Studierende in der Coronakrise Nebenjobs dringend gesucht

Restaurants sind geschlossen, Unternehmen müssen sparen: Einen Nebenverdienst zu finden, ist derzeit vielerorts schwer. Wo Studierende jetzt Arbeit oder Unterstützung finden.
Durch eigene Arbeit das Studium finanzieren: In diesem Jahr ein Glücksspiel

Durch eigene Arbeit das Studium finanzieren: In diesem Jahr ein Glücksspiel

Foto: Maskot / DEEPOL / plainpicture

Was sind schon 450 Euro? Wer einen festen Arbeitsvertrag, ein Haus oder Rücklagen hat, würde vielleicht sagen: wenig. Wer als Studentin oder Student in einer teuren Großstadt an jedem Monatsende den Dispo ausreizt, sieht das wahrscheinlich anders.

Laut einer von den Juso-Hochschulgruppen nach dem ersten Shutdown veröffentlichten – nicht repräsentativen – Umfrage  haben bereits in der ersten Jahreshälfte 35 Prozent der befragten Studierenden, die vorher einen Nebenjob hatten, diesen während der Coronakrise verloren. 29 Prozent der Befragten gaben an, zumindest teilweise unter Existenzängsten zu leiden; im Durchschnitt fehlten ihnen allein von Februar bis Juli etwa 1500 Euro im Portemonnaie.

Vor allem in Frankfurt und Hamburg brachen Jobs weg

Wie sehr Studierende unter der Coronakrise leiden, hängt auch vom Studienort ab – das zeigt eine Analyse des Indeed Hiring Lab , einer Gruppe von Arbeitsmarktexpertinnen, die für die Jobplattform Indeed Studien durchführt. Sie hat untersucht, wie viele Stellen bis September 2020 auf der Plattform ausgeschrieben waren und die Zahlen mit denen des Vorjahres verglichen, und zwar für die 14 größten deutschen Städte. Am deutlichsten fiel der Einbruch demnach in Frankfurt am Main und Hamburg aus, wo im Vergleich mehr als 50 Prozent weniger Studentenjobs inseriert waren. Am wenigsten hat sich die Situation für Studierende in Nürnberg verschlechtert, trotzdem fehlten dort immer noch 24 Prozent der Studi-Jobs.

In allen untersuchten Städten hat es die Studierenden zudem deutlich härter getroffen als den Rest des Arbeitsmarkts. In Bremen etwa wurden laut der Analyse insgesamt 17 Prozent weniger Jobs als im Vorjahr inseriert, für Studierende waren es jedoch 53 Prozent weniger.

Fast zeitgleich mit dem Start des Wintersemesters begann nun der zweite Shutdown. Für viele Studierende ein Horrorszenario.

»Etwa 70 Prozent der Studierenden sind auf ihren Nebenverdienst angewiesen, um über die Runden zu kommen.«

Jürgen Allemeyer, Leiter des Studierendenwerks Hamburg

Zwar sollten auch dieses Mal wieder zeitnah Überbrückungshilfen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zur Verfügung gestellt werden. Doch schon im Sommer zeigte sich, dass viele Studierende sich nicht dafür qualifizieren oder die bereitgestellten Beträge nicht ausreichen. Um die Prüfung der Anträge kümmern sich die Studierendenwerke – und müssen dabei die vom BMBF auferlegten strikten Regeln und Abläufe einhalten.

»Wir mussten viele ablehnen, weil sie den durch Covid-19 bedingten Wegfall ihres Jobs nicht so einfach nachweisen konnten«, sagt Jürgen Allemeyer, der das Hamburger Studierendenwerk leitet und gern mehr Menschen geholfen hätte. »Etwa 70 Prozent der Studierenden sind auf ihren Nebenverdienst angewiesen, um über die Runden zu kommen – unabhängig davon, ob sie Bafög erhalten oder nicht.« Durch digitale Infoveranstaltungen, Videostreams und Werbung in den sozialen Medien habe man daher versucht, Studierende über die Hilfen des Bundes und des Landes Hamburg aufzuklären. Über 7000 Anträge auf Überbrückungshilfe habe es allein in Hamburg während des Sommersemesters gegeben.

