Netzwerken auf Dating-Apps Sie, 28, sucht: Auftrag

Bei Bumble soll man nicht nur die Liebe, sondern auch berufliche Kontakte finden können. Funktioniert der Business-Modus – oder wird man doch nur angebaggert?
Ein Selbstversuch von Anne Baum
Einloggen, swipen und Kontakte finden – romantisch oder beruflich (Symbolbild)

Einloggen, swipen und Kontakte finden – romantisch oder beruflich (Symbolbild)

Foto: NurPhoto / Getty Images

Ein bisschen fühle ich mich, als würde ich im neonbunten Einhornkostüm Werbeprospekte verteilen. Gerade habe ich mein Gesicht mitsamt meinem Lebenslauf in einer Dating-App hochgeladen – und nun können Menschen in hippen Cafés oder auf durchgesessenen U-Bahn-Sitzen mein Profil betrachten. Doch das Ganze dient einem Ziel: meiner Karriere.

Ursprünglich wurde Bumble fürs Onlinedating erfunden, mittlerweile gehört die App zu den Top Ten der  Kuppelservices. Allerdings will die App mit dem Bienenkorblogo nicht nur einsame Herzen zueinanderführen: Der sogenannte Bizz-Modus verspricht mir, mein berufliches Netzwerk zu erweitern. Für meine Arbeit als freie Journalistin ist das wichtig. Denn an neue Aufträge komme ich nur, wenn Menschen wissen, dass ich existiere, oder ich meine Textideen bewerbe.

Der Business-Modus bei Bumble

Funktionieren soll das bei Bumble mit dem gewohnt unkomplizierten Prinzip einer Dating-App: Profil einrichten, andere Profile begutachten und bei Interesse in die entsprechende Richtung swipen. Bei einem Match macht man dann als Frau den ersten Schritt und startet mit dem Schreiben.

Das klingt weniger mühsam, als erst nach den passenden Kontakten suchen oder gar Menschen im echten Leben Visitenkarten in die Hand drücken zu müssen. Ich will es ausprobieren und gebe mir zwei Wochen: Kann Bumble in dieser Zeit meine Karriere als freie Journalistin pushen?

Seriös fühlt es sich nicht an, eine Dating-App für berufliche Zwecke zu nutzen.

Als Erstes muss ich mir ein separates Profil für den Bizz-Bereich erstellen. »Wähle Fotos aus, die zeigen, wie du bist«, verlangt die App. Ich vermute, die Bilder von mir mit tiefen Augenringen oder lustigen Hüten sind damit nicht gemeint. Ich entscheide mich für ein Porträtfoto, von dem eine Freundin mal meinte, es sei langweilig, aber sympathisch. Was ich suche? Aufträge, Texte und Kontakte. Das sollte an Informationen erst einmal genügen.

Mit der Anmeldung beschleicht mich ein gewisses Unbehagen: Seriös fühlt es sich nicht an, eine Dating-App für berufliche Zwecke zu nutzen. Ich hoffe, dass demnächst keine schmierigen Anfragen oder Bilder von gewissen Körperteilen in meinem Nachrichtenordner landen.

Ich swipe durch die Profile, lese mir durch, was die anderen Bizz-Nutzer:innen so suchen. Da ist ein Student mit Leidenschaft fürs »Editing, scripten und filmen« und Bock auf »geile Projekte«, eine Suchtberaterin auf Jobsuche und eine Piercerin, die über ihre Branche plaudern möchte.

Was fehlt: Menschen aus meiner eigenen Branche. Ich könnte jetzt 14,99 Euro pro Woche in einen Premium-Account investieren, um nur Profile aus dem Medienbereich zu sehen. Doch für das Geld könnte ich mir auch innerhalb eines Monats endlich einen funktionierenden Drucker anschaffen. Außerdem wäre mir dann das Profil einer zukünftigen Binnenschifferin entgangen, die, statt Rechnungen im Büro zu schreiben, lieber über die Alster schippern will. Ich notiere sie mir als mögliche Protagonistin für eine Geschichte. Ohne ein einziges Match schließe ich die App.

Wahllos matchen

Ein paar Tage später bin ich mutiger geworden. Oder frustrierter. Mittlerweile swipe ich fast alle Profile nach rechts, einfach um überhaupt mal ein Match zu haben. Den Suchradius habe ich von meinem Wohnort auf ganz Deutschland erweitert, weil mir in meiner Stadt die potenziellen Matches ausgingen. Mich beschleicht der Verdacht, dass sich diese Art des Networkings noch nicht so ganz durchgesetzt hat.

Wie viele Menschen tatsächlich bei Bizz registriert sind, will die Presseabteilung von Bumble in Deutschland nicht verraten. »Bumble Bizz ist aktuell kommunikativ kein Fokus für uns, weshalb ich Ihnen leider kein Interview anbieten kann«, schreibt die Pressesprecherin per Mail.

