Berufseinstieg als Physiotherapeutin »Da verdient man doch nichts, das hörte ich öfter«

Beim Hockey kam Leoni Knutzen zum ersten Mal mit Physiotherapeutinnen in Kontakt, heute ist sie selbst eine. Um Miete zu sparen, wohnt die 22-Jährige bei ihren Eltern. Bereut sie ihre Berufswahl?
Aufgezeichnet von Sebastian Maas
»Oft leisten wir richtige Detektivarbeit«: Leoni Knutzen über ihren Job als Physiotherapeutin

»Oft leisten wir richtige Detektivarbeit«: Leoni Knutzen über ihren Job als Physiotherapeutin

Foto: Johanna Kölzsch

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Leoni Knutzen, 22, Physiotherapeutin in einem Therapiezentrum in Schleswig-Holstein.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Seit meinem vierten Lebensjahr spiele ich Feldhockey, im Jahr vor meiner Ausbildung war ich sogar in der Bundesliga. Bei bis zu sechs Trainingseinheiten pro Woche ging regelmäßig etwas kaputt. Fuhren wir am Wochenende auf ein Turnier, waren immer viele Therapeut:innen dabei, um die großen und kleinen Unfälle auf dem Feld zu behandeln. Das brachte mich auf die Idee, selbst Physiotherapeutin zu werden: Während der Arbeitszeit meinem Hobby nah sein können – wie geil ist das denn?

»Während der Arbeitszeit meinem Hobby nah sein können – wie geil ist das denn?«

In meinem Bekanntenkreis war ich eine von nur zwei Personen, die nach dem Abi eine Ausbildung anfangen wollten. Dabei ist es doch ein Riesenvorteil, das Gelernte direkt anwenden zu können! Als ich 2017 in die Ausbildung startete, mussten die meisten Physiotherapie-Azubis noch Schulgeld bezahlen, ich glücklicherweise nicht. Inzwischen wurden die Gebühren in vielen Bundesländern abgeschafft .

Trotzdem musste ich in meinem Auswahlgespräch die Frage beantworten, wie ich mich während der Ausbildung finanzieren würde. Weil sie trotz vieler Praktika als ›schulisch‹ eingestuft wurde, erhielt ich nämlich keine Ausbildungsvergütung. Ich wohnte deshalb weiter bei meinen Eltern. An den Wochenenden arbeitete ich in einer Disco, um zumindest etwas Geld zu verdienen.

Zwar hat niemand versucht, mir die Ausbildung auszureden, aber ein ›Da verdient man später doch nichts‹ hörte ich schon öfter. Und es stimmt: Viele Physiotherapeut:innen bekommen für ihre Arbeit kein angemessenes Gehalt. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass man außerhalb der tarifgebundenen Krankenhäuser durchaus nach oben verhandeln kann. Ich bin ich mit 2400 Euro brutto im Monat eingestiegen, jetzt, etwas mehr als ein Jahr später, verdiene ich rund 3300 Euro. Dafür habe ich habe unter anderem zusätzliche Aufgaben in der EDV übernommen, außerdem wurden die Sätze der Krankenkassen erhöht. 

Nebenjob: Medizinische Detektivin

Meine Patient:innen sind zwischen 18 und 95 Jahre alt, ihre Beschwerden reichen vom gebrochenen Zeh über Kreuzbandrisse bis zu diffusen Kopfschmerzen. Manchmal betreue ich kleinere Gruppen, die an Geräten ihre Muskeln und Gelenke trainieren, manchmal bearbeite ich Beschwerden mit manuellen Faszien- und Gelenktechniken oder führe Wärmebehandlungen durch. Der Job ist sehr abwechslungsreich. Aber auch körperlich anstrengend. Ich stehe viel – und ein einzelnes Bein kann sehr viel wiegen, wenn ich es lange halten und durcharbeiten muss.

Was mich ärgert: Wir haben für die Behandlungen nur sehr wenig Zeit, die Kassen bezahlen für ihre Patient:innen nur 15 bis 25 Minuten. Mein Kalender ist daher von morgens bis abends in Dutzende kleine Termine eingeteilt, das schlaucht.

Eigentlich sollen die Patient:innen mit einer klaren Diagnose zu uns kommen. Oft leisten wir aber richtige Detektivarbeit und entdecken die Ursachen für Probleme, die beim Arzt oder der Ärztin unerkannt blieben. Kürzlich stellte ich bei einer Patientin erst durch aufmerksames Zuhören fest, dass ihre ärztlich diagnostizierten Rippenblockaden durch stressbedingte Magenprobleme verursacht worden waren. Ich schickte sie zurück zu ihrem Arzt, der verordnete ihr magenschonende Medikamente – und die Beschwerden gingen weg.

