Berufswahl Mach doch lieber was Gescheites

Wer sich für ein Studium oder eine Ausbildung entscheiden muss, bekommt oft den Ratschlag, einen sicheren Job zu wählen - und nicht zu sehr aufs Herz zu hören. Aber ist das wirklich der richtige Weg?
Wofür sollte man sich entscheiden: für einen Job, der froh macht – oder einen, der sicher ist?

Wofür sollte man sich entscheiden: für einen Job, der froh macht – oder einen, der sicher ist?

Foto: Sven Hagolani / fStop / Getty Images

Wenn Studienberater Tillmann Grüneberg vor einer achten Klasse steht und die Schülerinnen und Schüler nach ihren Berufswünschen fragt, hört er nur noch selten "Fußballerin" oder "Schauspieler". "Stattdessen sitzen 14-Jährige vor mir, die Verwaltungsfachangestellter oder Justizvollzugsbeamte werden wollen", sagt Grüneberg. Er selbst ist 32 Jahre alt, ein Kind der Generation Y, der man nachsagt, im Job vor allem Selbstverwirklichung zu suchen. Nun begegnet er einer Generation, die ins andere Extrem zu neigen scheint.

Es ist ein Konflikt, den viele junge Menschen kennen dürften: Mache ich das, wofür mein Herz schlägt – auch wenn ich damit nicht die besten Aussichten habe? Oder suche ich mir einen Beruf, von dem ich mir Sicherheit verspreche – auch wenn es nicht mein Traum ist? Und gibt es wirklich nur diese beiden Pole? 

Doppelter Druck bei der Berufswahl

Tatsächlich stehen junge Menschen heute unter einem doppelten Druck: Der Job soll sicher, aber bitte trotzdem sinnhaft sein. "Die jungen Menschen wollen eigentlich beides auf einmal", sagt Bildungssoziologin Gudrun Quenzel, Co-Autorin der Shell-Jugendstudie , in der 12- bis 25-Jährige zu ihren Einstellungen und ihrer Lebensweise befragt werden. Die Studie zeigt aber auch: Wenn sie sich entscheiden müssten, würden viele junge Menschen eher Abstriche bei der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit machen, als auf finanzielle Sicherheit zu verzichten.

Gründe für das Sicherheitsbedürfnis der Jungen gibt es genug: Da ist eine immer komplexere Welt, in der schon der Beruf der Eltern unter einem enormen Veränderungsdruck steht. Da ist der Anspruch, den Wohlstand der Eltern zu halten, und die Ahnung, dass das immer schwieriger wird. "Die jungen Menschen wissen, dass sie selbst mit der akademischen Karriere ihrer Eltern bestenfalls deren Lebensstand halten, und nur in den seltensten Fällen übertreffen", sagt Studienberater Grüneberg.

Und da ist die Sorge, im Ruhestand nicht mehr genug Rente zu bekommen. "Die Schüler sind unisono der Meinung, dass sie mal privat vorsorgen müssen und länger arbeiten werden als ihre Eltern." In einer unsicheren Welt werden sogar vermeintlich schnöde Beamtenberufe attraktiv - schließlich locken sie mit Unkündbarkeit.

Unverständnis bei den Angehörigen

Joyce Rieger, 23, hat sich für eines der Fächer entschieden, die man abwertend "Taxifahrer-Studium" nennt: Politikwissenschaft mit dem Nebenfach Religionswissenschaft. Für sie ein Traumstudium. "Während meiner Abi-Zeit hat mich die Flüchtlingskrise politisiert. Mir wurde zum ersten Mal wirklich klar, welchen Unterschied es in Deutschland macht, ob man Christin, Muslim oder Atheistin ist."

"Ich könnte mich nicht durch ein Jurastudium beißen, nur damit ich später eine bessere Position habe"

Politikstudentin Joyce Rieger

In ihrer Familie, sagt Rieger, sei sie die erste Abiturientin und Studentin. Nicht alle hätten Verständnis für ihre Studienwahl. "Ich merke schon, dass eine Distanz entsteht, wenn ich erzähle, was ich mache". Anfangs habe ihre Familie gefragt, warum sie sich denn nicht für etwas "Handfestes" entscheide, wenn sie denn schon studiere – BWL oder Jura zum Beispiel. "Aber ich könnte mich nicht durch ein Jurastudium beißen, nur damit ich später eine bessere Position habe."

Doch obwohl sie sich für ihr Traumstudium entschied, ist auch für Rieger finanzielle Absicherung ein großes Thema. "Für mich ist klar, dass ich nur aus Idealismus keinen schlecht bezahlten Job bei einer kleinen NGO annehmen möchte." Um einen guten Job zu bekommen, qualifiziere sie sich bereits jetzt mit Praktika weiter, auch wenn die meist unbezahlt seien – das könne sie sich dank eines Stipendiums leisten. 

