Berufseinstieg als Professor »Die meisten schlafen nach einer Stunde ein«

Otto Kreutzer wurde schon mit 32 Jahren Professor für E-Mobilität. Hier erzählt er, warum er seine Arbeit an der Hochschule sinnvoller findet als die in einem Unternehmen – und wie man Studierende wachhält.
Aufgezeichnet von Tanya Falenczyk
Fachhochschulprofessor Kreutzer: »In der Forschung kann man langfristiger denken«

Fachhochschulprofessor Kreutzer: »In der Forschung kann man langfristiger denken«

Foto: Dr. Jörg Kunz / THD

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Otto Kreutzer, 34, ist Professor für Leistungselektronik und erneuerbare Energien an der Technischen Hochschule Deggendorf und leitet den Forschungsbereich Leistungselektronik am Standort Plattling.

Mein erstes Jahr im Job

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»Auf dem Weg zur Hochschulprofessur gibt es kein Referendariat wie im Lehramt, niemand zeigt einem, wie man eine Vorlesung hält. ›Grundlagen der Elektrotechnik‹ hieß meine erste im Wintersemester 2019. Ich dachte, den Stoff beherrsche ich ja im Schlaf. Doch ich merkte schnell: Anderen komplexe Mathematik beizubringen, ist viel schwieriger, als sie selbst anzuwenden.

Vor jeder Vorlesung rechnete ich alles durch, damit ich ja keine Fehler machte. Auf jede Doppelstunde bereitete ich mich ungefähr sechs bis acht Stunden vor, meist abends, nachts und am Wochenende. Zeit für mein Privatleben blieb kaum. Für den Job war ich umgezogen, nach einem Jahr hatte ich die meisten Kartons noch immer nicht ausgepackt. Mittlerweile fällt mir die Lehre leichter. Meine Fächer wiederholen sich, die Vorbereitungszeit ist also kürzer.

Weil ich eine sogenannte Forschungsprofessur habe, halte ich nur neun Vorlesungsstunden pro Woche. Manchmal fühlt sich das für mich nach Pflichtaufgabe an. Wenn Studierende Fragen stellen und mitarbeiten, macht es Spaß. Wenn sie aber nur am Handy hängen, eher nicht.

»Ich war das ganze Semester über heiser.«

Es gibt Kolleg:innen, die seit zehn Jahren die gleichen Vorlesungen halten. Ich überarbeite meine nach jedem Semester – auch, weil ich noch ausprobiere, was am besten funktioniert. Am Anfang dachte ich, ich muss vor allem einen möglichst guten Vortrag halten. Also redete ich drei Stunden ohne Pause. Ich war eigentlich das ganze Semester über heiser.

Mit der Zeit habe ich festgestellt: Niemand hört einem so lange zu. Die meisten schlafen nach einer Stunde ein. Deswegen wechsle ich jetzt Rechenaufgaben oder Praktikumsversuche mit Redezeit ab. Wenn ich merke, jemand schläft ein, stelle ich ihm eine Frage, schon ist er wieder wach.

Lieber Wissenschaft als Wirtschaft

Anders als viele andere Professor:innen an der Fachhochschule habe ich nie in der Wirtschaft gearbeitet, sondern seit meinem Elektrotechnik-Studium geforscht, zuletzt als Doktorand am Fraunhofer-Institut in Erlangen. In der Wirtschaft könnte ich zwar mehr Geld verdienen. Und auch bei einem Autohersteller könnte ich E-Mobilität weiterentwickeln. Aber am Ende würde immer ein Produkt stehen, das jemand kaufen soll.

In der Forschung kann man langfristiger denken: Mein Ziel ist, dass der Klimawandel gestoppt und vielleicht sogar zurückgedreht wird. Schon als wissenschaftlicher Mitarbeiter durfte ich viel Spannendes erforschen, aber es waren meist die Ideen anderer – der Professor:innen. Ich wollte meine eigenen Projekte verfolgen. Deswegen habe ich mich nach meiner Promotion auf mehrere Professuren beworben.

