Wenn das Zusammenwohnen missglückt Ausziehen, aber zusammenbleiben

Viele Paare gehen irgendwann den Schritt zu einer gemeinsamen Wohnung. Doch kann man den auch wieder zurückgehen - oder bedeutet das gleich das Ende der Beziehung?
Zusammensein? Ja. Zusammenwohnen? Nein.

Zusammensein? Ja. Zusammenwohnen? Nein.

Foto: Thais Varela / Stocksy United

Lea, 29, und Simon, 32, teilten sich eine große Dreizimmerwohnung mit Garten, Arbeitszimmer und ihrem Kater Carlos. Für viele Paare eine perfekte Wohnsituation. Für Lea und Simon nicht.

Als sie sich 2010 kennenlernten, wollten sie eigentlich als Freunde eine WG gründen. Dann verliebten sie sich und beschlossen, trotzdem zusammenzuziehen. Nun ist Simon nach zehn Jahren aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, um in Wien zu leben. Lea wollte aber in Würzburg bleiben. 

"Nein, wir haben uns nicht getrennt, ich bin nur ausgezogen", sagt Simon. Das müsse er zurzeit ständig erklären. "Ich glaube, die Tendenz ist eher, dass man sich im Laufe der Beziehung näherkommt", sagt Lea. "Unsere Freunde heiraten, bauen Häuser oder bekommen Kinder. Das gibt es bei uns so nicht. Deshalb sind viele irritiert." Ihre Mutter habe sie gefragt, ob sie jetzt auch nach Wien ziehe. Dabei sei es eigentlich ganz einfach: Jeder der beiden hat einen neuen Lebensmittelpunkt - ein Paar bleiben sie trotzdem.

Was für manche wie der "Anfang vom Ende" wirkt, ist für Lea und Simon ein Beziehungsmodell, das funktioniert.

Der Paartherapeut Eric Hegmann aus Hamburg kennt solche Fälle. "Es geht nicht darum, dass diese Paare sich weniger lieben, nur weil sie sich bewusst gegen einen gemeinsamen Wohnsitz entscheiden", sagt er. Stattdessen haben sie zumeist ein größeres Bedürfnis nach Distanz und Autonomie als andere Paare.

Bei Lea und Simon ist dieses Bedürfnis im Laufe der Beziehung gewachsen. "Am Anfang haben wir alles zusammen gemacht", erinnert sich Lea. "Wir haben uns sogar beim anderen rückversichert, ob es okay ist, allein rauszugehen", ergänzt Simon. Doch über die Jahre haben sie festgestellt, dass sie Zeit für sich und ein Umfeld brauchen, in dem sie sich wohlfühlen - auch, wenn das eine räumliche Trennung bedeutet. 

Living Apart Together

Ein Beziehungsmodell, das seit den Neunzigerjahren bei Paaren jeden Alters zunehme, sei "Living Apart Together", kurz LAT, sagt Therapeut Hegmann. LAT-Paare gestalten das Zusammenleben - anders als Paare in einer Fernbeziehung - bewusst und freiwillig in zwei unterschiedlichen Wohnungen. Auch, wenn sie im selben Ort oder sogar im selben Haus leben.

Während Lea und Simon 500 Kilometer entfernt wohnen, sind Christina und Fabian, beide Ende 20, in der gleichen Stadt zusammen- und wieder auseinandergezogen. Die beiden waren erst seit wenigen Monaten ein Paar, als Christina aus praktischen Gründen in Fabians Wohnung einzog. Zusammenleben stellte sie sich schön vor: "Abends zusammen einschlafen, obwohl wir beide volle Terminkalender haben - das klang gut", sagt sie.

Doch der gemeinsame Alltag machte Christina immer unglücklicher. Sie merkte, dass ihr in der kleinen Wohnung Freiraum fehlte, auch über Aufgaben im Haushalt gab es Streit. "Irgendwann habe ich nur noch die Dinge gesehen, die mich stören, und nicht mehr, was uns eigentlich verbindet." Die Trennung wollte sie nicht - also zog sie aus.

