Lukas Kissel

Studierende in der Coronakrise Liebe Politik, warum ignorierst du uns?

Lukas Kissel
Ein Hilferuf von Lukas Kissel
Ein Hilferuf von Lukas Kissel
Schulen sind teilweise schon offen, Flug- und Fahrschulen folgen bald. Für Hochschulen dagegen gibt es keine Öffnungsperspektive. Dabei ist unsere Bildung auch wichtig. Oder nicht?
Vorlesungen mit Hunderten Studierenden – das wird wohl auch im kommenden Semester noch nicht möglich sein

Vorlesungen mit Hunderten Studierenden – das wird wohl auch im kommenden Semester noch nicht möglich sein

Foto: Olaf Döring / imago images

Liebe Politik,

lange nichts gehört. Ich dachte, ich melde mich mal wieder.

Ich weiß, dass man dich manchmal drängen muss. Aber dann antwortest du doch. Als Corona losging und Tausende von uns ihren Nebenjob verloren , mussten wir ziemlich lange um Hilfe rufen – aber dann hast du uns doch die Überbrückungshilfe gebracht. Als die Bibliotheken schlossen und viele von uns verzweifelt waren wegen ihrer Abschlussarbeit, hast du doch irgendwann Click & Collect erlaubt.

Manchmal dauert es etwas länger, bis man von dir hört. Manchmal müssen wir laut schreien oder wild mit dem Arm winken, bis du uns bemerkst. Gerade habe ich wieder das Gefühl, dass das nötig ist. Daher dieser Brief.

Im Großen und Ganzen funktioniert die digitale Uni. Aber ich habe das Gefühl, dass du dich darauf ausruhst, liebe Politik.

Ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie es bei uns gerade so läuft. Ich erzähl's dir mal. Ich habe in diesem Wintersemester meinen Master angefangen. Ich kann dir sagen, es ist komisch, zurzeit in eine neue Stadt zu ziehen. So ohne Partys, ohne Kneipentouren, ohne Gelegenheiten, Menschen kennenzulernen. Aber ich will mich nicht beschweren. Sonst heißt es wieder, die jungen Leute hätten nur Feiern im Kopf.

Überhaupt: Darf ich mich groß beschweren? Ich kann ja verstehen, dass dir die Schulen erst mal wichtiger sind. Grundschulkinder können nicht allein lernen, Studierende schon. Auch wenn der Prof nur per Video zu mir spricht, kann er mir die deliberative Demokratietheorie erklären. Vielleicht sogar besser, ich kann ja zurückspulen, wenn ich etwas nicht verstehe. Und wenn er mir zu langatmig redet, schaue ich mir das Video einfach in 1,25-facher Geschwindigkeit an. Im Großen und Ganzen funktioniert die digitale Uni.

Aber ich habe das Gefühl, dass du dich darauf ausruhst, liebe Politik. Dauernd beteuerst du, wie wichtig dir Bildung sei. Dauernd redest du von Familien und Kindern, die bei den Lockerungen zuerst drankommen sollen. Von den Studierenden redest du nicht. Warum ignorierst du uns? Unsere Bildung ist doch auch wichtig. Wir sind die Virologinnen und Ärzte, Richterinnen und Schauspieler von morgen.

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13 Seiten – und kein Wort zu uns

Ich hatte gehofft, in dieser Woche von dir zu hören. Aber auf den 13 Seiten , auf denen du deine Beschlüsse aufzählst, erwähnst du uns Studierende mit keinem Wort. In deinem Stufenplan finden wir uns nicht mal in den »weiteren Bereichen«, mit denen du dich frühestens Ende März befassen willst. Stattdessen dürfen Fahr- und Flugschulen wieder öffnen. Ich muss zugeben, ich kenne deutlich weniger Flugschülerinnen als Studierende.

Groß kündigst du an, dass bald überall Schnelltests verfügbar seien. Vor allem sollen sie den Unterricht an Schulen sicherer machen. Aber wo bleibt die Teststrategie für Universitäten? Wann bringen die Länder Schnelltests an Hochschulen?

Die Wirtschaft fordert seit Wochen eine Perspektive. Ich hätte auch gern eine.

Am Anfang war ich motiviert. So langsam werde ich müde. Für manche Vorlesung verlasse ich nicht mal mehr das Bett, brauche ich ja nicht.

Ein Jahr ist es nun her, dass die Unis ihre Türen schlossen. Ein Jahr, in dem Vorlesungen und Seminare nur noch vor dem Laptop stattfinden. Ich habe meine Uni noch nie von innen gesehen. Meinen Kommilitonen begegne ich statt in Kaffeepausen oder Lerngruppen nur in Bildschirmkacheln. Am Anfang war ich motiviert. So langsam werde ich müde. Für manche Vorlesung verlasse ich nicht mal mehr das Bett, brauche ich ja nicht.

Vielleicht funktioniert die digitale Uni kurzfristig, aber eine Dauerlösung ist sie nicht.

Ich habe es vergleichsweise gut, ich wohne in einem Wohnheim. Mein Sozialleben beschränkt sich größtenteils auf die Stockwerksküche, aber immerhin habe ich eines. Und ich habe das Glück, dass ich meinen Bachelor noch unter normalen Bedingungen machen konnte, ich weiß, wie schön das Uni-Leben sein kann. Manche meiner Mitbewohnerinnen sind Erstis, sie haben nie etwas anderes erlebt als die Corona-Uni. Sie haben nie das fade Mensa-Essen probiert, sich nie auf Hörsaalsitzen den Hintern wund gesessen, nie beim Poetry Slam im Studicafé gelacht oder auf einer Erasmusparty geflirtet.

Ja, wir leiden gerade alle unter Isolation und Zoom-Overkill. Nicht nur uns Studierenden geht es so, nicht nur wir wollen deine Aufmerksamkeit. Aber wir gehen nun schon ins dritte Semester, das vor allem digital stattfindet. Und ich vermisse deine Kreativität, das zu ändern, liebe Politik.

Manche Arbeitnehmerinnen entfliehen dem Homeoffice ins Hotel, dafür reicht deine Überbrückungshilfe leider nicht. Aber in Wien zum Beispiel dürfen Schülerinnen und Studierende in Kaffeehäusern lernen. Das wäre doch was?

Man kann kaum vor jeder Vorlesung 300 Leute durchtesten, das ist mir bewusst. Aber wenn selbst im nächsten Wintersemester solche Großveranstaltungen noch nicht möglich sind, dann braucht es gerade deshalb Ideen: kleine Präsenzveranstaltungen und Seminare, die mit Schnelltests gesichert werden. Und die erst mal den Studienanfängerinnen angeboten werden. Auch das wäre eine Perspektive.

Liebe Politik, manchmal müssen wir schreien. Aber ab und zu hast du uns dann doch gehört. Vielleicht denkst du bei der nächsten Bund-Länder-Konferenz an uns?

Ich freue mich auf deine Rückmeldung.