»Wenn ich will, kann ich mich bis zu meinem Lebensende weiterbilden.«

Obwohl ich inzwischen fest angestellt bin, wohne ich noch immer bei meinen Eltern. Ich spare für ein eigenes Haus, außerdem möchte ich mein Geld statt in Miete lieber in Weiterbildungen investieren. Deshalb arbeite ich auch weiterhin am Wochenende in der Disco und betreue mehrmals in der Woche eine Hockey-Mannschaft als Therapeutin. So kann ich weiterhin viel in der Halle sein, das hatte ich mir am Anfang ja gewünscht.

Weiterbildungen sind für uns Physiotherapeut:innen wichtig. Ohne Zusatzqualifikation darf man beispielsweise keine Kassenpatient:innen behandeln , die Lymphdrainagen oder manuelle Therapien verordnet bekommen haben. Das ist ein wenig albern, schließlich habe ich das alles in der Ausbildung gelernt und darf es auch an Privatpatient:innen durchführen.

Grundsätzlich glaube ich aber, dass man immer mehr lernen kann. Ich möchte Menschen helfen, deshalb mache ich diesen Beruf. Und wenn meine Wirbel-Muskel-Bänder-Sehnen-Methoden nicht gegen die Rückenschmerzen helfen? Dann möchte ich mir die Organe anschauen, die nervalen Strukturen, das ganze System!

Medizin studieren will ich trotzdem nicht. Ärzt:innen müssen häufig nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden und haben noch weniger Zeit für das Menschliche als wir. Ich möchte lieber die Prüfung zur Heilpraktikerin machen, das darf ich aber erst mit 25 . Bis dahin absolviere ich berufsbegleitend eine Weiterbildung zur Osteopathin. Die geht über viereinhalb Jahre und kostet gut 14.000 Euro.

Das ist es mir aber wert. Ich kann mir gut vorstellen, mich irgendwann mit dem Mix aus Physiotherapie, Osteopathie und Heilkunde selbstständig zu machen und gutes Geld zu verdienen. Außerdem langweile ich mich schnell und Stillstand tut mir nicht gut. In meinem Job muss ich zum Glück nie stillstehen. Wenn ich will, kann ich mich bis zu meinem Lebensende weiterbilden.«

Wie wird man Physiotherapeut:in?

In die Physiotherapie führen aktuell mehrere Karrierewege. Der bekannteste ist die dreijährige Ausbildung an einer privaten oder staatlichen Fachschule. Meist reicht für die Bewerbung die Mittlere Reife, manchmal auch ein Hauptschulabschluss . Je nach Bundesland und Bildungsträger unterscheiden sich die Bedingungen der Ausbildung aber erheblich: Meist, aber nicht immer, ist sie unvergütet, außerdem fällt in einigen Bundesländern  zusätzlich Schulgeld an. Die Ausbildung besteht in der Regel zu etwa zwei Dritteln aus theoretischen und praktischen Lehreinheiten in der Schule und zu einem Drittel aus Praktika.

Neben der schulischen Ausbildung kann man das Fach Physiotherapie inzwischen auch studieren, in Vollzeit oder berufsbegleitend, im Präsenz- oder Fernstudium. Das Studium ist zum Beispiel für Menschen ein Zugewinn, die selbst Lehren oder Forschen und so die Zukunft ihres Faches mitbestimmen möchten. Außerdem ist es mit dem verbreiteten Bachelorabschluss leichter, sich international auf Jobs zu bewerben.

Unter anderem bieten die privaten Hochschulen Fresenius in Frankfurt am Main  oder die Medical School Hamburg  duale Bachelorstudiengänge »Physiotherapie« mit dem Abschluss Bachelor of Science an. Pro Monat fallen hier Studiengebühren zwischen 200 und 450 Euro an.

Auch staatliche Hochschulen haben entsprechende Studiengänge im Angebot, etwa die Hochschule Bremen mit »Angewandte Therapiewissenschaften – Logopädie und Physiotherapie« . Dieser schließt an die Fachschulausbildung an und führt nach drei weiteren Semestern an der Hochschule zum Bachelor of Science. In Furtwangen  und in Bochum  Physiotherapie auch »primärqualifizierend« studieren – das heißt, dass man zuvor keine Ausbildung gemacht haben muss. Neben dem Semesterbeitrag fallen keine Studiengebühren an.

Arbeitsplätze finden fertig ausgebildete Physiotherapeut:innen zum Beispiel in Krankenhäusern, Therapiezentren, orthopädischen oder sportmedizinischen Praxen, Altenheimen oder Wellnesseinrichtungen.

Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .