 32.821 und 41.828 Euro brutto im Jahr.

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