Berufsbezeichnungen »Das Problem ist und bleibt unsere patriarchale Gesellschaft«

Die Onlineausgabe des Duden will weibliche Berufsbezeichnungen sichtbarer machen. Welchen Einfluss haben solche sprachlichen Veränderungen auf die Berufswahl junger Menschen? Eine Wissenschaftlerin gibt Antworten.
Ein Interview von Katharina Hölter
Ärztin oder Arzt? So beeinflusst Sprache die Jobauswahl

Ärztin oder Arzt? So beeinflusst Sprache die Jobauswahl

Foto: Martí Sans / Stocksy United

SPIEGEL: Wer in der Onlineausgabe des Duden früher nach »Ärztin« suchte, erfuhr nur, dass es sich um die »weibliche Form von Arzt« handelt. Jetzt ist gleich zu lesen: »weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln«. War es nicht längst überfällig, weiblichen Berufsbezeichnungen ihren eigenen Eintrag zu widmen?

Gabriele Diewald: Berufsbezeichnungen wie Ärztin oder Lehrerin werden seit 20 Jahren im Online-Wörterbuch des Duden aufgeführt. Neu ist, dass die Redaktion 12.000 weibliche Berufsbezeichnungen nach und nach mit eigenen Erläuterungen ausstattet. Man spart sich also einen Klick.

Ich habe immer wieder Kontakt zur Duden-Redaktion, daher weiß ich, dass es der explizite Wunsch vieler Nutzerinnen war, das zu ändern. Sie wollten nicht, dass einfach auf die Männer verwiesen wird. Aber es ist auch keine Überraschung, dass sich Sprachredaktionen im Jahre 2021 um gendergerechte Sprache bemühen – nach 50 Jahren Debatte.

SPIEGEL: Kann Sprache überhaupt der Vorreiter sein? Braucht es nicht zunächst mehr Oberärztinnen und Polizistinnen – dann erst ändert sich unsere Sprache? 

Diewald: Diese Frage wird oft auch aus strategischen Gründen gestellt: Sollten wir nicht lieber dafür sorgen, dass Frauen alle Chancen haben und dann erst gucken, wie wir sie nennen? Aber so funktioniert gesellschaftlicher Wandel und vor allem Sprachwandel nicht. Sprache lässt sich nicht separat betrachten, sie ist immer Bestandteil des Prozesses.

Es ist übrigens schon lange selbstverständlich, dass die Bundesagentur für Arbeit für ihre Beratung lange Listen mit Berufsfeldern verwendet. Dort sind Tausende Berufsbezeichnungen aufgeführt – in männlicher und weiblicher Form. Da gibt es einen Glasbläser und natürlich auch eine Glasbläserin, einen Fotografenmeister und eine Fotografenmeisterin.

Tests zeigen klare Ergebnisse

SPIEGEL: Welche Auswirkungen auf die Berufswahl junger Frauen hat es, wenn weibliche Formen genutzt werden? 

Diewald: Es gibt dazu zahlreiche Untersuchungen, zum Beispiel aus dem psycholinguistischen Bereich oder den Bildungswissenschaften. Solche Tests  verlaufen beispielsweise wie folgt: Den Versuchspersonen werden Aussagen präsentiert, die eine Maskulinform enthalten, etwa: »Die Lehrer der Oberstufe haben Notenkonferenz.« Im Anschluss erscheint ein Satz, der auf »die Lehrer« entweder mit weiblichen oder männlichen Personenbezeichnungen zurückverweist – also entweder »Heute behandeln die Frauen die schwierigen Fälle« oder »Heute behandeln die Männer die schwierigen Fälle«.

Die Versuchspersonen müssen per Knopfdruck reagieren, sobald sie den Folgesatz verstanden haben. Das Ergebnis: Sätze, die weibliche Personenzeichnungen als Wiederaufnahmen der Maskulinform enthalten, werden immer viel langsamer akzeptiert. Die Versuchspersonen müssen sozusagen erst nachdenken, ob wirklich Frauen gemeint sein könnten.

»Sprache spielt eine wichtige Rolle, aber natürlich ist es nicht damit getan«

Gabriele Diewald

SPIEGEL: Kritiker sagen: »Beim generischen Maskulinum sind Frauen schon mitgedacht.« Was entgegnen Sie? 

