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leben DER RITTER VON McWORD

ÜBER FAST ALLES WEISS PROFESSOR DIETRICH SCHWANITZ ZIEMLICH VIEL - ÜBER ENGLAND, FRAUEN UND SOGAR ÜBER HELLHÄUTIGE, BELESENE MÄNNER MIT BART.
aus UNI SPIEGEL 4/2001

Herr Professor allein zu Haus. Seine Frau ist verreist, und nun muss Dietrich Schwanitz sich selbst um alles kümmern. Nichts klappt, logisch. Die Drahtkörbe mit den Tomatendosen und Obstgläsern gammeln im Wintergarten herum, eine Schublade voller Werkzeug lagert auf einem alten Blumentopf.

Und erst die Küche, wie es da aussieht: Verschrumpelt warten in einer Schale ehemals rot-gelbe Äpfel auf ihre Entsorgung. Die Pril-Flasche ist ins Spülbecken umgezogen. Dort wiederum schichten sich braunfleckige Tee- und Kaffeeablagerungen, die Geologen begeistern würden. Rechts neben dem Cerankochfeld versammeln sich Flaschen zu einer Großdemonstration.

Armer Hausmann, großer Held. Stolz produziert sich Schwanitz vor der Kamera des ARD-»Kulturreports« als Opfer: »Die Küche ist mir feindlich gesinnt«, sagt Schwanitz und präsentiert mit der Geste des geschlagenen Feldherrn seine stummen Zeugen. Sogar die Kühlschranktür hängt matt herunter und lässt sich kaum schließen - Streik. Bei seiner Frau, erklärt der Professor, mache die Tür keine Schwierigkeiten.

Vor 24 Jahren veröffentlichte der Anglist Schwanitz seine Habilitation: »Die Wirklichkeit der Inszenierung und die Inszenierung der Wirklichkeit«. Das Thema muss ihn so überzeugt haben, dass er inzwischen seine Lebenswirklichkeit inszeniert wie ein Theaterstück. Das grobe Skript liefert jeweils das Buch, das Schwanitz, 61, gerade veröffentlicht hat.

Derzeit steht »Männer - Eine Spezies wird besichtigt« (Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 328 Seiten; 44 Mark) auf dem Spielplan. Das Buch, Anfang Mai erschienen, wurde bisher 70 000-mal verkauft, und Schwanitz vertritt darin die fulminante These, dass Männer ein fragiles Ego haben, dass sie eigentlich immer noch primitive Hordenmenschen sind und mit der modernen Welt nicht zurechtkommen. Also stilisiert sich der Autor, offenbar recht mühelos, zum Edeltrottel: Er schlurft in die Küche und träufelt ungeschickt etwas Flüssigkeit aus einem Medizinfläschchen in einen absurd großen Edelstahltopf - zum Erbarmen überfordert von den Anforderungen der Haushaltswelt im 21. Jahrhundert.

Vor einem Jahr allerdings konnte Schwanitz einem Besucher vom »Hamburger Abendblatt« tadellosen Kaffee kochen. Na gut, das Männer-Buch war noch nicht veröffentlicht, und vermutlich hatte der Professor sich auch noch nicht in das neue Fachgebiet eingefuchst.

Schwanitz ist nämlich keiner von jenen, die sich einmal ein Thema aussuchen und dann dabei bleiben, die Spezialisten sind für Johann Jakob Bachofens Theorie des Mutterrechts, für die Feldgradienten in Elektronenbeschleunigern oder die Gensequenz der Kleinwühlmaus. Denen aber keine Antwort einfällt, wenn eine Studentin kommt und etwas wirklich Wichtiges wissen möchte, wie Männer so sind zum Beispiel oder was Frauen in ihren Beziehungen falsch machen.

Zwar hat Schwanitz bis zu seiner Frühpensionierung 1997 an der Hamburger Universität 18 Jahre lang Anglistik gelehrt und auch in seinem Fachgebiet veröffentlicht ("Englische Kulturgeschichte 1500 bis 1914"), aber noch viel lieber verwandelt er sich in einen Experten für das, wonach er gerade gefragt wird.

Wenn also jemand etwas über die Tragikomödie der Geschlechter erfahren will, erklärt er: Frauen seien alle »Arbeiter im Weinberg des Herrn«, die mühselig für ihre Beziehungen schufteten, aber immer am falschen Ort nach den Früchten suchten. Dabei streicht er sich über den grauen Kinnbart. Das verleiht ihm optisch jene Bedeutung, die seinen Worten fehlt.