Tillmann Grüneberg berät immer wieder Erstakademiker wie Rieger. Für die, weiß er, stellt sich die Frage nach der Sicherheit ganz besonders. "Als sicher gilt vor allem ein Beruf, von dem man eine klare Vorstellung hat." Die Eltern übten da häufig Einfluss auf die Kinder aus – und Eltern ohne akademischen Hintergrund hätten ein klareres Bild von jenen Berufen, mit denen sie im Alltag zu tun hätten. Studiengänge wie Medizin, Ingenieurwissenschaften oder den "Klassiker Lehramt" befürworteten sie bei ihren Kindern daher eher, sagt Grüneberg – abstrakte Fächer wie Sozialwissenschaften, die auf keinen eindeutigen Beruf hinführen, weniger. "Wenn ich noch nie einen promovierten Soziologen kennengelernt habe, der glücklich in einem Thinktank arbeitet, habe ich kein Berufsbild vor Augen."

Keine Garantie

Philip Bradonjic entschied sich für die vermeintlich sichere Option: BWL. Wenn er an seine damaligen Kommilitonen denke, glaube er schon, dass manche im Hörsaal saßen, "weil die Eltern sie dort hingeschickt haben", sagt der 30-Jährige heute. Das Thema Sicherheit habe auch für ihn eine Rolle gespielt – gleichzeitig habe BWL ihn aber schon immer interessiert.

"Nur weil man BWL studiert hat, findet man nicht automatisch einen guten Job"

Betriebswirt Philip Bradonjic

Im Studium sei das Sicherheitsstreben dann zum Leistungsstreben geworden. "Ich wollte immer bei den Besten sein, weil ich wusste, dass mir dann die meisten Türen offen stehen." Er schloss noch eine Promotion an und arbeitet nun im Sales-Team eines Münchner Unternehmens.

Doch Bradonjic hat gelernt: "Auch die vermeintlich sichere Option ist immer noch mit genug Unsicherheiten verbunden. Nur weil man BWL studiert hat, findet man nicht automatisch einen guten Job." Ebenso wenig wie eine innere Sicherheit, also Zufriedenheit und Glück.

Sinn oder Sicherheit?

Studienberater Tillmann Grüneberg ist überzeugt: "Die Frage nach Sicherheit und Selbstverwirklichung stellt sich nicht mit einem 'oder', sondern mit einem 'und'." Er versteht die Bedürfnisse nicht als Gegensatz, als Skala mit zwei Polen. Stattdessen legt er Schülerinnen in seiner Beratung ein Koordinatensystem vor: Werte wie Selbstverwirklichung, Sinn und Freiheit im Beruf stehen auf der x-Achse, materielle Sicherheit und Gehalt auf der y-Achse. Darin sollen sich die Jugendlichen einordnen. 

Um die Dimension Gehalt greifbar zu machen, fragt Grünberg: "Woran würdest du erkennen, dass du genug Geld verdienst?" Darauf bekomme er meist recht bodenständige Antworten: sich eine Wohnung in der Stadt leisten können, einmal im Jahr Urlaub machen. "Die Jugendlichen wollen gar keine Spitzengehälter. Sondern genug verdienen, um sich kleinen Alltagsluxus leisten zu können, der ihnen wichtig ist."

Die zweite Dimension, die der Selbstverwirklichung, lotet Grüneberg mit dieser Frage aus: "Woran würdest du merken, dass dein Beruf dir genau das richtige Maß an Freiheit bietet?" Manche möchten genug Freiraum haben, um die Welt bereisen zu können, manche wollen ein Start-up gründen. Den meisten sei es aber wichtig, genug Zeit für Familie, Partner und Kinder zu haben. "In dieser Hinsicht sind die Einstellungen der jungen Generation eigentlich ganz neo-konservativ", sagt Grüneberg.

Kein Entweder-oder

Wo im Koordinatensystem also sollte man seinen Punkt machen? In vielen Fällen ließe sich das Dilemma auflösen, indem man in einen vermeintlich sicher-schnöden Job eine Komponente Leidenschaft hineinbringt, sagt Grüneberg. Wer dagegen das vermeintlich brotlose Traumfach studiere, der könne sich überlegen, wie weit er es als Bühnenmusiker probiert, und ab wann er als Musiklehrer einen Kompromiss bei der Sicherheit macht.

Berufswahl muss kein Entweder-oder sein, sondern ist bestenfalls ein Und.