Raus aus der EU, raus aus Erasmus Kann ich trotz Brexit noch in Großbritannien studieren?

Aus aller Welt kommen Menschen ins Vereinigte Königreich, um zu studieren. Für EU-Bürger wird das künftig komplizierter und vor allem teurer. Doch noch gibt es eine letzte Chance.
Ein Auslandssemester in Oxford – für viele Studierende ein Traum. Doch der Brexit erschwert das Studium in Großbritannien.

Ein Auslandssemester in Oxford – für viele Studierende ein Traum. Doch der Brexit erschwert das Studium in Großbritannien.

Foto: Nikada / E+ / Getty Images

Der Brexit hat das Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union auch auf akademischer Ebene durchgeschüttelt. Eine der entscheidendsten Veränderungen: Die Briten sind aus dem Erasmus+-Programm ausgestiegen – obwohl Boris Johnson im vergangenen Jahr noch das Gegenteil versprochen hatte .

»Das war für viele hier ein Schock«, sagt Ruth Krahe, Leiterin der DAAD-Außenstelle in London. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) koordiniert in Deutschland das Erasmus+-Programm, das Studierenden Auslandssemester an europäischen Hochschulen ermöglicht, ohne Studiengebühren und mit finanzieller Unterstützung.

Doch haben Studierende nun überhaupt keine Chance mehr auf ein Semester auf den Inseln? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Kann ich trotz Brexit noch ein Erasmus-Semester im Vereinigten Königreich machen?

Mit dem Ausstieg aus der Europäischen Union verlässt das Vereinigte Königreich auch das Erasmus+-Programm – so steht es im Partnerschaftsvertrag, der am 1. Januar 2021 vorläufig in Kraft getreten ist. Erasmus-Aufenthalte in England, Schottland, Wales und Nordirland werden für Studierende aus Deutschland und anderen EU-Ländern also künftig nicht mehr möglich sein.

»Das heißt aber nicht, dass von heute auf morgen alle Erasmus-Studierenden von britischen Hochschulen verschwinden«, sagt Krahe. Laufende Projekte etwa werden zu Ende geführt .

In vielen Fällen könne es sogar jetzt noch möglich sein, sich einen Aufenthalt im Vereinigten Königreich zu sichern, erklärt Krahe. Wegen Corona seien die Erasmus-Mittel nicht an allen Unis ausgeschöpft worden. Mit diesen Restmitteln könnten auch noch Aufenthalte im Vereinigten Königreich finanziert werden. »Das müssen Studierende aber direkt mit ihrer Universität klären.« Der Aufenthalt müsste zudem vor dem 31. März 2023  stattfinden – dann endet nämlich die wegen Corona verlängerte Projektphase.

Darf ich als deutscher Staatsbürger überhaupt noch an einer Universität im Vereinigten Königreich studieren? 

Ja – aber das wird teuer. Schon immer habe es neben Erasmus-Studierenden auch deutsche Selbstzahler gegeben, die sich regulär an britischen Universitäten einschrieben, sagt Krahe, sei es für ein komplettes Studium oder auch nur ein einzelnes Semester.

Vor dem Brexit zahlten EU-Bürger in England, Schottland, Wales und Nordirland die sogenannten home fees, also die gleichen Studiengebühren wie Studierende aus diesen Ländern. In Schottland bedeutete das für Bachelor-Studiengänge sogar gar keine Gebühren. Ab dem kommenden akademischen Jahr, das im Vereinigten Königreich im September beginnt, gelten für Studierende aus der EU jedoch die gleichen Bedingungen  wie für andere internationale Studierende: Sie zahlen nun die overseas fees, die in der Regel mindestens doppelt so hoch ausfallen.

»Da ist natürlich die Frage, wer sich das noch leisten kann.«

Ruth Krahe, DAAD

Zur Veranschaulichung: Ein Bachelor in Politik an der University of Manchester  kostet für heimische Studierende umgerechnet 10.200 Euro im Jahr, internationale zahlen 27.600 Euro. Gerade in naturwissenschaftlichen Fächern können die Gebühren noch stärker steigen: An der University of Cambridge  kostet ein Psychologie- oder Chemiestudium für Nichtbriten 37.400 Euro jährlich.

Krahe geht davon aus, dass Studierende, die weniger als ein Jahr bleiben, die Hälfte dieser Gebühren zahlen müssen – was immer noch ein fünfstelliger Betrag wäre. »Da ist natürlich die Frage, wer sich das noch leisten kann.« Auch die Möglichkeit, ein staatliches Darlehen für die Studiengebühren zu erhalten, fällt für EU-Bürgerinnen nun weg 

Können sich in Zukunft also nur noch Reiche ein Studium im Vereinigten Königreich leisten?

