Semesterstart in der Coronakrise "Ich fühle mich oft wie in einem Videospiel"

Das Wintersemester an deutschen Hochschulen hat begonnen, Tausende junge Menschen sind ins Studium gestartet. Doch wie beginnt man ein neues Leben, wenn man zu Hause bleiben muss?
Studieren von zu Hause bedeutet oft: einsam studieren (Symbolbild)

Studieren von zu Hause bedeutet oft: einsam studieren (Symbolbild)

Foto: Lucas Ottone / Stocksy United

Vom Bett bis in den Hörsaal braucht Rabea Lange in diesen Tagen 20 Minuten: Um 7.40 Uhr steht sie auf, zieht Jogginghose und Pullover an, kämmt sich durch die langen braunen Haare, kocht eine große Tasse Früchtetee. So erzählt sie es am Telefon. Um 8 Uhr sitzt sie im ersten Seminar, zumindest virtuell.

Es ist ein entspannter Start in den Tag, aber auch ein einsamer. Die 26-jährige Masterstudentin hat ihn inzwischen oft erlebt. Seit August wohnt sie in Greifswald, um Humanbiologie zu studieren, seit vier Wochen läuft das erste Semester. Den Großteil ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen habe sie in der Ersti-Woche noch persönlich kennengelernt, erzählt Lange. Regelmäßig treffen würde sie aber nur zwei von ihnen. Es sind Mitglieder einer Lerngruppe, neu hergezogen wie sie. "Ohne die beiden wäre ich schon durchgedreht", sagt Lange.

Das Studieren geht plötzlich fast überall – und fühlt sich oft doch einsam an

Spätestens seit dieser Woche läuft an den Hochschulen in Deutschland das Wintersemester. Es war ein seltsamer Start für alle Studierenden, mitten in der Coronakrise, pünktlich zum zweiten Shutdown. Doch diejenigen, die gerade neu anfangen – im Bachelor, im Master, in einer neuen Stadt – trifft die zweite Welle besonders: Für sie beginnt in diesen Wochen ein neuer Lebensabschnitt, aus dem Homeoffice.

Dinge, die sonst fest zum Uni-Alltag dazugehören, fallen plötzlich weg. Orientierungswochen wurden abgesagt oder ins Internet verlegt. Bibliotheken beschränken den Zugang, Mensen bleiben teilweise geschlossen und an Ersti-Partys ist dieses Jahr ohnehin nicht zu denken. Neue Leute kennenlernen, das ist unter diesen Umständen schwer. Manche ziehen deshalb womöglich gar nicht erst in ihre Uni-Stadt: Zoom-Seminare und Vorlesungsvideos lassen sich schließlich auch im Kinderzimmer anschauen. 

Manche ziehen erst gar nicht aus

Das hat sich auch Wiebke Jahr gedacht. Die 23-Jährige wollte eigentlich im Oktober nach Kiel ziehen, um Deutsch und Soziologie im Bachelor zu studieren. Doch anstatt das Studentenleben zu entdecken, wohnt sie aktuell noch bei ihren Eltern in einem Dorf bei Lübeck. "Seitdem klar war, dass wir ohnehin nur zu Hause sitzen würden, erschien mir der Umzug nicht mehr so dringend", sagt Jahr. Zudem erschwere Corona WG-Besichtigungen – und sie würde mögliche Mitbewohner gern persönlich kennenlernen.

In ihrem Jugendzimmer spart Jahr jetzt zwar Geld, kann aber nur übers Internet mit ihren neuen Kommilitoninnen und Kommilitonen in Kontakt kommen. Und das ist nicht immer stabil: Bereits während der Einführungsveranstaltung am Mittwoch vor einer Woche sei das Netz ausgefallen, erzählt Jahr. Sie habe sich dann einen Hotspot mit dem Handy gemacht, um die Veranstaltung weiter zu verfolgen. Eine Notlösung für ein größeres Problem: "Wie soll man so Leute kennenlernen?"

"Alle wissen, dass sie etwas tun müssen, um trotz Corona neue Leute kennenzulernen"

Janine Lachmuth, Studentin in Münster

Der Fachschaftsrat der Wirtschaftswissenschaften der Uni Münster hat sich genau darüber viele Gedanken gemacht und eine virtuelle Orientierungswoche organisiert. Eine Woche lang gab es für die Erstsemester ein ehrenamtlich organisiertes Programm mit Online-Stadtrundgängen, Cocktail-Seminaren und virtuellen Vorstellungsrunden gegen die Einsamkeit. Allein zur Onlinebegrüßung hätten sich 1400 Studierende in den Livestream eingewählt, erzählt Janine Lachmuth vom Organisationsteam. Für das Speeddating über Zoom hätten sie extra eine Tausender-Lizenz gekauft, um alle Interessierten aufnehmen zu können.

"Es gibt einen enorm großen Drang, etwas zu tun in diesem Semester", sagt Lachmuth. "Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Studierende bei uns mitmachen. Alle wissen, dass sie etwas tun müssen, um trotz Corona neue Leute kennenzulernen."

