Julius, Kai und Jan haben einen Chat entwickelt, der junge Menschen in der Coronakrise schützen soll

Die drei Berliner wollen bei häuslicher Gewalt und psychischen Problemen helfen.

Dieser Beitrag wurde am 01.06.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Eingeschränkte soziale Kontakte, keine Schule, keine Uni, keine Kolleginnen und Kollegen, die merken, wenn etwas nicht stimmt – oder man auffällige blaue Flecken hat. Als Mitte März auch in Deutschland Ausgangsbeschränkungen eingeführt wurden, warnten Experten vor der Zunahme häuslicher Gewalt. Vor Corona hätten vor allem Sozialarbeiter, Lehrerinnen und Kindergartenbetreuer auffällige Verletzungen an die Behörden gemeldet, sagte Kinderarzt Oliver Berthold kürzlich zu ZEIT ONLINE. Jetzt seien Kinder und Jugendliche oft allein mit der potenziellen Gefahr zu Hause. Und den Gedanken in ihrem Kopf.

Um ihnen zu helfen, haben die drei 18-jährigen Berliner Julius, Kai und Jan "krisenchat.de"  gegründet. In einem WhatsApp-Chat kümmert sich ein Beratungsteam aus Psychotherapeuten, Psychologinnen, Diplom-Pädagogen und Sozialarbeiterinnen um Kinder und Jugendliche, die Hilfe benötigen. Alle Krisenberater arbeiten – wie auch die Macher der Plattform – ehrenamtlich.

Corona-Ideen

Wegen der Coronakrise verlieren viele Menschen ihren Job, müssen in Kurzarbeit gehen und geraten in Geldnot. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einfach zu Hause zu sitzen. Bei allen Schwierigkeiten zeigt sich dabei: Not macht erfinderisch. Wir wollen einige Corona-Ideen vorstellen. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich originelle Wege aus der Krise überlegt haben, erzählen uns, wie sie gerade mit der Situation umgehen – und die Pandemie bewältigen wollen.

Drei Fragen an: Julius, Mitgründer eines Corona-Notfall-Chats

bento: Wie funktioniert euer Dienst genau?

Julius: Wer Hilfe oder Beratung sucht, kann einfach auf "krisenchat.de" gehen, auf den WhatsApp-Button klicken und sofort mit einer Ansprechperson schreiben. Unsere Beraterinnen und Berater arbeiten in Schichten, meistens sind sogar mehrere gleichzeitig online. Man bekommt also sehr schnell eine Antwort. Das Angebot richtet sich zwar vor allem an Menschen zwischen zehn und 21, wir weisen aber natürlich niemanden ab, egal wie alt.

Unser Dienst ist der erste Notfall-Chat in Deutschland, der jeden Tag rund um die Uhr erreichbar ist. Es gibt zwar bereits telefonische Notfallhotlines, aber wir wollten die Hemmschwelle für Hilfesuchende noch weiter senken. Ein Telefonat könnten Personen, die im gleichen Haushalt leben, mithören – ein WhatsApp-Chat fällt nicht auf. Wir wollen eine Alternative für diejenigen schaffen, die sich lieber schriftlich jemandem anvertrauen. Man muss nicht reden und bekommt trotzdem eine Stimme.

bento: Wie wird der Krisenchat bisher angenommen?

Julius: Seit dem Start Anfang Mai haben den Chat etwa 250 Personen genutzt. Die meisten Ratsuchenden melden sich zwischen 20 Uhr und 1 Uhr, manchmal haben wir da fünf bis sechs Fälle gleichzeitig. Probleme halten sich nicht an Sprechzeiten – auch wer sich mitten in der Nacht schlecht fühlt, findet bei uns jemanden zum Chatten. Die meisten Betroffenen kämpfen mit depressiven oder suizidalen Gedanken.

Was ganz wichtig ist: Wir bieten keine Therapie an, sondern Beratung. Unsere Expertinnen haben ein offenes Ohr und geben Hilfe zur Selbsthilfe. Geht es um Missbrauch oder Ähnliches, unterstützen wir die Betroffenen, akut Hilfe zu finden. Notfalls würden wir die Polizei einschalten, dafür müsste uns die Person ihre Adresse schicken. Bis jetzt hatten wir zum Glück noch keinen so schwerwiegenden Fall. Aber wir wären vorbereitet.

bento: Werdet ihr "krisenchat.de" auch nach Corona weiter betreiben?

Julius: Auf jeden Fall. Sollte der Chat weiter so gut ankommen, werden wir sogar jemanden einstellen, der sich um das Projekt kümmert. Wir investieren derzeit unseren kompletten Tag, das können wir leider nicht ewig durchziehen. Wir wohnen noch bei unseren Eltern, deswegen ist es nicht schlimm, dass wir im Moment kein Geld verdienen. Aber irgendwann geht das nicht mehr. Sollten wir für "krisenchat.de" jemanden beschäftigen, müssten wir die Person mit Spenden oder Förderungen finanzieren, darum kümmern wir uns gerade. Denn das Angebot wäre natürlich weiterhin kostenlos und würde keine Gewinne bringen.

Unseren Lebensunterhalt wollen wir mittelfristig mit einem Startup verdienen, das wir bereits vor der Coronakrise gemeinsam gegründet haben: "exclamo" ist eine Anti-Mobbing-App für Schulen. Sie soll Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, bei Mobbing oder anderen Formen der Belästigung anonym per Chat mit Ansprechpartnern ihrer Schule in Kontakt zu treten. Wir haben die App während der Schulzeit bei einem Gründerwettbewerb erstellt und nach dem Abi weiterentwickelt. Im nächsten Schritt wollen wir den Dienst einigen Schulen kostenlos zum Test zur Verfügung stellen. Da das wegen Corona noch nicht ging, pausierten wir das Projekt – und der Krisenchat entstand.

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