Jobeinsteiger Was Corona für die Berufsunfähigkeits­versicherung bedeutet

Wer sich mit einer Versicherung vor den Folgen eines Jobverlusts durch Krankheit schützen möchte, ist auch mit Covid-19 konfrontiert. Wie gehen Versicherungen mit Erkrankten um?
Sich früh mit der Berufsunfähigkeit zu beschäftigen, ist sinnvoll – vor allem in Corona-Zeiten (Symbolbild)

Sich früh mit der Berufsunfähigkeit zu beschäftigen, ist sinnvoll – vor allem in Corona-Zeiten (Symbolbild)

Foto: Kiko Jimenez / Westend61 / Getty Images

Heute, fast ein Jahr nach ihrer Covid-19-Erkrankung, macht Nina, 26, wieder regelmäßig Sport. Nur danach, sagt sie, müsse sie ganz schnell unter die Dusche, den Geruch von Schweiß nehme sie viel intensiver wahr als vor der Infektion. Etwa ein halbes Jahr fehlte Nina jeglicher Geschmacks- und Geruchssinn, dann kamen beide langsam zurück – jetzt kann sie manche Geschmäcker und Gerüche kaum ertragen.

Es ist die einzige Spätfolge, mit der Nina zu kämpfen hat. »Ich bin komplett fit«, sagt sie. Ein Gesundheits-Check-up beim Arzt habe keine Auffälligkeiten ergeben, ihren Job bei einem Start-up übe sie ganz normal aus. Und dennoch: Als sie sich Ende vergangenen Jahres über einen privaten Versicherungsmakler nach einer Berufsunfähigkeitsversicherung erkundigte, habe der keinen Anbieter für sie finden können – angeblich wegen ihrer Corona-Infektion.

Ein Einzelfall?

Wozu eine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Ein Burn-out, chronische Rückenschmerzen oder ein Unfall – und plötzlich kann man seinen Beruf nicht mehr ausüben: In einem solchen Fall greift die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Die gesetzliche Rentenversicherung zahlt bei einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit noch eine sogenannte Erwerbsminderungsrente. Doch die reicht oft nicht zum Leben. Wer eine BU abgeschlossen hat, bekommt zusätzlich eine monatliche Rente.

Die Tarife für eine BU variieren, je nachdem, welchen Beruf man ausführt und für wie gefährlich er eingeschätzt wird. Eine Schornsteinfegerin zahlt also mehr als eine Bürokauffrau. Auch gefährliche Hobbys fließen bei der Risikobewertung ein.

Wer an Covid-19 erkrankt war, muss nach Recherchen des SPIEGEL bei privaten Krankenversicherungen mit höheren Kosten oder gar einer Ablehnung rechnen. Der Grund: Noch können Mediziner nicht viel über die Langzeitfolgen sagen, weder die physischen noch die psychischen. Doch genau dieses Wissen über Langzeitfolgen ist wichtig für Versicherer, auch bei Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU). Werden also auch sie künftig teurer oder gar schwieriger zu bekommen?

Noch sei die Lage sehr undurchsichtig, heißt es beim Bund der Versicherten in Hamburg, der sich für die Rechte und Belange der Versicherten engagiert. »Alle Seiten sind verunsichert«, sagt Chefökonom Constantin Papaspyratos. »Die Versicherer können Langzeitschäden nicht absehen und sind sehr zurückhaltend in der Risikobewertung. Und die Versicherungsnehmer haben gegebenenfalls Probleme, einen Vertrag abzuschließen.«

Unterschiede bei Gesundheitsfragebögen

Schon beim sogenannten Gesundheitsfragebogen sei das Bild uneinheitlich. Den müssen alle an einer BU Interessierten ausfüllen. Die Versicherungen ermitteln damit, wie fit man ist und welche Arztbesuche es zum Beispiel in den vergangenen fünf Jahren gab; sie fragen nach Medikamenteneinnahmen, ob man im Krankenhaus behandelt werden musste oder an chronischen Erkrankungen leidet. Bei manchen Versicherern tauche Corona schon explizit in den Fragebögen auf, sagt Papaspyratos: »Die einen wollen wissen, ob man im vergangenen Jahr an Covid-Symptomen gelitten hat oder sich wegen Kontakt zu Covid-infizierten Personen in Quarantäne begeben musste. Die anderen fragen nur, ob man wegen einer Covid-Erkrankung medizinisch behandelt werden musste.«

Wie in Zukunft mit diesen Informationen umgegangen werde, sei völlig offen. Eine Ablehnung sei möglich – ebenso wie den Vertrag erst einmal zurückzustellen und abzuwarten. Und noch andere Varianten seien denkbar, sagt Papaspyratos: »Möglicherweise müssen an Covid-19-Erkrankte in Zukunft einen Risikozuschlag zahlen. Oder es wird ein Leistungsausschluss vermerkt.« Versicherer können im BU-Vertrag vereinbaren, dass eine Rente etwa nicht ausgezahlt wird, wenn jemand in der Vergangenheit an Rückenschmerzen gelitten hat und später genau deshalb seinen Job nicht mehr ausführen kann. So könnte laut Papaspyratos möglicherweise auch mit Covid-19 verfahren werden.