Diewald: Es mag sein, dass viele sich nichts Böses denken, und wirklich auch Frauen meinen, wenn sie von »Lehrer« sprechen. Forschung zeigt aber immer wieder, dass sich Frauen nicht mit angesprochen fühlen. Das gilt schon bei Schulkindern, wie eine Studie von 2015  zeigt. Wenn von Menschen mit bestimmten Berufen die Rede ist und diese nur in männlicher Form präsentiert werden – »Was denkst du, macht ein Pilot?« statt »Was denkst du, macht eine Pilotin oder ein Pilot?« –, können sich Mädchen nicht mit dieser Rollen identifizieren.

Immer wieder zeigt sich, dass gerade bei Berufsbezeichnungen geschlechtergerechte oder geschlechtersensible Sprache besser abschneidet. Das heißt: Mädchen und Frauen fühlen sich eher angesprochen, wenn auch die weibliche Form verwendet wird. Und sie trauen sich vor allem eher zu, diesen Beruf selbst auszuführen.

An verschiedenen Stellen ansetzen

SPIEGEL: Klingt nach einer simplen Lösung, um die Berufswahl geschlechtergerechter zu gestalten.

Diewald: Sprache spielt eine wichtige Rolle, aber natürlich ist es nicht damit getan. Das Problem ist und bleibt unsere patriarchale Gesellschaft. Es gibt zwei Geschlechter, eines ist wichtiger, eines ist unwichtiger, das ist im Patriarchat die Ordnung. Und die ist noch nicht weg.

Wenn unsere Gesellschaft mehr Chancengleichheit im Beruf erreichen will, müssen wir an verschiedenen Stellen ansetzen. Nehmen wir die Schule: Schulbücher tragen zum Teil Rollenstereotype weiter und stützen so die Vorstellung, dass Jungen andere Interessen und Bedürfnisse haben als Mädchen – zum Beispiel, dass Jungen aktiver und weniger empathisch sind.

SPIEGEL: Schulen sind also noch langsamer als der Duden?

Diewald: Das würde ich so nicht sagen. Schulbehörden haben das Problem erkannt, deshalb tut sich aktuell sehr viel – sowohl was die sprachliche, als auch was die bildliche Darstellung in Schulbüchern anbelangt. Aber die Zulassung dauert eben oft eine Weile.

Außerdem muss ich betonen, dass es stark von einzelnen Lehrerinnen und Lehrern abhängt, welche Rollenbilder und Stereotype sie weitertragen – oder eben nicht.

SPIEGEL: Wie sieht es an Universitäten aus?

Diewald: Universitäten sind nicht so stark an Pläne der Kultusministerien gebunden. Sie haben den Vorteil, freier in der Gestaltung der verwendeten Sprache zu sein. Vielen Hochschulen ist außerdem bewusst, dass Sprache einen Einfluss auf die Berufswahl hat. Wer Studentinnen für MINT-Fächer gewinnen will, kann nicht mehr schreiben: »Als Physiker werden sie auch in der Wirtschaft einen guten Job finden.« Damit fühlen sich 17-jährige Schülerinnen nicht angesprochen.

»Junge Menschen diskutieren schon verschiedene Praxen«

Gabriele Diewald

SPIEGEL: 17-jährige Schülerinnen und Schüler sind wohl eher schon die Schreibweise »Physiker*innen« gewohnt.

Diewald: Das ist auch mein Gefühl. Junge Menschen diskutieren schon verschiedene Praxen – das Gendersternchen, das große Binnen-I, den Doppelpunkt. Ich glaube nicht, dass junge Männer sich darüber aufregen, dass jetzt auch Frauen ihre eigenen Berufsbezeichnungen mit Erläuterungen im Onlineduden auffinden.

SPIEGEL: Im Oktober formulierte das Justizministerium einen Gesetzestext komplett in weiblicher Form – es gab zum Beispiel Geschäftsführerinnen. Das Innenministerium hielt das für verfassungswidrig. Der Fall zeigt, wie schwierig es ist, geschlechtergerechte Sprache durchzusetzen.

Diewald: Man muss dazu sagen, dass Rechtssprache noch einmal ganz eigenen Normen unterliegt. Und dennoch gibt es auch unter Juristinnen und Juristen immer wieder Bemühungen, geschlechtergerecht zu formulieren. In der Vergangenheit hat man zum Beispiel versucht, die Texte der Straßenverkehrsordnung zu ändern. Das hat zu großen Proteststürmen geführt.

Genau diese Diskussionen sind aber nötig, um den Wandel voranzutreiben. Und sie werden leider noch lange nicht aufhören.

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