Katrin Wilkens

Berufswahl in der Krise Ihr dürft Wünsche haben – ihr müsst sogar!

Katrin Wilkens
Ein Gastbeitrag von Katrin Wilkens
Ein Gastbeitrag von Katrin Wilkens
Unsere Autorin berät Jugendliche bei der Berufswahl. In Zeiten von Klimakrise, Corona und Krieg lassen sich viele vor allem von einem leiten: Angst. Dabei wären gerade jetzt egoistische Entscheidungen gut.
»Fingers crossed«: Bei der Berufswahl ist es wichtig, auf die eigenen Wünsche zu hören – gerade in einer Zeit wie dieser

»Fingers crossed«: Bei der Berufswahl ist es wichtig, auf die eigenen Wünsche zu hören – gerade in einer Zeit wie dieser

Foto: Cavan Images / Cavan Images RF / Getty Images

Anhand der Berufswünsche junger Menschen lässt sich ein Jahrzehnt leicht bestimmen. In den Neunzigerjahren wollten die Jungs zu Nokia, die Mädchen die Diddl-Maus zeichnen, hauptberuflich. Der Hedonismus war hip, der Wunsch nach Individualität erst im Entstehen. In den Nullerjahren krachte die Digitalisierung in unser Kulturempfinden und in die Arbeitswelt. Game-Entwicklung (Kennt jemand noch »Snake«?), Apple und Google wurden langsam groß. 2010 zählte der Deutsche Gewerkschaftsbund  zu den beliebtesten Ausbildungsberufen die Industriemechanikerin, den Bankkaufmann, die Industriekauffrau, die Mechatronikerin und den Bürokaufmann. Nichts Aufregendes, solide, machbar. So blieb es einige Jahre. Und nachmittags ging man zum Paragliding.

Dann kam die Angst.

»Gibt es auch Berufe ohne Gas?«, »Welcher Beruf hinterlässt den geringsten CO₂-Abdruck?«, »Hat diese Ausbildung garantiertes Homeoffice, sodass ich bei einer erneuten Pandemie zu Hause bleiben darf?«

Diese Sätze sind nicht überspitzt, sie stammen nicht aus einem Stuhlkreis für phobische Jugendliche, sondern aus meinen Seminaren in stinknormalen 12. Klassen. Seit zehn Jahren betreibe ich eine Berufsberatung, hauptsächlich für junge Mütter, aber ich habe auch etwa 500 Jugendliche gecoacht. In Schulen, auf Berufsbildungsmessen, in Seminaren und Einzelsitzungen. 60 Prozent Mädchen, 40 Prozent Jungen. Eher gehobenes Bürgertum, aber nicht überkandidelt. Kinder von Golf-Hotel-Besitzer:innen waren noch nie dabei.

Der größte Unterschied zwischen meinen Anfangsjahren und dem Heute, zwischen der Zeit vor Corona und der nach dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine ist die Angst. Früher waren die Jugendlichen ratlos ob der Menge an Möglichkeiten. Da half sichten und lichten und einen realitätsnahen Plan ausarbeiten. Sicher, auch 9/11 hat Spuren der Verunsicherung hinterlassen, aber da ging es eher darum, dass die USA als Ort für einen Auslandsaufenthalt an Attraktivität verloren (und Neuseeland beliebter wurde, das lag aber auch an »Herr der Ringe«). Die Angst hatte uns noch nicht erwischt.

»Wenn Hamburg überschwemmt wird, fällt doch Beiersdorf als Arbeitgeber aus, oder?«, »Kann es sein, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt wird? Dann ist es doch besser, ich werde Sanitäter, so muss ich wenigstens nicht zur Waffe greifen.«, »Ab wann brauche ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung?«

Am Anfang dachte ich noch, die stellen dich auf die Probe, die langweilen sich bei der Berufsberatung, die wollen sich gegenseitig durch dumme Sprüche imponieren. Inzwischen weiß ich: Sie meinen es ernst. Scheiße.