Paaren, die nach dem Zusammenziehen unzufrieden sind, rät Therapeut Hegmann, zunächst herauszufinden, was sich eigentlich konkret im Miteinander geändert hat. "Die Paare stellen zum Beispiel fest, dass sie nicht mehr allein sind, dass sie Dinge absprechen müssen, um die sie sich vorher keine Gedanken gemacht haben. Wer sich über das dreckige Geschirr ärgert, fühlt sich vielleicht in die Rolle eines Bediensteten gedrängt."

Konfliktpotenzial entschärfen

Lea und Simon wurden sich relativ schnell einig, dass das Auseinanderziehen der richtige Weg für sie ist. Doch natürlich kann ein solcher Schritt die Beziehung ins Wackeln bringen. So fürchtete sich Christina zunächst davor, das Thema bei Fabian anzusprechen: "Ich hatte Angst, dass die Beziehung daran zerbrechen könnte."

"Wenn beide das gleiche Bedürfnis nach Autonomie und Distanz haben, gibt es kein Problem", sagt Hegmann dazu. "Schwierig wird es, wenn sich einer der beiden nach mehr Nähe sehnt." Dann könne ein Auszug schnell als Zurückweisung empfunden werden.

Gerade dann sei es wichtig, dem Partner Sicherheit zu vermitteln und zu verdeutlichen, dass man trotzdem zueinanderpassen kann, selbst wenn es mit dem Zusammenwohnen nicht klappt. Falls einer der beiden Partner zu sehr unter der Dynamik leiden sollte, empfiehlt der Paartherapeut externe professionelle Hilfe.

Christina und Fabian konnten ihre Beziehung auch ohne Hilfe weiterführen. Rückblickend sei es eigentlich das Schwerste gewesen, sich einzugestehen, dass das Zusammenleben gerade einfach nicht funktioniere, sagt Christina heute. "Es hat sich angefühlt wie ein Scheitern", sagt sie. "Ich dachte, bei allen anderen Paaren klappt es doch auch."

Nicht unter Druck setzen

Eric Hegmann gibt vor allem romantisierenden Medien die Schuld an diesem Gefühl. In Filmen werde Verbundenheit und Verschmelzung als Zeichen der großen Liebe gepriesen. Das könne ein Grund sein, warum Paare, die eigentlich mehr Distanz bräuchten, sich nicht trauten, einen solchen Schritt zu gehen. "Wir lassen uns von Hollywood und Instagram unter Druck setzen", sagt Hegmann. Dabei solle man aber nicht vergessen, dass die Liebesgeschichten in den Medien mit dem echten Leben nicht viel zu tun hätten. "In den Geschichten gibt es immer Adrenalin und ganz viel Drama. Dabei ist eine gute Beziehung vielmehr ein ruhiger Fluss, der immer tiefer wird."

Um sich trotz räumlicher Distanz nicht emotional auseinanderzuleben, empfiehlt Hegmann LAT-Paaren, sich Strategien von Paaren in Fernbeziehungen abzuschauen. "Besonders wichtig und verbindend sind Rituale." Das könnten fest vereinbarte Telefonate sein, Nachrichten, die man sich täglich schicke, oder eine gemeinsame Netflix-Serie, für die man sich verabredet und die man nur zu zweit ansieht, egal ob am gleichen Ort oder nicht. "Rücksicht zu nehmen, achtsam in der Beziehung zu sein und sich immer wieder gegenseitig versichern, dass das für beide der richtige Weg ist und man als Paar glücklich ist, hilft, die Beziehung stabil zu halten", so Hegmann.

Lea und Simon genießen ihren neuen Freiraum, auch wenn sie sich manchmal vermissen. "Mir ist aufgefallen, dass ich mich plötzlich um Dinge kümmern muss, die sonst offenbar immer Simon gemacht hat", sagt Lea. "Ich hatte keine Ahnung, wie unsere Heizung funktioniert." Außerdem kommunizieren sie bewusster und genießen die gemeinsame Zeit mehr. "Weniger Quantität, dafür mehr Qualität", sagen beide. Ob sie irgendwann wieder zusammenziehen, wissen sie nicht. Für den Moment finden sie es gut so, wie es ist.

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