Timing, Kosten, Kleingedrucktes Was es bei einer Berufsunfähigkeits­versicherung zu beachten gilt

Ob aus körperlichen oder seelischen Gründen: Vor einer Berufsunfähigkeit ist niemand sicher. Damit eine entsprechende Versicherung auch wirklich greift, sollte man diese Fehler vermeiden.
Berufsunfähigkeit kann jede:n treffen. Entsprechende Versicherungen sind jedoch mitunter schwer zu durchdringen. (Symbolbild)

Berufsunfähigkeit kann jede:n treffen. Entsprechende Versicherungen sind jedoch mitunter schwer zu durchdringen. (Symbolbild)

Foto: Anchiy / Getty Images

Wie finanziere ich mein Leben, wenn ich plötzlich nicht mehr arbeiten kann? Nicht nur Unfälle, auch seelische Leiden oder Überlastung  können in die Berufsunfähigkeit führen. In vielen Fällen lohnt es sich deshalb, früh über eine Berufsunfähigkeitsversicherung  nachzudenken.

Wir erklären, wer sich wann gegen Berufsunfähigkeit versichern sollte – und wie man dabei nicht über Vertragsklauseln und Gesundheitsfragen stolpert.

Wann sollte ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen?

Die Tarife richten sich nach Alter, Beruf und Krankheitsgeschichte. Je früher ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließe, desto günstiger wird es. Sandra Klug von der Verbraucherzentrale Hamburg sagt dazu: »Überspitzt gesagt: Ab 30 Jahren ist man für ein Versicherungsunternehmen alt, ab 40 steinalt und danach ist man quasi scheintot.« Der Versicherungsschutz sei spätestens dann kaum noch bezahlbar, so Klug.

Es könne deshalb sinnvoll sein, bereits in Schulzeit, Ausbildung oder Studium eine BU-Versicherung abzuschließen. Denn mit dem Alter würden die Vorerkrankungen in der Regel nicht weniger. Als Schüler:in oder Student:in müsse man sich eine entsprechende Police zwar erst mal leisten können, bekomme aber auch einen besonders günstigen Tarif, so Klug.

»Überspitzt gesagt: Ab 30 Jahren ist man für ein Versicherungsunternehmen alt, ab 40 steinalt und danach ist man quasi scheintot.«

Sandra Klug, Verbraucherzentrale Hamburg

Auch die Berufswahl  ist für den Zeitpunkt des Versicherungsabschlusses entscheidend. Bringt der Traumberuf ein besonders hohes Risiko mit sich – will ich etwa zu Sondereinsatzkommando oder Bundeswehr  –, dann ist es sinnvoll, eine Versicherung schon vor dem Berufseinstieg abzuschließen. Denn: Einen neuen Karriereweg muss man der Versicherung nicht zwingend mitteilen. Hier ist es wichtig, darauf zu achten, dass der Vertrag Nachversicherungen ohne neue Gesundheitsprüfung ermöglicht.

Ähnlich ist es bei den Vorerkrankungen. Wenn bereits absehbar ist, dass bestimmte medizinische Risiken auf mich zukommen, kann es ebenfalls sinnvoll sein, früh eine Versicherung abzuschließen. So zum Beispiel vor einer Psychotherapie. Habe ich eine bestimmte Erkrankung gerade hinter mir, kann es ratsam sein, noch keinen Antrag zu stellen, da manche Versicherungen nur auf die letzten fünf Jahre zurückblicken.

Was braucht man für eine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Kommt eine Berufsunfähigkeitsversicherung als Absicherung infrage , ist es wichtig, sich gut zu informieren und bei der Antragstellung keine Fehler zu machen. Vor einem Abschluss geht es deshalb ans gründliche Sammeln aller Daten, um lückenlos Arbeits- und Krankengeschichten einreichen zu können. Beim Beantworten der Fragen über den Gesundheitszustand bietet es sich an, Arzt oder Ärztin um Hilfe zu bitten. Zumindest aber sollte die Krankenakte angefordert werden. Außerdem sollte eine sogenannte Patientenquittung von der Krankenkasse eingeholt werden. Eine solche Versichertenauskunft reicht mindestens 18 Monate zurück und gibt einen Überblick über alle Diagnosen und Behandlungen.