In seinem »Männer«-Buch gibt Schwanitz auch Antworten auf Fragen, die niemand außer ihm stellt. Dass er den Wissenschafts-Mainstream verlassen kann und sich auf unerforschtes Gebiet wagt, beweist vermutlich echten Abenteuergeist. Wer, wenn nicht das furchtlose Hirntier aus Hamburg, hätte sich sonst mit dem Problem beschäftigt, warum Afrikaner deutschen Männern so mühelos die Frauen wegnehmen?

Kühne Fragen verlangen kühne Antworten. Weil bei deutschen Frauen »der latente Hang zur Wiedergutmachung der rassistischen Sünden der Väter« fatale Auswirkungen habe, doziert Schwanitz. Denn: Die Frauen erkennen »in dem geduldigen Blick eines schwarzen Mannes die Qualen von Generationen«, sie empfinden »die schwarze Haut als Ehrenkleid des Märtyrertums« und verlieben sich in den Exoten. Aber, Vorsicht, die Verliebtheit ist eine furchtbare Selbsttäuschung. Denn Schwanitz hat, mit welcher Forschungsmethode auch immer, herausgefunden: »Die Exotik wird zum Ersatz der Liebe.«

Einen »umtriebigen freien Autor« nannte Johann Schmidt seinen ehemaligen Kollegen Schwanitz. Schon Schmidts damaliger Titel »Geschäftsführender Direktor des Englischen Seminars der Universität Hamburg« legt nahe, dass er für Umtriebe wenig Sinn hat - und schon gar nicht, seitdem Schwanitz sich erst aus »technisch-gesundheitlichen Gründen« bei 75 Prozent der Bezüge frühpensionieren ließ und dann umso umtriebiger wurde.

Aber vielleicht trägt Schmidt ihm wie ein anderer Fachbereichskollege nach, dass Schwanitz in seinem Romandebüt »Der Campus« die Hamburger Universität satirisch in Grund und Boden geschrieben habe - eine arge Übertreibung. Und dass er obendrein die 16 Drehbuchfassungen für den Film zum Nestbeschmutzer-Buch von seiner Uni-Sekretärin abtippen ließ - eine ganz und gar nicht verwunderliche Tatsache. Möglicherweise wären die Professoren etwas großzügiger, wenn auch sie mehr als eine Million Bücher verkauft hätten.

»Professoren motivieren sich über die Reputation«, hat Professor Schwanitz mal gesagt und auf jeden Fall sich selbst damit gemeint. Aber Reputation für was und bei wem? Am besten, muss er beschlossen haben, für alles und bei allen. Also zieht er in unermüdlichem Eifer durch die Talkshows: Bei Sabine Christiansen war er, bei der N-3-Runde und bei Pastor Fliege auch. Und er gibt sich in Zeitungsessays als Universalexperte zu erkennen: »Was ist von Preußen geblieben?«, »Die Politik hat abgedankt, die Wirtschaft übernimmt«, »Geld als Währung der Wissenschaft«, »Gottes Fingerzeig« (über die Challenger-Explosion), »Das Erbe von 1968«, »Tricks gegen den Quotenterror«, »Die schöne neue Welt von McWord«. Wo es ein Thema gibt, da liefert Schwanitz den Text.

Als Ritter von McWord hat er sich so zum Experten des Allgemeinwissens hochgeschlaumeiert, denn vor zwei Jahren veröffentlichte er, angeblich als Handreichung für Party-Smalltalk, das Buch »Bildung - Alles was man wissen muss«. Darin fanden zwar noch Gebildetere als der Professor selbst sachliche Fehler. Aber dass die portugiesische Dynastie nicht »Braganzias« heißt, sondern »Braganças«, macht in der Praxis kaum einen Unterschied - die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Name so oder so falsch ausgesprochen wird.

In seinem Männer-Buch charakterisiert Schwanitz den Typus des Intellektuellen und liefert ein verräterisches Selbstporträt: Der Intellektuelle kann über alles debattieren, am liebsten auf der »Bühne der Öffentlichkeit«. Aber wenn der Wasserhahn kaputt ist - oder der Kühlschrank seine Tür missmutig hängen lässt -, dann muss der Intellektuelle sich unbedingt um wichtigere, um größere Dinge kümmern. Die Ehefrau des Intellektuellen aber, schreibt Schwanitz, werde »nach und nach seine Größenphantasien durchschauen« und ihn dafür verachten.

Oder vielleicht auch nur verreisen und ihn mit dem Haushalt allein zurücklassen. MARIANNE WELLERSHOFF

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