Berufseinstieg als Biologin "Ich wollte zeigen, dass es auch ohne Titel geht"

Als Biologin braucht man einen Doktortitel - diesen Spruch hörte Leonie immer wieder. Trotzdem suchte sie sich nach dem Studium einen Job in der Industrie. Die richtige Entscheidung.
Aufgezeichnet von Wiebke Bolle
In Biologie ist die Promotion zur Regel geworden (Symbolbild)

In Biologie ist die Promotion zur Regel geworden (Symbolbild)

Foto: Pipat Wongsawang / EyeEm / Getty Images

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend - und oft ganz anders als geplant. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Leonie*, 27, suchte sich nach dem Biologiestudium entgegen aller Ratschläge einen Job in der Industrie.

"Schon in der Mittelstufe wollte ich Biologin werden, einen Doktor machen, auch wenn ich damals nicht wusste, was das genau bedeutet. Heute habe ich keinen Doktortitel - und ich bin froh darüber. Denn um Menschen zu helfen, muss man nicht promoviert haben. 

Mein erstes Jahr im Job

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Nach dem Abitur begann ich zunächst wie geplant mit dem Bachelorstudium in Biologie. Danach machte ich einen englischsprachigen Master in Molekularen Biowissenschaften und spezialisierte mich auf Entwicklungs- und Stammzellenbiologie. Im Januar 2018 schloss ich das Masterstudium ab. Obwohl mir das Forschen für meine Abschlussarbeit Spaß gemacht hatte, entschied ich, danach doch keinen Doktor zu machen.

Ich verstand einfach nicht, warum mein Masterabschluss nicht ausreichen sollte. Schließlich wollte ich keine wissenschaftliche Karriere beginnen, sondern in der Industrie arbeiten. Ich wollte erleben, wie das, was ich selbst mitentwickelt hatte, anderen Menschen hilft. Mit einer Doktorarbeit trägt man vielleicht dazu bei, dass Wissen gewonnen wird - aber nur selten macht man eine Entdeckung, die später beispielsweise zu einem neuen Medikament wird.

"Niemand verstand, warum ich nicht weiter an der Uni forschen wollte."

Leonie

Unter meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen war ich die Einzige, die sich nach dem Master nicht auf Promotionsstellen bewarb. So habe ich es zumindest mitbekommen. In der Biologie ist die Vorstellung weit verbreitet, dass man einen Doktortitel braucht - um ernst genommen zu werden, später einen Job zu bekommen. Auch an der Uni wurde uns das immer gesagt. Ich wollte zeigen, dass es auch ohne Titel geht.

Der Leiter des Labors, in dem ich meine Masterarbeit geschrieben hatte, wirkte besonders skeptisch, als ich ihm erzählte, dass ich mir einen Job bei einem Unternehmen suchen würde. Er war sogar der Meinung, ich würde dort mein wissenschaftliches Talent verschwenden. Auch meine Kommilitonen fanden, in der Industrie sei es langweilig, weil man keine Experimente im Labor mache, an starre Firmenstrukturen gebunden sei und von Auftraggebern abhängig. Freie Wissenschaft war für sie etwas anderes. Sogar meine Eltern waren verwundert, dass ich meinen Kindheitstraum aufgab. Niemand verstand, warum ich nicht weiter an der Uni forschen wollte.

Industrie statt Doktortitel 

Gegen den Rat der anderen suchte ich im Netz nach Jobs. Etwa drei Monate lang bewarb ich mich auf feste Stellen, Traineeships und auch für einige Praktika. Aus zehn Bewerbungen wurden am Ende vier Jobangebote, unter anderem von einem Forschungsinstitut, das eng mit der Industrie zusammenarbeitet, und von einem Auftragslabor.

Letztlich entschied ich mich für ein kleineres Biotechnologieunternehmen in der Schweiz. Im September 2018 fing ich dort im Qualitätsmanagement an, mein Einstiegsgehalt lag bei monatlich 5250 Schweizer Franken, also etwa 4700 Euro brutto.

