Gleichberechtigung im Job beutet Frauen aus

Care-Arbeit geht zu Lasten von Schlechtverdienerinnen. Eine Arbeitsforscherin erklärt, wie man sie gerecht verteilt.

Dieser Beitrag wurde am 04.03.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Frauen und Männer werden im Berufsleben immer gleichberechtigter. Das ist gut. Es führt aber auch dazu, dass schlecht bezahlte Arbeiterinnen ausgenutzt werden. Denn wenn Frauen Karriere machen wollen, müssen sie dafür im Privatleben Arbeit abgeben. Die nötige Unterstützung kommt dabei selten von männlichen Partnern – sondern häufig von anderen Frauen, die dafür schlecht bezahlt werden. 

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Der Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit wird meist vor allem von Frauen, Intersexuellen, Trans*- und nicht binären Menschen geführt. Für Sonderhefte und Themenspeziale zum 8. März müssen auch in deutschen Medienhäusern jedes Jahr vor allem sie die Überstunden leisten. 

Wir wollten das dieses Jahr umdrehen – und haben unsere Beiträge dazu von Cis-Männern planen, schreiben und produzieren lassen. Hier liest du mehr zu unserer Aktion #männerfürfrauen.

Vor allem in den als "Care-Arbeit" (bpb ) bezeichneten Branchen wie Reinigung, Kinderbetreuung und Pflege, wird Arbeit so nicht gerechter, sondern noch ungerechter verteilt. Denn die Care-Aufgaben übernehmen, trotz positiver Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, immer noch deutlich häufiger Frauen als Männer. Die Gleichberechtigung und Karriere einiger Frauen im Arbeitsleben geht also zu Lasten anderer Frauen.

Wie kann man das ändern?

Das haben wir die Arbeitsforscherin Ellen Hilf gefragt.

Ellen Hilf

Diplom-Politologin und stellvertretende Direktorin der Sozialforschungsstelle an der Technischen Universität Dortmund. Sie erforscht die Entwicklung von Arbeit und Beschäftigung im Dienstleistungsbereich sowie die Bedingungen und Entwicklung der Erwerbsarbeit von Frauen. Außerdem beschäftigt sie sich mit den Wechselwirkungen zwischen betrieblichem und privatem Lebenszusammenhang.

bento: Stecken wir in einer Care-Krise?

Ellen Hilf: Ja, das kann man so sagen. Vollzeiterwerbstätige arbeiten rund 40 Stunden in der Woche. Rechnet man den Arbeitsweg und Pausen hinzu, sind sie mindestens zehn Stunden nicht zu Hause. Wer kauft dann ein, wäscht die Wäsche und bringt den Müll raus? Wer bringt die Kinder in die Kita oder zum Sport? Wer kümmert sich in den Schulferien? Wer geht mit der sehbehinderten Großmutter zur Optikerin? Und wie viel Zeit bleibt dabei noch für die eigene Erholung?

Menschen, die Berufstätigkeit und familiäre Belange unter einen Hut bringen müssen, sind strukturell überfordert. Dazu kommen fehlende Kitaplätze und der Pflegenotstand.

bento: Ist es unmöglich, sich privat und beruflich ohne Einschränkungen weiterzuentwickeln?

Ellen Hilf: Nein. Die traditionelle Rollenaufteilung, die einen männlichen Alleinverdiener mit Hausfrau im Hintergrund vorsah, gilt nicht mehr. Das gibt es zwar noch, aber heute haben auch Frauen einen Anspruch auf Berufstätigkeit und eigene Existenzsicherung. Dass die Männer weiterhin in Vollzeit und die Frauen wegen der Care-Aufgaben in Teilzeit arbeiten, birgt das Risiko späterer Altersarmut für die Frauen.

Immer mehr Paare wollen deswegen gleichberechtigt arbeiten. Wobei Studien zeigen, dass Frauen auch in solchen Konstellationen mehr Care-Arbeit leisten als Männer. Sie müssen also Aufgaben abgeben.

bento: Wer übernimmt die Hausarbeit dann?

Ellen Hilf: Paare, die gleichberechtigt Karriere machen wollen, versuchen, Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege bezahlt zu delegieren. Die sogenannten haushalts- oder personenbezogenen Dienstleistungen werden allerdings fast nur an Frauen weitergegeben.

Im Herbst 2019 gab es knapp 6,7 Millionen Minijobbende in Deutschland, 300.000 in privaten Haushalten. Davon waren 270.000 Frauen, die meisten im erwerbsfähigen Alter. Und das sind nur die angemeldeten privaten Dienstleistungen. Der Großteil ist Schwarzarbeit. Das wollen viele, die in privaten Haushalten arbeiten, sogar selbst so.

bento: Warum das?

Ellen Hilf: Entweder weil sie schon einen anderen Minijob haben oder weil sie vermeiden wollen, dass sie das Einkommen versteuern müssen. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 9,35 Euro, der Einstiegsstundenlohn im Reinigungsgewerbe bei 10,80 Euro. Da erscheinen vielen Frauen, die putzen gehen, zwölf oder 15 Euro auf die Hand attraktiver.

bento: Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man eine Putzfrau einstellt?