An der Technischen Hochschule Deggendorf, meiner fünften Bewerbung, hat es geklappt. Ich war mit 32 zwar recht jung, aber brachte vom Fraunhofer-Institut viel Erfahrung mit Förderanträgen mit – ein wichtiger Teil meiner heutigen Arbeit. Ich verdiene nach Tarif knapp 6100 Euro brutto im Monat. Dazu kommt ein Zuschlag von 200 Euro, weil ich den Bereich Leistungselektronik unseres Forschungszentrums in Plattling leite.

Geld vom Staat und von Unternehmen

Woran wir forschen, darf ich bestimmen – vorausgesetzt, ich kann es finanzieren. Geld bekomme ich etwa vom Bund, vom Land Bayern oder von der EU. Momentan forschen wir mithilfe von staatlicher Förderung zum Beispiel an einer neuen Ladesäule für elektrische Langstrecken-LKW.

Außerdem können Unternehmen über sogenannte Auftragsforschung die Arbeit im Labor finanzieren. Dafür muss ich vor allem netzwerken. Oft lerne ich auf einer Konferenz jemanden kennen und wir spinnen zusammen an ersten Ideen. Dann besucht mich die Person im Forschungszentrum und wir entwickeln die Ideen weiter. Eine Firma hat uns etwa beauftragt, einen Ersatz für die Bleibatterie in E-Autos zu finden.

»Bevor ich Professor war, hat sich kaum jemand für meine Ideen interessiert.«

Zeit im Labor verbringe ich selbst leider sehr wenig. Ich muss vor allem im Blick haben, wie meine neun Mitarbeitenden mit den einzelnen Projekten vorankommen. Momentan arbeite ich unter der Woche mehr als zehn Stunden pro Tag, schreibe Förderanträge, bereite Vorlesungen vor und entwickle neue Forschungsideen. Am Sonntag kümmere ich mich dann um alles, was liegen geblieben ist, etwa Abschlussarbeiten meiner Studierenden.

Es gibt wenige Nächte, in denen ich durchschlafe. Ich liege oft wach und frage mich, wie ich meinen Forschungsauftrag voranbringen kann. Trotzdem könnte ich mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Bevor ich Professor war, hat sich kaum jemand für meine Ideen interessiert. Jetzt besuchen Bundestagsabgeordnete oder der bayerische Wissenschaftsminister das Forschungszentrum und hören mir zu. Mir ist sehr wichtig, meine Talente sinnvoll zu nutzen. Und die Forschung kommt mir am sinnvollsten vor.«

Wie werde ich Fachhochschulprofessor:in?

Wenn eine Fachhochschule eine Professur ausschreibt, gibt es ein sogenanntes Berufungsverfahren. Vor einer Kommission, die aus Professor:innen, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Studierenden der Hochschule besteht, müssen ausgewählte Bewerber:innen »vorsingen«, also eine Probevorlesung halten. Die Kommission empfiehlt am Ende ihre Favorit:innen. Dann entscheidet entweder der Wissenschaftsminister des Bundeslandes oder die Hochschule selbst, wer den sogenannten »Ruf« und damit die Professur bekommt.

In der Regel sollte man promoviert und bereits als Dozent:in gearbeitet haben, etwa mit einem Lehrauftrag während der Promotion oder einer Gastprofessur. An Fachhochschulen sind mehrere Jahre Arbeitserfahrung in der Wirtschaft Voraussetzung für eine Professur, weil Forschung und Lehre praxisbezogener sind als an Universitäten. Auch die Tätigkeit an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung kann als eine solche Praxiserfahrung zählen. Anders als an Universitäten ist keine Habilitation notwendig.

Laut der Jobplattform Stepstone  verdienen Professor:innen im Schnitt 70.900 Euro im Jahr. Wer an staatlichen Hochschulen angestellt ist, verdient meist nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Das Gehalt unterscheidet sich je nach Bundesland, die Spanne reicht von rund 6000 Euro brutto pro Monat im Saarland bis zu knapp 6700 Euro in Baden-Württemberg.

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