Inmitten von Klimakrise, Corona und Krieg muss eine ganze Generation ihr Leben planen

Ich weiß noch, welche Ängste ich mit 18 hatte: Schaffst du das Leben? Schaffst du das Studium? Schaffst du das, was andere Leute »erwachsen werden« nennen? Nichts, was meine Eltern nicht mit einer Handbewegung weggewischt hätten. Auch über Verdienstmöglichkeiten, Altersvorsorge und Versicherungen wollten sie nicht mit mir sprechen. Lächerlich. Zeitalter Blüm: Die Rente war sicher.

Im Zeitalter Klimakrisecoronakrieg ist nichts sicher. Und trotzdem muss eine Generation junger Menschen jetzt Entscheidungen treffen, die ihr Leben bestimmen werden.

Von den Jugendlichen, die ich berate, fragt niemand mehr: Woran habe ich Spaß? Was kann ich gut? Was entspricht meiner inneren Motivation? (»Schauspieler werde ich auf keinen Fall, hinterher muss ich in Propaganda-Filmen mitspielen, so wie Heinz Rühmann damals.«) Dabei sollten diese Fragen bei der Berufswahl zentral sein dürfen.

Wir brauchen Job-Brenner. Nicht für irgendwelche Esoterik-Gefühle, sondern um die Probleme der Zukunft zu lösen.

Angeblich sind 90 Prozent aller Deutschen  mit ihrem Job unzufrieden. Wie viele werden es nach dem Krieg sein? 110 Prozent? Wie viel Prozent aller Teilzeitarbeitenden arbeiten nur deshalb Teilzeit, weil ihr Beruf nicht ihren Fähigkeiten und Wünschen entspricht?

Ich baue inzwischen eine Einheit »sich Wünsche erlauben« in mein Programm ein, erteile als »Beratungs-Instanz« quasi das Einverständnis zum Egoismus. Ich mache mit den Schüler:innen Gedankenspiele wie: »Was ist der verrückteste Job, den du dir für dich vorstellen kannst – und warum?« Ich erzähle »schöne Scheitergeschichten« aus meinem eigenen Berufsleben, damit sie lernen: Misserfolge überlebt man.

Einstein und Newton haben nicht Teilzeit gearbeitet

Ich mache das alles, weil wir Job-Brenner brauchen. Nicht für irgendwelche Esoterik-Gefühle, sondern um die Probleme der Zukunft zu lösen. Albert Einstein und Isaac Newton haben nicht Teilzeit gearbeitet. Marie Curie war eine Besessene im Labor – abends, am Wochenende, an Weihnachten. Über eine Berufsunfähigkeitsversicherung hätte die Physikerin – die später an der Strahlenbelastung ihrer eigenen Forschung starb – nicht mal nachgedacht. Keine Zeit.

Nun liegt im Brennen auch immer die Gefahr des Verbrennens, Millionen von Burn-out-Kranken wissen, wovon ich schreibe. Aber als Konsequenz von Angst Vermeidungsberufe zu ergreifen, macht mindestens ebenso krank, auf Dauer. Wir müssen aufeinander aufpassen – gerade besonders auf die Generation, die scheinbar kraftvoll durchs Leben schreitet, durch Schule, Abitur, Auslandsaufenthalt. In Wirklichkeit ist sie die zerbrechlichste Bevölkerungsgruppe. Die Alten haben schon genug Friedenszeit hinter sich, um auch diese Krise zu überstehen, die Kinder bekommen noch nicht alles so hautnah mit. Die Berufsanfänger:innen aber leben jeden Tag mit ihrer Angst vor dem Job.

Vielleicht hilft es, einmal laut auszusprechen: Ich darf mir erlauben, das zu werden, was ich will. Denn: »Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.« Sag nicht ich, sagt Marie Curie.