Ellen Hilf: Bei Schwarzarbeit auf jeden Fall, denn die ist illegal. Wenn man jemanden engagiert, der sich um die Hausarbeit kümmert, sollte man die Person legal beschäftigen. Also einen Minijob anmelden oder eine Reinigungsfirma beauftragen, die wenigstens den branchenbezogenen Tarif- oder Mindestlohn zahlt.

bento: Was kann jeder Einzelne sonst noch tun, um zur Lösung des Problems beizutragen?

Ellen Hilf: Paare und Wohngemeinschaften sollten hinterfragen, ob sie wirklich eine schlecht bezahlte Putzfrau brauchen. Das Care-Problem ist zwar oft Thema, aber wirklich gehandelt wird selten.

Ein wichtiger Faktor ist auch der Erwartungsdruck, dem Männer oft ausgesetzt sind. Und die mangelnde Anerkennung von Care-Arbeit insgesamt. Wäre es selbstverständlich, dass auch Männer sich um Haushalt, Kinder und Pflegebedürftige kümmern, müssten sie nicht fürchten, dass ihre Karrierechancen sinken, wenn sie zum Beispiel die Arbeitszeit verkürzen. (Mehr dazu im SPIEGEL)

bento: Oft ist es leider noch anders. Wer übernimmt denn die Care-Arbeit für die Frauen, die wiederum die Care-Arbeit für Wohlhabendere übernehmen?

Ellen Hilf: Sie selbst oder weibliche Angehörige.

bento: Früher hieß es "Wir engagieren eine Polin, die sich um Oma kümmert und putzt." Ist das heute nur noch ein Klischee oder immer noch Realität?

Ellen Hilf: Es gibt die sogenannte global care chain, die globale Betreuungskette. Überspitzt gesagt läuft es so: Es kommt eine polnische Pflegerin, die sich um Oma kümmert. Sie hat zu Hause aber selbst eine Familie. Um die kümmert sich wiederum eine Pflegerin, die weiter aus dem östlichen Raum kommt, wo die Löhne noch niedriger sind. So geht es immer weiter Richtung Osten. Am Ende der Kette, da wo große Armut herrscht, helfen dann nur noch familiäre Netze. Man ist auf die Hilfe Angehöriger angewiesen. Viele der Kinder dort sehen ihre Mütter nur wenige Male im Jahr. 

bento: Braucht jede starke Frau eine Care-Arbeiterin, die ihr den Rücken freihält? Um den alten Spruch der Frau, die ihren Mann unterstützt, mal umzudrehen.

Ellen Hilf: Die starken Frauen sind für mich die, die bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit leisten. Ermutigend ist, dass wir überhaupt von einer Care-Krise sprechen. Das ist ein Zeichen, dass der Missstand wahrgenommen wird. Es versuchen bereits mehr Männer, die meist noch als frauentypisch angesehenen Arbeiten zu übernehmen oder sich mehr zu beteiligen. Das stimmt optimistisch.    

bento: Was müsste sich in der Arbeitswelt ändern, damit die Care-Ungerechtigkeit geringer wird?

Ellen Hilf: Arbeitszeitverkürzung ist ein wichtiger Punkt. In manchen Firmen gibt es dafür schon Ansätze. Einige Unternehmen stellen fest, dass überforderte 40-Stunden-Kräfte weniger produktiv sind als Menschen, die beispielsweise engagiert und ohne Gehaltseinbußen in einer Vier-Tage-Woche arbeiten. Außerdem müssen die Arbeitsbedingungen und Einkommen im Bereich der sozialen Dienstleistungen attraktiver werden. Das würde auch die privaten Haushalte entlasten.

Demonstration für Gleichberechtigung von Frauen anlässlich des Internatioanlen Frauentags am 8. März in Berlin snapshot-photography/xK.M.Krause *** Demonstration for equal rights for women on the occasion of the International Womens Day on 8 March in Berlin snapshot photography xK M Krause
Demonstration für Gleichberechtigung von Frauen anlässlich des Internatioanlen Frauentags am 8. März in Berlin snapshot-photography/xK.M.Krause *** Demonstration for equal rights for women on the occasion of the International Womens Day on 8 March in Berlin snapshot photography xK M Krause Foto:

Imago / Snapshot Photography

bento: Wie wird sich das Thema in Zukunft entwickeln?

Ellen Hilf: Ich denke, die Care-Krise wird ein strukturelles Problem bleiben, wenn wir nicht an den nötigen Stellschrauben drehen. Es gibt viele Parameter: das Steuersystem, in dem das Ehegattensplitting eine gleichberechtigte Arbeitsteilung behindert, die Eingrenzung von Minijobs und die Förderung sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Care-Bereich, um nur ein paar zu nennen.

Wie können wir Arbeit anders und gerechter verteilen? Wie kann man prekäre Jobs bei der Care-Arbeit vermeiden? Solche Fragen müssen wir uns stellen.

bento: Was wäre die richtige Antwort auf diese Fragen?

Ellen Hilf: Personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungen müssten besser vergütet werden. Und privat muss man sich fragen, ob man wirklich Schwarzarbeit im eigenen Haushalt leisten lassen möchte. Oder ob man bereit ist, fürs Putzen angemessen zu zahlen? Wie für andere Dienstleistungen eben auch.

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