Jobeinstieg als Berufsschullehrerin »Mitten in der Coronakrise bekam ich einen Job, bei dem ich praktisch unkündbar bin«

Für Emily war das Beste an ihrer Ausbildung die Berufsschule. Sie beschloss, selbst zu unterrichten – im Frühjahr wurde sie verbeamtet. Ein SPIEGEL-Best-of-2020-Text.
Aufgezeichnet von Sebastian Maas
Als Berufsschullehrerin unterrichtet Emily Schülerinnen und Schüler von 16 bis über 40 (Symbolbild)

Als Berufsschullehrerin unterrichtet Emily Schülerinnen und Schüler von 16 bis über 40 (Symbolbild)

Foto: Zeljko Dangubic / Westend61 / Getty Images

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Emily* ist seit dem Frühjahr verbeamtete Lehrerin an einer großen Berufsschule in Norddeutschland. Dafür musste die 30-Jährige fast zehn Jahre lang hart arbeiten.

Mein erstes Jahr im Job

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»Ich habe mein Abitur an einer beruflichen Schule gemacht und danach eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau angefangen. Zu der Zeit lief viel ›Mieten, Kaufen, Wohnen‹ im Fernsehen, eine Maklershow bei Vox. Mit meiner Arbeit hatte die aber nicht viel zu tun. Ich saß meist vor öden Excel-Listen und wurde von meinem Chef ständig kontrolliert.

Die Zeit in der Berufsschule war für mich immer viel schöner als die im Betrieb. Dort lernte ich mit ganz unterschiedlichen Schülerinnen und Schülern: Einige machten Abitur, andere den erweiterten Realschulabschluss, wieder andere lernten gerade ihre Berufe. Die Lehrerinnen und Lehrer mussten sich auf jedes dieser Niveaus einstellen. Irgendwann dachte ich: Hier möchte ich bleiben – nur auf der anderen Seite des Pults.

Der Weg dorthin war lang: Erst musste ich die für mich langweilige Ausbildung abschließen, damit ich mich für das Studium qualifiziere . Bachelor und Master dauerten noch einmal fünf Jahre, danach folgten 18 Monate Referendariat. Im Frühjahr wurde ich endlich verbeamtet – mitten in der Coronakrise bekam ich also einen Job, bei dem ich praktisch unkündbar bin. Das ist ein absoluter Luxus, den ich sehr genieße.

»Es ist natürlich eine Herausforderung, wenn ich als 30-Jährige vorn stehe und einem Familienvater etwas beibringen soll«

Berufsschullehrerin Emily

Meine Schülerinnen und Schüler sind mindestens 16 Jahre alt, einige sogar über 40 – in die Berufsschule kommen auch Menschen, die eine Umschulung machen. Es ist natürlich eine Herausforderung, wenn ich als 30-Jährige vorn stehe und einem Familienvater etwas beibringen soll. Zumal ich oft für viel jünger gehalten werde, weil ich recht klein bin. Da muss ich erst einmal klarmachen, wer die Zügel in der Hand hat. Aber wenn ich der Klasse von meinem Lebenslauf erzähle und in den ersten Schulstunden des Jahres beweise, was ich fachlich draufhabe, respektieren sie mich. Weil ich selbst mal Azubine war, kann ich mich sehr gut in meine Schülerinnen hineinfühlen.

3300 Euro netto

Als verbeamtete Lehrerin verdiene ich etwa 3300 Euro netto, davon gehen noch circa 300 Euro für die private Krankenversicherung ab. Als das erste Gehalt kam, war das wie ein Geschenk. Ich habe mir davon ein Paar Chanel-Ohrringe gekauft, die ich seit fünf oder sechs Jahren immer wieder im Blick hatte. Dass danach trotzdem noch etwas auf dem Konto übrig war, fühlte sich surreal an. Denn noch vergangenes Jahr im Referendariat verdiente ich nur 1400 Euro netto, das reichte kaum, um alle Kosten zu decken.

»Es gibt niemanden, der zur selben Zeit in derselben Erfahrungsstufe angefangen hat und nur deshalb mehr verdient, weil er ein Mann ist«

Berufsschullehrerin Emily

Verhandeln konnte ich über das Beamtengehalt natürlich nicht, das ist in einer Besoldungstabelle geregelt. Dadurch kann ich aber auch sicher sein: Es gibt niemanden, der zur selben Zeit in derselben Erfahrungsstufe angefangen hat und nur deshalb mehr verdient, weil er ein Mann ist. Und ich weiß, dass ich alle paar Jahre eine Erfahrungsstufe aufsteige und dann mehr Geld bekomme. Diese Sicherheit war für mich ein wichtiger Grund, warum ich diesen Weg gegangen bin. Sie wirkt aber in beide Richtungen: Ich dürfte meine Schule frühestens in drei Jahren wechseln, kann aber auch bis zur Pension an derselben Schule bleiben.

Seit dem Sommer unterrichte ich Geschichte und Wirtschaft, genauer gesagt ›BRC‹, wie das bei uns heißt. Das steht für ›Betriebswirtschaft mit Rechnungswesen/Controlling‹. Gerade habe ich da mit einer Klasse die verschiedenen Rechtsformen von Unternehmen besprochen und den Schülern beigebracht, wann sie für Verluste ihres Unternehmens haften und wann nicht. In der Berufsschule liegt der Fokus auf anwendbarem Wissen, die Schülerinnen müssen Lösungen für wirtschaftliche Probleme in Gruppen erarbeiten. Dazu lernen sie Kompetenzen, die sie im Job brauchen: sich selbst und fachliche Inhalte präsentieren zum Beispiel.