Ganz so schlimm ist es wohl nicht, beruhigt Krahe. Auch vonseiten der britischen Unis bestehe schließlich ein Interesse, dass weiterhin Studierende aus der Europäischen Union kämen. Sie rechnet damit, dass die Hochschulen ihr Angebot für internationale Studierende ausweiten und vermehrt Stipendien anbieten. »Klar ist aber auch: Das wird nicht für die Tausenden Studierenden reichen, die sonst Erasmus gemacht hätten.« Von diesen Angeboten werden ihrer Einschätzung nach vor allem Einzelne profitieren, die sich früh kümmern und sehr gute Leistungen haben.

Außerdem setzt Krahe darauf, dass deutsche Universitäten Verbindungen nutzen, die sie bereits durch Erasmus oder andere Kooperationen mit britischen Universitäten haben: Den Hochschulen stehe es frei, untereinander Abkommen zu treffen und Studierenden beispielsweise gegenseitig die Gebühren zu erlassen. 

Was passiert mit deutschen Studierenden, die jetzt schon in Großbritannien studieren?

Die dürfen ihr Studium zu den Konditionen beenden, zu denen sie es begonnen haben – haben also weiterhin Anspruch auf ermäßigte Studiengebühren  und die finanzielle Unterstützung , die sie zuvor erhalten haben. Sie müssen lediglich bis zum 30. Juni einen Settled - oder  Pre-settled -Aufenthaltsstatus  beantragen.

Werden Studienleistungen, die ich im Vereinigten Königreich erworben habe, in Deutschland noch anerkannt?

Ja, daran ändert sich nichts . Das Vereinigte Königreich bleibt trotz Brexit Teil des Europäischen Hochschulraums, der durch die Bologna-Reform begründet wurde. Studienleistungen und Abschlüsse können also wie zuvor untereinander anerkannt werden.

Brauche ich für ein Studium in England oder Schottland jetzt ein Visum?

Das kommt auf die Länge des Aufenthalts an.

Wer weniger als sechs Monate an einer britischen Hochschule studiert, braucht auch in Zukunft kein Visum . »Diese Regelung ist eine enorme Erleichterung für Studierende«, sagt Krahe. Allerdings sei der Aufenthaltszweck in dieser Zeit klar begrenzt, arbeiten dürfe man nicht. »Studierende haben also keine Möglichkeit, einen Teil der Kosten reinzuholen, indem sie etwa in einem Restaurant jobben.«

»Behörden und Universitäten haben lange Erfahrung mit internationalen Studierenden.«

Ruth Krahe, DAAD

Wer für mehrere Semester oder ein ganzes Studium bleiben will, muss seit dem 1. Januar 2021 ein Studierendenvisum  beantragen. Um eine solche Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, muss man eine Zusage für einen Studienplatz einreichen und nachweisen, dass ausreichende finanzielle Mittel für den Aufenthalt sowie gute Englischkenntnisse vorhanden sind. Der Visumsantrag kann online ausgefüllt werden und kostet 385 Euro.

Wer ein Visum hat, muss zudem eine immigration health surcharge  für den Zugang zum NHS, dem öffentlichen Gesundheitsdienst, zahlen. Für Studierende beträgt die Gebühr 520 Euro jährlich.

Aber immerhin: Die bürokratischen Prozesse für internationale Studierende würden im Vereinigten Königreich ziemlich zuverlässig laufen, sagt Krahe. »Da Großbritannien schon immer ein beliebter Standort für Studierende aus aller Welt war, haben die Behörden und Universitäten damit lange Erfahrung.«

Was muss ich in Zukunft noch beachten?

In der Zeit nach dem Brexit stehe vor allem ein Umdenken an, sagt Krahe. »Wir sind es – überspitzt gesagt – gewohnt, uns am Freitagabend zu entscheiden, dass wir am Montag nach England fliegen und da ein Praktikum machen.« Mit den neuen Regeln brauche man auf jeden Fall mehr Planungszeit. 

Außerdem müssten Studierende begreifen, dass die Aufenthaltsbedingungen unbedingt ernst genommen werden müssten. Wer zum Beispiel ohne das passende Visum arbeite, könne seine Aufenthaltsgenehmigung ganz schnell verlieren. Das Vereinigte Königreich sei da nicht weniger streng als beispielsweise die USA, sagt Krahe.

Trotz des höheren Organisationsaufwands ist Krahe aber optimistisch: »Das sollte jeder Student hinbekommen.«

Was ist mit Studierenden aus England, Schottland, Wales oder Nordirland, die in Zukunft ein Auslandssemester machen möchten?

Für die hat Boris Johnson einen neuen Plan: Das sogenannte Turing-Programm  soll jährlich etwa 35.000 Studierenden aus dem Vereinigten Königreich Auslandsaufenthalte ermöglichen, nicht nur in der EU, sondern an Universitäten weltweit. Dafür hat die Regierung bereits 100 Millionen Pfund zur Verfügung gestellt. Eine Ausnahme gibt es zudem für nordirische Studierende: Sie können das Erasmus-Programm weiterhin nutzen .

Ausländische Studierende, die ins Vereinigte Königreich kommen, profitieren jedoch von beiden Regelungen nicht.

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