Berufseinstieg als Religionslehrer »Ich möchte das Vorbild sein, das mir gefehlt hat«

Um als Religionslehrer arbeiten zu können, braucht Theo Schenkel die Erlaubnis der Kirche. Die ließ ihn als trans Mann darüber lange im Ungewissen. Wieso er trotzdem weitermachen will.
Aufgezeichnet von Katharina Hölter
Theo Schenkel wusste im Referendariat nicht, ob er als trans Mann danach weiter als Religionslehrer arbeiten darf

Theo Schenkel wusste im Referendariat nicht, ob er als trans Mann danach weiter als Religionslehrer arbeiten darf

Foto: Johanna Unternährer

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Theo Schenkel, 27, Berufsschullehrer in Waldshut bei Freiburg.

Mein erstes Jahr im Job

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»Ich bekomme immer wieder die gleichen Fragen: Warum bin ich als trans Mann noch in der Kirche? Und warum will ich ausgerechnet als Religionslehrer arbeiten? Auch ich stelle sie mir oft.

Als ich katholische Religion und Französisch auf Lehramt studierte, lebte ich noch als Frau. Ich kämpfte damals schon lange mit Depressionen. Dass sie mit meiner Geschlechtsidentität zu tun haben könnten, ahnte ich noch nicht.

Bevor ich Anfang 2021 mein Referendariat begann, arbeitete ich eineinhalb Jahre im Verkauf eines Kosmetikgeschäfts. Dort bat ich irgendwann mein Team, mich bei meinem neuen Namen zu nennen. Als ich auf dem Kassenbeleg ›Theo‹ las, war ich einfach nur glücklich. ›Gender-Euphorie‹ nennt man dieses Gefühl – wenn man spürt, dass das eigene Erleben der Geschlechtsidentität endlich zu der Wahrnehmung von außen passt. Wenige Monate danach begann ich mit der Hormontherapie.

Es waren nicht die besten Voraussetzungen für eine Laufbahn als Religionslehrer: Man ist zwar beim Bundesland angestellt, aber es gilt das katholische Arbeitsrecht. Dort wird Geschlechtsidentität nicht erwähnt, dafür aber die sexuelle Orientierung. Wer nicht hetero ist, verstößt gegen die katholische Sexualmoral. Dass trans Menschen, wie in meinem Fall, nicht automatisch homosexuell sind, verstehen viele nicht. Wie die Kirche auf mich als trans Mann reagieren würde, war unklar.

Ständige Ungewissheit

Schließlich erteilte mir das Erzbistum Freiburg eine befristete Lehrerlaubnis. Die geht bei den meisten nach dem Referendariat fließend in die sogenannte ›Missio canonica‹ über – eine unbefristete Lehrerlaubnis, die vorschreibt, dass man den Religionsunterricht auf die Lehre der katholischen Kirche abstimmt. Ich hingegen musste mit der ständigen Ungewissheit leben, das Referendariat vielleicht für die Tonne zu machen. Das Bistum hatte mir deutlich gemacht, dass es nicht klar sei, wie es danach für mich weitergehe.

Ich setzte mich immer unter Druck, besonders gut sein zu müssen, um der Kirche zu zeigen: Ihr würdet euch ärgern, wenn ihr mir die Lehrerlaubnis nicht erteilt. Vor den Bewertungen bei den Lehrbesuchen war ich so aufgeregt, dass ich zitterte – dort sitzen in Religion nicht nur zwei Kolleg:innen, sondern auch jemand von der Kirche mit im Klassenzimmer.

Mein Religionsunterricht soll die Schüler:innen in ihrem Alltag abholen. In einer Unterrichtsstunde sprach ich mit ihnen zum Beispiel darüber, ob Fitnessstudios die neuen Kirchen sind. Am liebsten diskutiere ich mit ihnen über die großen Fragen – etwa, ob es einen Gott oder einen Sinn des Lebens gibt. So will ich sie dabei unterstützen, ihren Weg im Leben zu finden.

Seit ich Schüler:innen unterrichte, stehe ich ihnen als Herr Schenkel gegenüber. Wir sind eine eher männlich geprägte Berufsschule, alle machen technische Ausbildungen. Ich frage mich schon: Hätten sie mich als Frau anders wahrgenommen? Strahle ich jetzt mehr Autorität aus? Ich weiß auch noch nicht, wie ich damit umgehen soll, wenn mir Schülerinnen etwa von der Angst erzählen, nachts von einer Party nach Hause zu laufen. Ich kann das nachvollziehen, aber sollte ich mich als Mann noch dazu äußern?

