Berufseinstieg als Gebärdensprachdolmetscherin »Manche halten uns für kommunikations­unfähige Analphabeten – das ist völliger Quatsch«

Corinna Brenner übersetzt Reden und Dokumentationen für taube Menschen. Sie selbst kann auch nicht hören – ein enormer Vorteil in einem Job, zu dem sie erst über Umwege kam.
Aufgezeichnet von Katharina Hölter
Corinna Brenner hat die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin gedolmetscht

Corinna Brenner hat die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin gedolmetscht

Foto: yomma

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Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Corinna Brenner, 36, arbeitet als Gebärdensprachdolmetscherin bei einem Übersetzungsdienstleister. Weil sie selbst taub ist, haben wir das Interview schriftlich geführt.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Zur Serie

»Um tauben Kinder ein Vorbild zu sein und sie zu unterstützen, wollte ich zuerst Lehrerin werden. Nur wenige Förderschulen bieten überhaupt Gebärdensprache an. Als von Geburt an taube Person mit tauben Eltern habe ich sie von klein auf beherrscht. Damit gehöre ich einer Minderheit an, denn nur zehn Prozent  aller nicht hörenden Menschen haben auch nicht hörende Eltern. Das wollte ich mit den Kindern teilen – und ihnen zeigen: Ihr könnt alles erreichen.

Leider merkte ich im Lehramtsstudium, dass der Beruf nichts für mich ist. Ich bezweifelte, Kinder so lange bei Laune halten zu können. Deshalb wechselte ich zu Psychologie. Dort stieß ich auf enorme Barrieren: Von 20 Vorlesungsstunden pro Woche fand ich nur für vier Gebärdensprachdolmetschende. Ich brach das Studium ab.

Der Vorteil als Muttersprachlerin

Zu meinem jetzigen Beruf kam ich durch Zufall. Nach dem Abbruch übernahm ich kleine Übersetzungsarbeiten – zum Beispiel übersetzte ich einen Dokumentarfilm in deutsche Gebärdensprache. Die Arbeit faszinierte mich. Ich entdeckte ein Angebot der Universität Hamburg: ein zweijähriges weiterbildendes Studium zur staatlich geprüften Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache und Schriftdeutsch. Obwohl ich noch keinen anderen Studienabschluss hatte, bewarb ich mich – und wurde angenommen.

»Ich erkenne hörende Gebärdensprachdolmetscher:innen oft schnell an ihrem Akzent.«

In Deutschland gibt es nur etwa 30 taube Gebärdensprachdolmetschende . Als sozusagen Muttersprachlerin habe ich einen großen Vorteil. Die meisten hörenden Gebärdensprachdolmetscher:innen erwerben die Sprache erst im Studium. Das heißt, sie können gar nicht so viel Erfahrung damit haben. Ich erkenne hörende Gebärdensprachdolmetscher:innen oft schnell an ihrem Akzent – zum Beispiel an Handbewegungen, die nicht ganz richtig ausgeführt werden.

Nach dem Studium arbeitete ich zunächst freiberuflich. Für meinen jetzigen Arbeitgeber dolmetschte ich damals etwa Bundestagssitzungen – fünf Stunden im Wechsel mit einem erfahreneren Kollegen. Wir verfolgten die Debatte über den Livestream und übersetzten dessen Untertitel in Gebärdensprache. Die Videos  gab es dann auf der Website des Bundestags zu sehen. Es fühlte sich wie ein Sprung in den Arktischen Ozean an, aber ich muss es wohl gut hinbekommen haben. Nach nur wenigen Wochen bekam ich die Festanstellung.

Dolmetscherin der Bundeskanzlerin

Mittlerweile übersetze ich vor allem Texte in Gebärdensprachvideos. Viele Menschen in der tauben Community haben in der Schule keine Schriftsprache gelernt  und können deshalb nicht lesen. Manchmal erhalten wir Aufträge von Museen, ich habe schon Texte zur Barockzeit oder zur Geologie des Toten Meeres übersetzt. Die meisten Aufträge kommen aber von Bundesbehörden – zum Beispiel vom Innenministerium oder der Bundeskanzlerin. Auch ihre Neujahrsansprache  habe ich übersetzt, darauf bin ich besonders stolz.

Der Ablauf ist immer gleich: Wenn ich mich in das Thema eingearbeitet und die Texte analysiert habe, ziehe ich eine schwarze, gebärdensprach- und kamerafreundliche Bluse an und gehe ins Filmstudio. Der Text läuft über den Teleprompter und ich übersetze. Meist wiederhole ich die Aufnahme mehrmals – es dauert, bis ich zufrieden bin. Dann geht der Film in die Filmkontrolle, gegebenenfalls muss ich einzelne Abschnitte wiederholen. Für eine 35-Stunden-Woche bekomme ich gut 3000 Euro brutto im Monat.

Mich vor die Kamera zu stellen, fiel mir anfangs schwer. Ich bin überhaupt keine Rampensau und halte mich lieber im Hintergrund. Gerade am Anfang musste ich mich auch oft mit Kolleg:innen über knifflige Stellen in der Übersetzung austauschen. Wie bei allen Sprachen gibt es für bestimmte Begriffe oder Formulierungen keine Eins-zu-eins-Übersetzung in Gebärdensprache. Die Redewendung ›Das ist ein alter Hut‹ gebärde ich übersetzt so: ›Das ist eine alte Suppe‹. Auch für den Begriff ›Inzidenz‹ gab es zu Beginn der Pandemie noch keine feste Übersetzung. Also musste ich ihn zunächst jedes Mal umschreiben: ›Innerhalb von sieben Tagen gab es so und so viele Neuinfektionen bei 100.000 Einwohner:innen.‹

Als Community sichtbar werden

Inzwischen kennen mich viele taube Menschen aus ganz Deutschland, ich bekomme positives Feedback und Freundschaftsanfragen in sozialen Netzwerken. Gleichzeitig macht es mich traurig, dass sich viele Hörende immer noch nicht vorstellen können, dass es taube Dolmetschende gibt. Manche halten uns für kommunikationsunfähige Analphabeten. Was natürlich völliger Quatsch ist.

Unsere Community kämpft immer noch mit zahlreichen Benachteiligungen. Ein paar Beispiele: Es gibt nur eine Handvoll Pädagog:innen mit Gebärdensprachkompetenz in Deutschland. Es gibt keine:n taube:n Spitzenpolitiker:in. Und nur etwa 800 Gebärdensprachdolmetscher:innen für etwa 200.000 Hörbehinderte.

Ich kämpfe dafür, dass sich das ändert. Neben der Arbeit studiere ich an der Humboldt Universität zu Berlin Deaf Studies, also die Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft. Wenn ich damit fertig bin, werde ich mich noch mehr als Aktivistin engagieren – und Hörende über unsere Welt und Kultur aufklären.«

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