Das sagen die Versicherer

Nach Daten des Analysehauses Morgen & Morgen zählen zu den aktuell größten BU-Versicherern des Landes: Allianz, Generali, Axa und die Alte Leipziger Versicherung. Auf eine SPIEGEL-Anfrage hin zeichnen sie ein etwas weniger dramatisches Bild, noch. Pauschale Beitragserhöhungen für BUs und andere private Zusatzversicherungen stellt keiner der Versicherer in Aussicht. »Dazu liegen noch zu wenige Informationen zu Krankheitsverläufen oder Spätfolgen vor«, schreibt etwa eine Sprecherin der Axa.

Dass man aufgrund einer Covid-19-Erkrankung pauschal abgelehnt werde, bestätigt ebenfalls keiner. Die Regel sei, dass der Antrag im Falle einer Erkrankung einige Monate zurückgestellt werde, um den weiteren Verlauf abzuwarten. Die Generali schreibt hierzu etwa: »In diesem Fall stellen wir den Antrag zunächst zurück und warten die Genesung ab. Bei einem negativen Testergebnis oder vollständiger Genesung nehmen wir dann den Antrag zu normalen Bedingungen an.«

Angegeben werden muss eine Covid-19-Erkrankung im Rahmen der Risikoprüfung aller Versicherer – selbst wenn sie nicht immer explizit abgefragt wird.

Wahrheitsgemäß antworten

Bei einer möglichen Gesundheitsprüfung wahrheitsgemäß zu antworten, sei in jedem Fall wichtig, sagt auch Kerstin Becker-Eiselen, Versicherungsexpertin von der Verbraucherzentrale in Hamburg. »Haben Sie geschummelt, sind also zum Beispiel nicht alle erfragten Arztbesuche angegeben worden, kann das für Sie drastische Folgen haben.« Im schlimmsten Fall werde der Vertrag vom Versicherer juristisch angegriffen, sagt Becker-Eiselen. Man würde dann möglicherweise keine Leistungen aus der Versicherung erhalten – obwohl jahrelang Beiträge bezahlt wurden. Corona zu verschweigen, ist also keine Lösung.

Was muss man beim Abschluss einer BU beachten?

Es ist sinnvoll, sich möglichst früh mit einer BU abzusichern – auch schon während des Studiums oder zum Ende der Ausbildung, wenn klar ist, welche berufliche Richtung man einschlägt. »Je näher Sie an die Rente rücken, desto höher ist das Risiko und damit auch die Beiträge. Wenn sie mit 22 anstatt mit 40 Ihre BU abschließen, zahlen sie logischerweise geringere Beiträge, auch, weil sie länger einzahlen«, sagt Kerstin Becker-Eiselen, Versicherungsexpertin von der Verbraucherzentrale in Hamburg.

Einen Vorteil bringen Angebote mit einer sogenannten Nachversicherungsgarantie. Das bedeutet, man kann zu den im Vertrag festgelegten Anlässen – zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes oder wenn man sich selbstständig macht – eine BU-Rente erhöhen, ohne dass es zwangsläufig einer erneuten Gesundheitsprüfung bedarf.

Wer eine BU abschließen möchte, dem rät Papaspyratos vom Bund der Versicherten, sich bei einem anbieterunabhängigen, auf Personenversicherungen spezialisierten Berater zu informieren. Der könne parallel eine anonymisierte Voranfrage bei verschiedenen Versicherern stellen. »Das heißt, man bespricht gemeinsam die Gesundheitshistorie, füllt die Fragebögen wahrheitsgetreu aus und schaut dann, welche Versicherung die besten Konditionen bietet.«

Nina hat die Hoffnung auf einen Vertrag noch nicht aufgegeben. Klar müssten die Versicherer Corona-Spätfolgen mit einberechnen, um lukrativ zu wirtschaften, sagt sie. »Sie sollten mir aber trotzdem eine BU anbieten, wenn auch eine teurere.«