»In die Zeit des Referendariats fiel auch mein großes, öffentliches Coming-out.«

Das Gute ist: Einen Gender-Pay-Gap gibt es bei Lehrer:innen nicht, wir Beamt:innen werden in Besoldungsgruppen eingeteilt, der Verdienst steigt mit den Berufsjahren. Im Referendariat bekomme ich etwa 1400 Euro brutto im Monat, danach werden es 4500 Euro brutto sein .

In die Zeit des Referendariats fiel auch mein großes, öffentliches Coming-out. Meine Familie, Freunde, die Kirche und die Schulleitung wussten Bescheid – aber seit Januar können auch alle anderen meine Geschichte googeln. Ich habe bei der ARD-Dokumentation über die Initiative ›Out in Church‹  mitgemacht, in der viele queere Menschen in der Kirche sich gemeinsam outeten.

Am Tag nach der Veröffentlichung war ich gespannt, wie meine Schüler:innen reagieren würden. Einige hatten es gar nicht mitbekommen, andere fragten mich – na klar –, warum ich überhaupt noch für die Kirche arbeitete.

Gute Gründe für die Kirche

Es gibt viele Gründe: In der Kirche, als Messdiener und im Religionsstudium habe ich nur Menschen getroffen, die Vielfalt offen gegenüberstehen. Und: Ich möchte das Vorbild sein, das mir immer gefehlt hat. Ich bin überzeugt, dass sich der katholische Glaube und queer zu sein nicht ausschließen. Es sollte selbstverständlicher werden, dass trans Menschen in allen Berufen sichtbar sind.

Zwei Monate nach der Dokumentation erhielt ich vom Bistum Freiburg meine unbefristete Lehrerlaubnis – nicht die offizielle ›Missio canonica‹, sondern eine Ausnahmegenehmigung.

Manchmal bin ich trotzdem einfach nur wütend auf diese Institution. Wie kann sie mich einerseits als Mensch lieben und andererseits meine Art zu leben als Sünde bezeichnen? Dann muss ich mich selbst wieder daran erinnern, warum ich diesen Job ausübe: für die Jugendlichen.«

Wie werde ich katholische:r Religionslehrer:in?

Bildung und damit auch die Ausbildung von Lehrer:innen ist Ländersache. Die Ausbildungsverläufe unterscheiden sich daher von Bundesland zu Bundesland – und teilweise sogar von Hochschule zu Hochschule. In Sachsen beispielsweise, oft auch noch in Bayern, schließt man das Lehramtsstudium mit Staatsexamen ab, in vielen anderen Bundesländern absolvieren auch Lehramtsstudierende seit der Bologna-Reform ein Bachelor- und Masterstudium. Jeder dieser Abschlüsse wird deutschlandweit anerkannt . Einen guten Überblick über den Studienaufbau in den jeweiligen Bundesländern sowie eine Auflistung der Hochschulen, die Lehramt als Studienfach anbieten, liefert der Monitor Lehrerbildung .

Bereits vor oder am Anfang des Grundstudiums wählen Lehramtsstudierende meist zwei Fächer, die sie später unterrichten wollen. Für katholische Religionslehre kann es sein, dass man Kenntnisse in Latein und Griechisch , Englisch oder einer weiteren Fremdsprache nachweisen muss.

Außerdem müssen sich Lehramtsstudierende für eine Schulform entscheiden und mehrere Praxisphasen absolvieren. Der größte Praxisteil folgt allerdings erst nach Abschluss des Studiums: das Referendariat , auch Vorbereitungsdienst genannt. Diese zweite Phase der Ausbildung dauert je nach Bundesland bis zu zwei Jahre und schließt mit dem zweiten Staatsexamen oder einer Staatsprüfung ab.

Eine Besonderheit bei katholischer Religion: Man muss Mitglied der römisch-katholischen Kirche sein. Nach bestandener Abschlussprüfung verleiht der Diözesanbischof die kirchliche Sendung (»Missio canonica«), die Voraussetzung für die kirchliche oder staatliche Anstellung als katholische:r Religionslehrer:in ist. Später gestaltet die Kirche den Lehrplan mit. Auch im Grundgesetz ist festgehalten, dass der Religionsunterricht »in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften« erteilt wird.

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