Obwohl das mein erster Job war, übernahm ich direkt viel Verantwortung: Jede Firma, die Wirkstoffe für Medikamente herstellt, muss ein Qualitätssystem etablieren, das dafür sorgt, dass alle nationalen und internationalen Regelungen eingehalten werden. Als Qualitätsmanagerin war ich für dieses System zuständig, ich setzte die Vorschriften um und untersuchte Abweichungen davon.

"Anfangs setzte es mich sehr unter Druck, dass meine Arbeit nicht mehr kontrolliert wurde."

Leonie

Anfangs setzte es mich sehr unter Druck, dass meine Arbeit nicht mehr kontrolliert wurde. Ich wollte alles richtig machen, die Wirkstoffe landeten später schließlich in Medikamenten, die von Menschen eingenommen wurden. In den ersten Monaten machte ich viele Überstunden. 

Als Qualitätsmanagerin hatte ich auch häufig Kontakt mit unseren Kunden, anderen, eher kleineren Biotech- oder Pharmaunternehmen. Ich musste sie in Qualitätsfragen informieren und beraten. Schnell merkte ich, dass mir dieser Teil der Arbeit am meisten Spaß machte. Am liebsten wollte ich nur noch Kundenkommunikation machen - und dazu weniger Überstunden. Also sah ich mich nach knapp vier Monaten im Job wieder auf dem Markt um.

Neuer Job beim Weltmarktführer

Nach etwa einem Jahr entdeckte ich eine passende Stelle bei einer Firma, die Weltmarktführer auf ihrem Gebiet ist und ebenfalls Wirkstoffe für Medikamente herstellt. Ich bewarb mich und wurde genommen, seit Februar arbeite ich hier als Project Manager Quality Assurance. Meine Hauptaufgabe ist auch diesmal, die Einhaltung von Qualitätsstandards zu bewerten. Allerdings betreue ich nun ausschließlich Kundenprojekte, berate und informiere also die großen Pharmaunternehmen.

Mir gefällt, was ich tue. Und auch mein Gehalt ist top: Ich verdiene im Monat 8000 Schweizer Franken brutto, das sind nach aktuellem Wechselkurs knapp 7400 Euro.

Bio habe ich damals studiert, um Dinge zu erforschen, die irgendwann für die Heilung von Krankheiten verwendet werden können. In meinem jetzigen Job sehe ich unmittelbar, was aus meinen Projekten wird: Aus unseren Wirkstoffen machen Pharmaunternehmen Medikamente. Manchmal lese ich die Publikationen dazu im Internet und freue mich riesig, wenn zum Beispiel eine klinische Studie gut läuft. Das ist doch ziemlich nah an dem, was ich im Gymnasium mal wollte."

Doktor der Biologie

In Biologie ist der Doktor zur Regel geworden: Mit 86,2 Prozent gibt es hier im Fächervergleich die höchste Promotionsquote, fast neun von zehn Studierenden schreiben nach dem Masterabschluss also noch ihre Doktorarbeit (CHE ). Cort-Denis Hachmeister ist Experte für Datenanalyse beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), er sagt: "Gerade in den Naturwissenschaften und der Humanmedizin scheint die Promotion noch immer als inoffizieller Regelabschluss zu gelten." 

Im Schnitt dauert eine Promotion in Naturwissenschaften wie der Biologie 4,3 Jahre (HIS ). Der Aufwand kann sich lohnen, wenn es ums Gehalt geht: In der Regel verdienen promovierte Biologinnen und Biologen später zehn Prozent mehr als ihre Kollegen ohne Doktortitel (academics ).

In der Wissenschaft und auch bei vielen Unternehmen ist ein Doktor oft sogar Voraussetzung für eine Einstellung. Doch gerade in der freien Wirtschaft haben auch Biologinnen ohne Titel gute Chancen auf einen Job, etwa in der Pharma- oder Chemieindustrie, der Lebensmittelproduktion oder im Bereich Umweltschutz. (academics )

* Die Protagonistin möchte anonym bleiben, ihr Name ist der Redaktion bekannt.