Welche Hilfen Studierende nun beantragen können

Auch im November kann über die Studierendenwerke eine Überbrückungshilfe beantragt werden. Dazu müssen Studierende die Kontoauszüge der zwei Vormonate als Nachweis ihrer Notlage einreichen. Je nach finanzieller Situation können sie zwischen 100 und 500 Euro erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. (BMBF )

»Ich war sehr erleichtert, als ich herausfand, dass ich Hilfen beantragen kann. Allein mit diesen 500 Euro war mir aber nicht geholfen«, erinnert sich der 29-jährige Mattia B., der in Hamburg Sonderpädagogik studiert. Weil er vor dem Studium schon eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger abgeschlossen habe, habe er bis zur Krise auch neben dem Studium als Honorarkraft in einem Hort arbeiten können. Nach den Frühjahrsferien seien dort aber alle Honorarkräfte arbeitslos geworden – nur die Festangestellten hätten auf Kurzarbeit eingestuft und gehalten werden können.

»Ich musste meine Eltern fragen, ob sie mich unterstützen.«

Mattia B., Student aus Hamburg

»Ich habe zuvor meist an drei Tagen pro Woche gearbeitet und damit etwa 900 Euro im Monat verdient. Die waren plötzlich weg«, sagt Mattia B. »Ich musste meine Eltern fragen, ob sie mich unterstützen.« Die hätten eingewilligt, auch weil er sich nun mehr aufs Studium konzentrieren könne. Das sei ohnehin dringend nötig: »Durch das digitale Semester muss ich viel mehr selbstständig nacharbeiten und lernen, als wenn ich einfach in ein Seminar gehen würde. Das kostet Zeit, die ich bei drei Tagen Arbeit pro Woche gar nicht hätte.«

Manche Studierende machten einen noch radikaleren Schritt: »Einige kriechen nun wieder bei ihren Eltern unter, um Kosten zu sparen«, sagt Cara Coenen, die als Bundeslandkoordinatorin der gemeinnützigen Organisation Arbeiterkind.de in Nordrhein-Westfalen die Situation von Studierenden ohne wohlhabende Eltern genau im Blick hat. Wo die Flucht zu den Eltern nicht möglich sei, bleibe für einige nur eine Pausierung des Studiums, was für viele mit Hartz IV einherginge. Besonders Erstsemester aus einkommensschwächeren Familien stünden unter großem Druck, da gerade am Anfang eines Studiums noch nicht sicher sei, wie hoch eine mögliche Bafög-Unterstützung ausfalle und die Bearbeitung der Anträge durch die gestiegene Zahl länger dauere.

Dazu kommt: »Lückenbüßer-Jobs wie Erntehelfer waren schon im Sommer nur eine Notlösung, weil sie viele Stunden Arbeit zu ungünstigen Zeiten, mit weiten Wegen vom Wohnort und wenig Lohn bedeuteten«, sagt Coenen. »Jetzt im Herbst gibt es aber nicht einmal diese saisonalen Möglichkeiten mehr.«

Wo noch Jobs zu bekommen sind

Gerade die Vorweihnachtszeit ist für Studierende ein wichtiges Zeitfenster, um Geld zu verdienen, sie helfen zum Beispiel als Kellner oder Barfrau auf Weihnachtsmärkten und Firmenfeiern aus oder packen in Kaufhäusern Geschenke ein. Doch dichtes Gedränge in den Einkaufsstraßen und auf Weihnachtsmärkten wird es dieses Jahr wahrscheinlich nicht geben.

Trotzdem wird in einigen Branchen inzwischen wieder stärker ausgeschrieben: Laut der Analyse des Indeed Hiring Lab  sind etwa im Bereich Erziehung und Bildung, bei Fahrdiensten oder in der Lagerlogistik die Chancen, einen Nebenjob zu bekommen, in der zweiten Jahreshälfte deutlich gestiegen – dort werden demnach sogar mehr Jobs ausgeschrieben als im Vorjahr. Als grundsätzlicher Tipp werde zudem empfohlen, bei Stellensuchen nach »remote« oder »Homeoffice« zu suchen – so könnten auch passende Jobs außerhalb der eigenen Stadt gefunden werden. Jenseits der klassischen Stellenbörsen dominiert vor allem eine Berufsgruppe: Wer aktuell regionale Facebook-Gruppen zur Jobvermittlung durchsucht, stößt auf eine gelbe Flut von Anzeigen, die nach Paketzustellern suchen.

Wenn die Coronakrise überwunden sei, könne sich immerhin eine Chance für Studierende bieten, sagt Annina Hering, Economist beim Indeed Hiring Lab: Sie würden als günstige und flexible Arbeitskräfte gesehen und könnten daher Positionen besetzen, die wirtschaftlich vorsichtige Unternehmen noch nicht als befristete oder gar unbefristete Stellen ausschreiben möchten.

Bis dahin wird es aber wohl für viele Studierende wirtschaftlich eng bleiben.

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