Die Wahrscheinlichkeit, sich abseits der App auf einen Kaffee zu treffen, sinkt mit meiner neuen wahllosen Taktik. Doch immerhin: endlich ein Match. Ein paar Stunden später sind es vier. Ich will ihnen allen schreiben. Doch vorher rufe ich Petra Barsch an. Sie ist Karriereberaterin. Ich will von ihr wissen, was beim Netzwerken wichtig ist und wie ich die erste Kontaktaufnahme am besten starte.

»Das Schlimmste, was man machen kann«, sagt Barsch, »ist, erst gar nicht zu netzwerken.« Deshalb müsse jeder den Mut haben, damit zu starten. Die schwierigste Hürde habe ich also überwunden. Davon abgesehen sei Netzwerken immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen, erklärt die Karriereberaterin. Nur die eigenen Interessen zu verfolgen, führe nicht zum Ziel. Man müsse dem Gegenüber schon etwas wie die eigene Arbeitskraft oder die Möglichkeit auf Austausch bieten. Beim ersten Gesprächseinstieg, sagt Barsch, zeige man am besten echtes Interesse: »Stellen Sie eine Gemeinsamkeit her oder beziehen Sie sich auf einen geposteten Beitrag.«

Anschreiben mit Plan

Ich schaue mir noch mal das Profil meines ersten Matches an. Er ist Tontechniker. »Wie läuft das Musikbusiness?«, schreibe ich. »Danke, chillig«, antwortet er. Das ist immerhin ein Anfang.

Im Fahrstuhl würde ich wahrscheinlich jetzt das Handy zücken und so ein Gespräch beenden.

Und es geht weiter: Er erzählt mir von seinem Bruder, einem Kameramann, seinem Geburtsort und seinem früheren Arbeitergeber. Mir wird das zu viel. Ich bin nicht hier, um über sein Leben zu plaudern. Im Fahrstuhl würde ich wahrscheinlich mein Handy zücken und so das Gespräch beenden. Bei Bumble geht das anders: Ich höre auf zu antworten. Das mag etwas unhöflich sein. Doch ich finde es besser, als sich gegenseitig die Zeit zu stehlen. Denn in einigen Fällen merkt man schon bald, dass aus diesem Match keine Zusammenarbeit entstehen wird.

Manchen Menschen schreibe ich, weil ich mir vorstellen könnte, sie für einen Artikel zu interviewen. Der zukünftigen Binnenschifferin etwa. Anderen, weil mich ihr Geschäftsmodell lockt oder ihre Versprechungen irritieren. So wie eine Coachin, die schreibt, dass sie »Energie lesen, fühlen, riechen, hören und schmecken kann«. Zugegeben: Dahinter steckt eher Neugier, als dass ich wirklich einen nützlichen Kontakt erwarte. Immer wieder stolpere ich über Profilbeschreibungen, die mit esoterisch angehauchten Teebeutel-Inspirationssprüchen konkurrieren könnten. Ohnehin scheinen sich hier viele für alternative Arbeitsweisen zu interessieren oder ein Start-up zu betreiben.

Auf der Suche nach nützlichen Kontakten

Dann gibt es da noch die Profile, die sich für mich wirklich lohnen könnten. Weil sie nach einem guten beruflichen Austausch klingen oder gar Aufträge vergeben könnten. Der PR-Volontär mit eigenem Internetradio etwa. Er antwortet sofort und erzählt davon, wie schwierig es ist, in seiner Freizeit ein Radioprogramm mitzugestalten. Am Ende bietet er an, mich auf eine Liste für Werbetexter:innen zu setzen. Das ist ein erster Erfolg, auch wenn mich Werbetexte wenig interessieren.

Im Laufe der Zeit kommen noch ein paar weitere Angebote dazu: Eine Lehrerin möchte etwa, dass ich ihrer Klasse etwas über Medien erzähle. Ein Honorar müssten wir allerdings noch verhandeln.

Einen großen Auftrag habe ich am Ende der zwei Wochen jedoch nicht gewonnen. Vermutlich auch, weil sich auf Bumble Bizz vor allem junge Berufseinsteiger:innen oder Studierende bewegen – und die haben eher selten Aufträge zu vergeben.

Dafür fällt es in der App leichter als auf anderen Karrierenetzwerken, sich auszutauschen und unbekannte Berufe zu entdecken. Vorher wusste ich nichts vom Berufsbild der Creator-Coachin, jetzt habe ich eine Anlaufstelle für die nächste Schreibkrise. Ich habe gemeinsam mit anderen über Arbeitsfrust gejammert, Tipps fürs schnelle Reichwerden erhalten (Kryptospace, medizinischer Cannabisanbau) und glücklicherweise keine unpassenden Anfragen bekommen. Viele der Gespräche waren schlicht und einfach: nett.

Bevor ich die Testphase beende, nehme ich mir vor, einem Journalisten aus einer Nachrichtenagentur zu schreiben und ihm ein Treffen vorzuschlagen. Ein wenig fühlt es sich das an, wie nach einem Date zu fragen. Aber in der Realität ist Networking auch nichts anderes als Dating: Menschen treffen, sich gegenseitig abchecken, etwas voneinander wollen – nur ohne sexuelle Komponente.