Berufseinstieg als Kinderbuchautor »Mir geht es nicht darum, reich zu werden«

Bei einem Kita-Praktikum entdeckte Marvin Weiß, wie gern er sich Geschichten für Kinder ausdenkt. Zwei davon hat er inzwischen als Buch veröffentlicht, ganz ohne großen Verlag im Rücken. Kann er davon leben?
Aufgezeichnet von Helene Flachsenberg
Kinderbuchautor Marvin Weiß: »Auch mal etwas Eigenes vorlesen«

Kinderbuchautor Marvin Weiß: »Auch mal etwas Eigenes vorlesen«

Foto: Leslie Melina Schmidt

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Marvin Weiß, 24, schreibt Bücher für Kinder zwischen vier und sechs Jahren.

»Nach einer Lesung in einem Kinderkrankenhaus schrieb mir einmal ein schwer kranker Junge eine E-Mail, dass er eigentlich einen schlechten Tag gehabt, meine Geschichte ihm aber wieder gute Laune gemacht habe. In dem Moment dachte ich: Selbst wenn er der einzige Mensch wäre, der je mein Buch kauft, hätte es sich gelohnt.

Ich liebe es, Geschichten für Kinder zu schreiben und vorzulesen. Vor drei Jahren habe ich mich damit selbstständig gemacht und inzwischen zwei Bücher veröffentlicht, ›Ben der Bär‹ und ›Du wirst ja wohl noch träumen dürfen‹. Vom Lektorat bis zum Marketing mache ich fast alles in Eigenregie.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Schon in der Grundschule schrieb ich Kurzgeschichten. Als ich älter wurde, nahm ich an Schreibwettbewerben in der Schule oder von Bibliotheken teil, ein paar Mal gewann ich sogar Preise. Doch nach dem Abitur verlor ich das Schreiben aus den Augen. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Radio machte ich eine Ausbildung zum Pflegehelfer. Gearbeitet habe ich in der Pflege jedoch nie – es ist zwar ein toller Job, aber die Arbeitsbedingungen sind unterirdisch.

Etwas planlos organisierte ich mir nach meinem Abschluss ein Praktikum in einer Kita. Die sechs Wochen dort waren im Nachhinein betrachtet ein großes Glück: Nur dadurch kam ich dazu, Kinderbücher zu schreiben.

Vom Vorleser zum Autor

In der Kita fiel mir schnell die Rolle des Vorlesers zu. Durch die Arbeit beim Radio ist meine Stimme geschult, ich kann lebendig lesen, Stimmen imitieren. Das kam im Stuhlkreis gut an. Irgendwann hatte ich die Idee, dass ich auch mal etwas Eigenes vorlesen könnte. Ich begann wieder zu schreiben, brachte mein Material mit in die Kita, entwickelte es weiter. Mit der Zeit gefiel mir vor allem die Erzählung eines Bären, der seine Familie sucht und am Ende merkt, dass Freunde manchmal wichtiger sind als Blutsverwandte.

»Ursprünglich dachte ich gar nicht daran, dass daraus ein Buch werden könnte.«

Ursprünglich dachte ich gar nicht daran, dass daraus ein Buch werden könnte. Doch immer häufiger kamen Eltern auf mich zu, die wissen wollten, ob sie meine Geschichten auch für zu Hause haben könnten. Also sprach ich einen Bekannten an, der freier Künstler ist und schon Kinderbücher illustriert hatte. Gemeinsam spannen wir die Idee weiter, ich formte die Erzählung, er schuf die Bilder dazu. Etwa ein Jahr später, Ende 2019, veröffentlichten wir ›Ben der Bär‹ als Buch und Hörbuch, ich ging fünf Monate auf Lesereise durch Kitas in ganz Deutschland.

Marvin Weiß (r.) mit seinem Illustrator Alex Blaschke

Marvin Weiß (r.) mit seinem Illustrator Alex Blaschke

Foto:

Helmut Blaschke

Selfpublishing statt großer Verlag

Ich habe mich entschieden, einen Eigenverlag zu gründen und meine Bücher mithilfe einer Selfpublishing -Plattform zu veröffentlichen. Das bedeutet, dass ich sie ohne Hilfe oder Einfluss von außen ausarbeiten und fertigstellen kann. Die Plattform kümmert sich dann um den Druck, den Vertrieb und organisatorische Dinge, etwa dass das Buch in der deutschen Nationalbibliothek gelistet wird. Dafür erhält sie natürlich eine Beteiligung, die aber deutlich geringer ist als bei großen Verlagen.

