Assistenzärztin in der Psychiatrie "Manchmal hätte ich mir selbst eine Therapie gewünscht"

Die 13. Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Dieser Beitrag wurde am 29.07.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Meike*, 31, hat nach ihrem Medizinstudium eine Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie begonnen. Ab dem ersten Tag in der Klinik musste sie sich um psychisch erkrankte Menschen kümmern. Doch selbst fühlte sie sich als Jobanfängerin oft alleingelassen.

"Schon im Medizinstudium wusste ich, dass ich Psychiaterin werden wollte. Psychisch erkrankten Menschen helfen, sie therapieren, das fand ich spannend. Das Fach ist sehr vielfältig – und genau deshalb interessierte es mich. Im November 2017 schloss ich mein Studium nach sieben Jahren ab. Gut ein halbes Jahr später fing ich bei einem Krankenhaus in der Stadt als Assistenzärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an, die Jobsuche ging also vergleichsweise schnell. Der schwierige Teil kam erst danach.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Arbeit in der Klinik so mitnehmen würde. Einmal musste ich mich sogar in der Toilette einschließen, um zu weinen. Als junge Ärztin war ich total überfordert.

Mein erstes Jahr im Job

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Eigene Patienten ab dem ersten Tag

In meinem ersten Jahr als Assistenzärztin warf man mich ins Kalte Wasser. Ab Tag eins bekam ich eigene Patienten, obwohl ich vorher nie jemanden allein behandelt hatte. Wie sollte ich eine Therapiestunde füllen? Ich konnte mich nicht an irgendwelchen Laborwerten langhangeln wie etwa Assistenzärzte in der Inneren Medizin oder Neurologie. Vor mir saß immer ein Mensch, der seelisch litt, mit sich haderte, manche wollten sich das Leben nehmen – und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Im Medizinstudium lernt man nichts über Psychotherapie, das wird erst in der Facharztausbildung Thema. Aber die hatte ich ja mit dem Jobeinstieg gerade erst begonnen.

Ich war gerade zwei Monate im Job, als der erste Suizid geschah. Einer meiner Patienten nahm sich zu Hause das Leben, nachdem er aus der Klinik entlassen worden war. Weil ich ihn zuletzt behandelt hatte, fühlte ich mich mitschuldig. Der Mann war schwer krank gewesen, ich hätte ihn wahrscheinlich nicht retten können, aber den Schock musste ich erst mal verarbeiten.

Von der Klinik hätte ich mir damals mehr Unterstützung gewünscht. Ich musste selbst auf einen Kollegen zugehen, um mit ihm über den Fall zu sprechen – das hat geholfen. Zwar hatte ich auch Supervision, also regelmäßige Sitzungen, in denen ich mich mit Kollegen austauschte, aber da ging es eher um Schwierigkeiten im Team, nicht um persönliche Probleme.

Ich bekam Angst vor den Diensten, da gab es einfach keine Routine.

Assistenzärztin Meike

Auf meinen ersten Bereitschaftsdienst fühlte ich mich erst recht nicht vorbereitet. In dem Krankenhaus, in dem ich arbeitete, waren die Bereitschaftsdienste stationenübergreifend organisiert: Am Wochenende oder nachts musste ich also teilweise bis zu sieben Stationen gleichzeitig betreuen – nicht nur die, auf denen psychisch Erkrankte lagen. Einmal krampfte ein Patient auf der neurologischen Station mehr als 30 Minuten lang und ich wusste als verantwortliche Ärztin nicht, was zu tun war. Das war nicht mein Fachgebiet, ich kannte mich nicht aus und eingearbeitet worden war ich auch nicht. Also war ich auf die Pflegerinnen und Pfleger angewiesen. Zum Glück ging alles gut. Solche Situationen waren grenzwertig, es ging doch um Menschenleben. Ich bekam Angst vor den Diensten, da gab es einfach keine Routine.

Mir ist natürlich bewusst, dass wir in Deutschland ein gutes Gesundheitssystem haben. Im Studium habe ich Praktika in Sri Lanka, Australien, Südkorea und Kroatien absolviert – da war es oft schlimmer. Dennoch läuft auch bei uns viel schief, finde ich. Meist liegt es daran, dass es nicht genug Ärztinnen und Ärzte gibt.

Wechsel in eine andere Klinik

Nach nur zehn Monaten wechselte ich in eine andere Klinik. In der psychiatrischen Abteilung, wo ich im Studium ein Praktikum gemacht hatte, war zufällig eine Stelle frei geworden. Ich mochte das Team und die Atmosphäre auf der Station. Doch die Arbeit mit den Patienten wurde nicht leichter. Hin und wieder musste ich Menschen in die geschlossene Station einweisen, weil sie sich etwas antun wollten. Einmal wurde eine Patientin aggressiv, spuckte mich an. Es fiel mir schwer, gegen den Willen der Frau zu handeln, auch wenn es zu ihrem eigenen Schutz war.

Bis heute arbeite ich in dieser Klinik, mittlerweile bin ich im dritten Ausbildungsjahr, also etwa bei der Hälfte. Während der Facharztausbildung werde ich nach Tarif bezahlt, das Gehalt ist gestaffelt und wird von Jahr zu Jahr mehr: Aktuell verdiene ich monatlich knapp 5.050 Euro brutto.

Ich musste erst lernen, dass ich mit jemandem reden muss, um mit den schweren Geschichten der Patienten klarzukommen.

Assistenzärztin Meike

Sexueller Missbrauch, Gewalt in der Erziehung – solche Schicksale beschäftigen mich jeden Tag. Manchmal hätte ich mir selbst eine Therapie gewünscht. Vor Kurzem habe ich zumindest mit der sogenannten Selbsterfahrung begonnen, das ist eine Art Pflicht-Therapie und gehört zu meiner Facharztausbildung dazu. Hier bin ich die Patientin und spreche mit einem Psychotherapeuten über meine privaten Probleme, was mich im Alltag beschäftigt. Dadurch werde ich hoffentlich eine bessere Therapeutin, denn ich lerne auch, wie man sich als Patient fühlt. In anderen Facharztausbildungen ist das nicht üblich, eine angehende Chirurgin etwa würde keine Selbsterfahrung machen.

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Ich denke, solche Gespräche könnten für alle, die in medizinischen Bereichen arbeiten, hilfreich sein. Ich musste erst lernen, dass ich mit jemandem reden muss, um mit den schweren Geschichten der Patienten klarzukommen. Inzwischen berühren sie mich zwar noch, aber ich nehme sie nicht mehr so oft mit nach Hause."

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