Es ist wichtig, wirklich jedes Wehwehchen anzugeben. Kommen Falschangaben später auf, muss die Versicherung im Falle einer Berufsunfähigkeit nämlich nicht zahlen und die Beiträge waren umsonst.

Mit welchen Kosten ist zu rechnen?

Wie viel eine Berufsunfähigkeitsversicherung kostet, kann sich nach folgenden Kriterien richten:

  • Alter

  • Beruf

  • Vorerkrankungen

  • Hobbys und Lebensgewohnheiten (z. B. Risikosportarten oder Nikotinkonsum)

Die Einordnung in eine Risikogruppe ist bei den verschiedenen Anbietern alles andere als einheitlich. »Die Versicherer bilden für die Prämienbemessung teilweise über 50 verschiedene Berufs-, Tätigkeits- sowie Gefahrengruppen«, sagt Constantin Papaspyratos, Chefökonom vom Bund der Versicherten (BdV). Zu den teuersten Berufsgruppen gehören meist Menschen, die körperlich arbeiten, also etwa ein Friseur, eine Dachdeckerin oder ein Pfleger. »Das Problem ist, dass gerade die Berufe, die am meisten Absicherung bräuchten, oft die geringsten Einkommen haben. Für die ist es aber am teuersten«, so Verbraucherschützerin Klug. Besonders in diesem Bereich kann es hilfreich sein, sich schon vor dem Berufseinstieg zu versichern. Manche Berufe gelten auch als faktisch nicht versicherbar, etwa Pilot:innen, Flugbegleiter:innen oder Berufssportler:innen.

»Das Problem ist, dass gerade die Berufe, die am meisten Absicherung bräuchten, oft die geringsten Einkommen haben.«

Sandra Klug, Verbraucherschutzzentrale Hamburg

Prämienbeispiele in Broschüren oder auf Webseiten der Versicherer seien oftmals »Schaufenster-Preise«, sagt BdV-Ökonom Papaspyratos, sie sagten nichts über die individuelle Prämie aus. Viel wichtiger seien für die tatsächliche Beitragshöhe die unterschiedlichen Gefahrengruppen, sowie die Faktoren Vorerkrankungen, Alter und Hobbys. Allerdings hänge die individuelle Gewichtung immer auch stark vom Anbieter ab.

Beispielprämien

Ungefähre monatliche Kosten einer Berufsunfähigkeitsversicherung für ideale Musterkund:innen* laut Bund der Versicherten:

  • Ökonom:in 75-90 Euro

  • Kaufmännische:r Angestellte:r 90-110 Euro

  • Physiotherapeut:in, Yoga-Lehrer:in 150-200 Euro

  • Bäcker:in, Briefzusteller:in, Gebäudereiniger:in 250-340 Euro

  • Gerüstbauer 300-400 Euro

*Musterkund:in: Eintrittsalter 35 Jahre, Versicherungs- und Leistungsendalter 67 Jahre, monatliche Rentenhöhe 2000 Euro; die versicherte Person ist abhängig beschäftigt, übt weder Reisetätigkeiten noch Führungsverantwortung oder gefährliche Hobbys aus und hat keine prämienrelevanten Vorerkrankungen

Was sollte mir eine BU-Versicherung zahlen?

Damit sich die Berufsunfähigkeitsversicherung lohnt, sollte die monatliche Rentenhöhe 1000 Euro übersteigen, rät Sandra Klug von der Verbraucherzentrale. Sonst befreie man lediglich den Staat von seiner Fürsorgepflicht. Denn mit staatlichen Unterstützungen wie etwa Grundsicherung und Wohngeld kann man unter Umständen ebenfalls auf knapp 1000 Euro kommen. »Am besten sollte sich die Berufsunfähigkeitsrente am Nettoeinkommen orientieren«, rät Klug. Die meisten Versicherer versichern etwa 80 Prozent des Nettoeinkommens.