Virtuelle Veranstaltungen sind eine Möglichkeit, um trotz der Kontaktbeschränkungen etwas Normalität zu ermöglichen – im Uni-Leben, aber auch in der Lehre. Doch die Angebote stoßen an ihre Grenzen. In Seminaren seien die Webcams der Studierenden inzwischen meist aus, klagen Dozentinnen und Dozenten. Persönlicher Austausch finde in den Chats der Uni-Veranstaltungen ohnehin kaum statt, berichten Studierende.

Lernen als Ablenkung vom Alltag

"Das Studium fühlt sich unecht an. Ich fühle mich oft wie in einem Videospiel", sagt auch Emil Atze, der seit diesem Wintersemester Germanistik in Leipzig studiert. Technisch klappe nicht immer alles, schon in den ersten Tagen habe es öfter Schwierigkeiten gegeben. Eine demotivierende Erfahrung, gleich zu Beginn des Semesters. Ohne echte Begegnungen sei er ohnehin noch nicht richtig angekommen im Uni-Leben, sagt der 19-Jährige: "Die Kommilitonen fehlen einfach." Manchmal falle es ihm schwer, das Studium ernst zu nehmen.

Auch Wiebke Jahr glaubt, dass es ohne echten Kontakt leichter sein könnte, die Verpflichtungen des Studiums zu vergessen. Der geregelte Tagesablauf gehe Stück für Stück verloren. "Ein Grund zum Aufstehen", das habe ihr in den vergangenen Tagen öfter gefehlt.

"Ich lebe wie ein Einsiedler"

Rabea Lange, Studentin in Greifswald

Für Rabea Lange ist das selbstständige Lernen dagegen einer der wenigen Vorteile des neuen Semesters. Sie hat ihren Bachelor noch unter normalen Bedingungen gemacht und kann vergleichen. Gefühlt, sagt sie, sei sie jetzt oft aufmerksamer. In den Vorlesungen gebe es weniger Ablenkung, die Masterseminare am Laptop wirkten oft verpflichtender als davor im Bachelor: "Ich habe noch nie so früh im Semester so viel für die Uni gemacht."

Schlimm werde es ernst, wenn sie den Laptop nachmittags zuklappe und allein in ihrer Wohnung sitze.

"Ich lebe wie ein Einsiedler", sagt Lange. "Ich bin Mitte 20 und quasi eingesperrt. Was eigentlich das normale Leben unter 50 ausmacht, fällt komplett flach." Am Wochenende feiern gehen, Freunde treffen, neue Leute kennenlernen. Vielleicht daten. All das, was die Studienzeit abseits der Uni so aufregend macht. Gerade, wer allein lebt und keine Beziehung führt, spürt das besonders.

In ihrem Freundeskreis seien viele derzeit unglücklich, sagt Lange. Paare litten unter der dauernden Zweisamkeit ohne neue Erfahrungen. Singles beklagten sich über die Isolation. "Das, was ansonsten der Freundeskreis auffängt, fällt derzeit eben auch weg."

Ruth Dölemeyer sagt, sie kenne viele solcher Berichte. Die Diplompsychologin leitet die psychosoziale Beratung des Studentenwerks Leipzig. Ihr achtköpfiges Team und sie sprächen derzeit mit vielen, die im neuen Semester verunsichert seien: "Einsamkeit ist ein großes Problem", sagt Dölemeyer. "Wir brauchen gemeinsame Erfahrungen, um neue Herausforderungen verarbeiten zu können."

Eine ganze Generation von Studierenden ist plötzlich gemeinsam einsam

Die Coronakrise sorgt dafür, dass Tausende Studierende derzeit ganz ähnliche Erfahrungen machen – doch meist passiert es eben allein. In einer Befragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung  gaben fast 80 Prozent der Studierenden an, ihnen fehle der persönliche Austausch mit ihren Kommilitonen. Eine ganze Generation, so scheint es fast, ist plötzlich gemeinsam einsam. Auch Rabea Lange empfindet es so. Wenn sie einen Wunsch frei habe, sei es deshalb kein neues Onlineangebot und auch kein großer Urlaub, sagt die 26-Jährige. "Sondern einfach eine Umarmung."

Für Ruth Dölemeyer ist dieses Bedürfnis keine Überraschung. "Wir müssen damit umgehen, dass wir derzeit alle gemeinsam in dieser neuen Realität leben", sagt sie. "Durch Technik können wir manche Distanzen überbrücken, aber sie allein ersetzt keine körperlichen Kontakte und keine physischen Erfahrungen."

Trotz der schwierigen Situation glaubt die Psychologin, dass die Corona-Semester auch eine Chance für Studierende sein könnten. "Das Gute ist, dass es vielen von uns so geht. So kann die gemeinsame Bewältigung dieser schwierigen Zeit auch etwas Verbindendes sein. Eine Erfahrung in unserem Leben, auf die wir selbstbewusst zurückschauen können und die bei eventuellen weiteren Krisen das Vertrauen in unsere Handlungsfähigkeit stärkt."

Für Rabea Lange, Wiebke Jahr und Emil Atze ist es jedoch erst einmal eine Herausforderung – eine Herausforderung, die jeden Morgen aufs Neue beginnt.

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