Um 22.30 Uhr noch E-Mails beantworten

Als Lehrerin hat man nie ganz Feierabend, oft antworte ich um 22.30 Uhr noch auf Anfragen per E-Mail. Die Schülerinnen und Schüler bekommen so direkt eine Lösung für ihr Problem und ich belaste mich nicht mit weiteren To-dos für den nächsten Tag. Meine Handynummer haben meine Schüler aber nicht – sonst könnte ich ja nicht mal ein Bild in meinen WhatsApp-Status packen, ohne dass alle es sehen.

»Ich möchte keine Klischee-Lehrerin werden, die immer die gleichen alten Kopien rausholt«

Berufsschullehrerin Emily

Meine Arbeitszeit wird per Verordnung vom Land festgelegt, es gibt keinen Arbeitsvertrag. Bei mir sind es wöchentlich etwa 25 Unterrichtsstunden à 45 Minuten. Mit den Korrekturen, Konferenzen und der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts komme ich auf etwa 40 Stunden in der Woche, in Phasen mit vielen Konferenzen oder Klausuren werden es auch mal 50 Stunden. Das Klischee, dass wir Lehrer durch die Ferien extrem viel freihaben, stimmt nicht: Klassischerweise schreiben wir viele Klausuren vor den Ferien, um diese dann in den Ferien zu korrigieren. Da kann es schon sein, dass ich acht Klausursätze mit jeweils etwa 25 Klausuren bearbeiten muss. Und Schüler können in 90 Minuten extrem viel schreiben.

Vielleicht wird die Arbeit weniger, wenn ich nach einigen Jahren eingespielter bin. Aber ich möchte keine Klischee-Lehrerin werden, die immer die gleichen alten Kopien rausholt. Vielmehr habe ich den Anspruch, meinen Unterricht mit aktuellen Beispielen zu unterfüttern. Wenn ich eine spannende Dokumentation oder Serie sehe, frage ich mich, wie ich die in den Unterricht integrieren kann. Die Schüler ahnen auch gar nicht, wie viel wir Lehrerinnen und Lehrer uns austauschen, wir sind keine Einzelkämpfer, sondern arbeiten im Team. Wir haben zwar eine Schweigepflicht, aber natürlich dürfen und müssen wir uns über Schüler austauschen.

Fast zehn Jahre lang musste ich mir immer wieder sagen, dass das mein Traumberuf ist, auf den ich hinarbeite. Sonst hätte ich das nicht durchgehalten. Jetzt fühle ich mich angekommen. An einen weiteren beruflichen Aufstieg denke ich überhaupt nicht. Ich liebe es, vor der Klasse zu stehen und zu unterrichten. Ich könnte zwar mehr Geld verdienen, zum Beispiel, wenn ich mehr organisatorische Aufgaben an der Schule übernehmen würde, als Oberstudienrätin oder Abteilungsleiterin. Aber dann könnte ich ja weniger unterrichten – und würde dafür wieder vor öden Excel-Listen sitzen.«

Wie wird man Berufsschullehrerin?

Zum Berufsschullehramt führen mehrere Wege. Der klassische ist ein entsprechendes Studium , entweder auf Bachelor und Master oder auf Staatsexamen. Die Studiengänge heißen etwa »Berufs- und Wirtschaftspädagogik «, »Lehramt Berufskolleg « oder »Lehramt an Beruflichen Schulen « und können an vielen deutschen Unis belegt werden.

Wie bei anderen Lehramtsstudiengängen entscheidet man sich zu Beginn des Studiums für eine Fächerkombination, neben dem Schwerpunkt auf Wirtschaftswissenschaft oder Gewerbe und Technik studiert man dann zum Beispiel auch Chemie, Mathematik oder Deutsch. Nicht immer sind alle Kombinationen erlaubt .

Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Bundesland, Uni und gewünschter Fachrichtung. Zugangsvoraussetzung für das Studium ist neben der Hochschulreife oft, aber nicht immer, eine abgeschlossene Berufsausbildung . Für die Fachrichtung »Handelslehramt« bietet sich beispielsweise eine Ausbildung als Hotel- oder Einzelhandelskaufmann an, für die Fachrichtung »Technik- & Gewerbelehramt« eine Ausbildung als Kfz-Mechatronikerin oder Maurerin. Anstelle der Ausbildung genügt manchmal auch der Nachweis eines mindestens zwölfmonatigen Betriebspraktikums.

Da Berufsschullehrerinnen und -lehrer vor allem in technischen Bereichen stark nachgefragt sind, können sich auch Quer- oder Seiteneinsteiger für den Beruf qualifizieren. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Studium, das einen direkten Bezug zu den unterrichteten Fächern hat, etwa Informatik oder BWL. Der Quereinstieg ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt, im Regelfall bewirbt man sich aber direkt bei der Schule auf eine ausgeschriebene Stelle und startet nach einer kurzen Einarbeitungszeit ins Referendariat. Hier wird der Prozess exemplarisch für Hamburg erklärt .

* Die Protagonistin möchte anonym bleiben, ihr Name ist der Redaktion bekannt.

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