Kann man sich die Berufsunfähigkeitsversicherung auszahlen lassen?

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine Risikoversicherung, ähnlich wie die Kfz-Haftpflichtversicherung eines Autos. Bei einer Kündigung oder beim Eintritt in die Rente gibt es in der Regel also kein Geld zurück.

Warum kann ich bei der Berufsunfähigkeitsversicherung abgelehnt werden?

Kein Anbieter ist verpflichtet, eine BU-Versicherung abzuschließen. Berufswahl, Krankheitsgeschichte und die oben gelisteten Risikofaktoren können neben hohen Prämien auch die Ablehnung eines Vertrags zur Folge haben. Das Problem: Wer einmal abgelehnt wurde, lande auf einer sogenannten »schwarzen Liste«, erklärt Klug. »Jeder andere Versicherer, der da reinschaut, kann sehen: Ah, die Person ist schon mal abgelehnt worden, die wollen wir auch nicht.«

Mit psychischen Vorerkrankungen  ist es besonders schwer, eine günstige Police zu bekommen. »Wenn man gerade in einer Therapie war oder ist, wird man nicht versichert«, so Klug. Wer doch eine Versicherung bekommt, müsse mit hohen Prämien rechnen. Auch bei chronischen Krankheiten wie Diabetes Typ 1 oder Erkrankungen wie Krebs würden Betroffene häufig abgelehnt.

Wie vermeide ich es, abgelehnt zu werden?

Um das zu umgehen, kann man vor der eigentlichen Beantragung eine sogenannte anonymisierte Anfrage stellen. Dabei helfen Versicherungsmakler:innen oder -berater:innen. Die nehmen Gesundheitsfragen auf, schicken sie anonymisiert an Versicherer und klappern die verschiedenen Angebote ab. »Makler oder Berater, die viele Berufsunfähigkeitsanträge stellen, wissen auch, mit welchen Vorerkrankungen man am besten zu welchem Anbieter geht«, sagt Klug.

Was muss ich beim Vertragsabschluss beachten?

Mit oder ohne Makler:in – beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es laut Klug ein paar Details zu beachten:

  • Abstrakte Verweisungen: Sie sollen im Vertrag lieber vermieden werden, rät Klug. »Als Beispiel: Ein Maler kann keine Wände mehr anstreichen, er könnte aber, was seiner Ausbildung und seinem Gehalt entspricht, in einem Baumarkt Farben verkaufen. Dann würde er – unabhängig davon, ob er einen Job im Baumarkt findet oder nicht – keine Berufsunfähigkeitsrente bekommen.«

  • Sechs-Monats-Prognose: In der Regel muss ein Arzt eine Berufsunfähigkeit von mindestens sechs Monaten prognostizieren, damit die Versicherung greift. Manche Verträge beinhalten bei der Prognose allerdings die Formulierung »auf Dauer«. Hier ist Vorsicht geboten. Denn das bedeutet, dass ein Arzt sagen muss, dass man mindestens drei Jahre lang nicht arbeiten kann.

  • Zusätzlich eine Rechtsschutzversicherung abschließen: Es mag absurd wirken, eine Versicherung für eine Versicherung abzuschließen. Tatsächlich wird aber immer wieder dazu geraten.

  • Nachversicherungsgarantien: Sie sind gerade für junge Versicherte wichtig. Denn sie garantieren, dass man in bestimmten Situationen die Versicherungssumme erhöhen kann, ohne sich erneut einer Gesundheitsprüfung zu stellen. So zum Beispiel, wenn man heiratet, Kinder bekommt oder sich selbstständig macht.

  • Gekoppelte Angebote: Von Kombi-Verträgen wie einer kapitalbildenden Rentenversicherung gekoppelt mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung rät Klug ab. Kapitalbildende Versicherungen seien teuer und Rendite-arm. Zudem ließej sich die Verträge nicht entkoppeln, wenn man kein Kapital mehr aufbauen möchte. Beide Versicherungen müssten im Zweifelsfall gekündigt werden und der Schutz vor der Berufsunfähigkeitsversicherung entfiele.

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