Anfangs war ich auch mit etablierten Verlagen im Gespräch, einmal wäre es sogar fast zu einem Deal gekommen. Allerdings gibt man da meist alle Rechte ab. So scheiterte die Zusammenarbeit letztlich daran, dass der Verlag nicht wollte, dass ich ein Hörbuch selbst einspreche und produziere – obwohl ich die Fähigkeiten und die Ausstattung dafür habe.

Natürlich wäre es manchmal nützlich, einen großen Verlag im Rücken zu haben und dessen Vertriebswege und Werbemaßnahmen nutzen zu können. Doch es hat auch viele Vorteile, sich selbst zu organisieren. Ich konnte sofort loslegen, musste nicht darauf warten, dass irgendein Verlag mein Vorhaben absegnete. Ich bin inhaltlich total frei, muss mich nur mit meinem Illustrator abstimmen. Ich kann selbst überlegen, wo ich hinreisen und auftreten will.

Von der Publishing-Plattform nehme ich nur die Hilfe in Anspruch, die ich selbst möchte. Am Anfang hatte ich zum Beispiel jemanden an der Hand, der mir die Grundzüge von Marketing erklärt und ein paar Kontakte vermittelt hat. Doch auch das Marketing habe ich schließlich selbst übernommen – am Ende ist es klassisches Klinkenputzen. Ich kontaktiere Buchhandlungen, stelle mich vor, frage, ob sie meine Bücher auslegen wollen. Als ich noch auftreten konnte, habe ich eigenständig Kindergärten und Kulturzentren angeschrieben und Vorlesetermine angeboten.

Wenn ich ein Buch für zehn Euro verkaufe, kann ich davon etwa zwei Euro behalten. Das ist ein weiterer Vorteil gegenüber renommierten Verlagen: Dort behält man als Autor oft nur zwischen 30 und 60 Cent. Für meine Auftritte in Kulturzentren erhielt ich zudem meist eine kleine Gage. In der Zeit, in denen ich auf Tour war, blieben nach Abzug von Steuern monatlich etwa 2000 Euro zum Leben übrig.

Als Kinderbuchautor in der Coronapandemie

In den Monaten vor der Coronakrise konnte ich von den Einnahmen ziemlich gut leben. Gerade ist es schwieriger. Ende vergangenen Jahres habe ich mein zweites Buch veröffentlicht. Aber eine Lesetour, wie ich sie bei meinem ersten Buch gemacht habe – von Kita zu Kita, von Stuhlkreis zu Stuhlkreis – war wegen der Pandemie undenkbar. Entsprechend schlechter ließ sich das neue Buch verkaufen.

Freiberuflichkeit

Wer Bücher veröffentlicht – sei es bei einem großen Verlag oder über Selfpublishing –, ist in der Regel Einzelunternehmer  und muss seine freiberufliche Tätigkeit beim Finanzamt  melden, eine Steuernummer beantragen und Steuererklärungen machen. Wer nicht mehr als 22.000 Euro pro Jahr verdient, kann von der sogenannten Kleinunternehmerregelung  Gebrauch machen. Kleinunternehmer müssen keine Umsatzsteuer ans Finanzamt abführen.

Selbstständige Autor:innen müssen sich ab 3900 Euro Arbeitseinkommen pro Jahr versichern , zum Beispiel über die Künstlersozialkasse  (KSK). Die KSK kümmert sich dann um die Beitragsabführung zur Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung. Da Bund und Unternehmen aufstocken, müssen Mitglieder nur die Hälfte der jeweils fälligen Beträge zahlen.

Derzeit arbeite ich deshalb nebenbei wieder als freier Journalist, außerdem habe ich dreimal Überbrückungshilfen vom Staat erhalten. Doch hauptsächlich sitze ich an meinen Geschichten, schreibe, überarbeite und schicke sie an meinen Illustrator.

Dass die persönlichen Lesungen wegfallen, ist nicht nur aus finanziellen Gründen schade. Es inspiriert mich herumzureisen, verschiedene Menschen und Orte zu sehen. Meine Kreativität leidet gerade sehr. Mir fehlen die Kinder, ich vermisse es, mit ihnen zusammenzusitzen und zu sehen, wie sie auf meine Geschichten reagieren.

Mir geht es nicht darum, mit den Büchern reich zu werden. Ich hoffe einfach, dass ich nach der Pandemie wieder auf Tour gehen und von meinen Einnahmen leben kann. Bis es so weit ist, schreibe ich weiter. Die Fortsetzung von ›Ben der Bär‹ erscheint im September.«

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