Auslandssemester trotz Corona Erasmus - muss das sein?

Darf man studieren, wo andere den Ausnahmezustand erleben? Die Corona-Pandemie stellt auch die Erasmus-Pläne vieler Studierender auf den Kopf. Drei erzählen, warum sie trotzdem gefahren sind - oder noch abwarten.
Erasmus während der Corona-Pandemie - machen oder lassen?

Erasmus während der Corona-Pandemie - machen oder lassen?

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Drazen Zigic / iStockphoto / Getty Images

Sie wollten ein Semester im Ausland verbringen, neue Freunde kennenlernen und den Lebenslauf aufbessern. Doch die Corona-Pandemie hat die Pläne vieler Studierender in ganz Europa durcheinandergewirbelt. Soll man noch ins Ausland reisen, wenn Mediziner bereits vor der zweite Welle warnen? Und ergibt das Erasmus-Semester in dieser Zeit überhaupt noch Sinn?

Drei Studierende erzählen, wie sie sich entschieden haben und wie sie den Uni-Alltag derzeit erleben.

Ann-Kathrin, 23, studiert Geografie in Stockholm

Ann-Kathrin ist trotz Corona-Pandemie nach Schweden gereist, um dort "Polar Landscapes and Quaternary Climate" zu studieren. Bislang hat sie es nicht bereut.

Ann-Kathrin ist trotz Corona-Pandemie nach Schweden gereist, um dort "Polar Landscapes and Quaternary Climate" zu studieren. Bislang hat sie es nicht bereut.

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"Ich bin jetzt seit gut fünf Wochen hier, die Uni hat schon angefangen. Ich habe natürlich viel darüber nachgedacht, ob ich in dieser Zeit nach Schweden reisen kann. In den deutschen Medien wird das Land ja oft als abschreckendes Beispiel genannt. Auch an meiner Heimatuni war lange Zeit unklar, ob wir überhaupt ins Ausland können. Irgendwann hieß es aber, dass die Gasthochschulen selbst entscheiden dürfen. Als dann bekannt wurde, dass in Stockholm vieles ganz normal stattfindet, war meine Entscheidung klar. 

Im Geografiestudium ist es wichtig, auch ins Ausland zu kommen. Und ehrlich gesagt denke ich oft, dass Schweden derzeit der beste Ort für Erasmus ist. Die Menschen hier achten auf den Abstand zueinander und desinfizieren sich die Hände. Es ist nicht so, dass alle rücksichtslos sind. Aber der Alltag geht eben trotz Corona so gut wie möglich weiter. Die U-Bahn meide ich allerdings lieber. Obwohl sie deutlich leerer sein soll als sonst, wird sie immer noch von sehr vielen Menschen genutzt.

"Ehrlich gesagt denke ich oft, dass Schweden derzeit der beste Ort für Erasmus ist."

Ann-Kathrin

Ich belege hier das Masterprogramm Polar Landscapes and Quaternary Climate. Bis Ende Oktober finden die meisten Kurse erst einmal digital statt, danach sollen wir an die Uni zurück. Außerhalb der Vorlesungen sehe ich schon jetzt regelmäßig meine Kommilitonen. Kürzlich waren wir für eine Exkursion gemeinsam im Moor. Es gibt viele Erasmus-Aktivitäten und -Angebote, ich mache Yoga und Fitness beim Unisport. In Deutschland war das im vergangenen Semester noch undenkbar.

In meinem Wohnheim sind mehrere Zimmer leer geblieben, weil Studierende nicht nach Schweden konnten oder wollten. Trotzdem ist die Stimmung gut. Viele internationale Studierende sind schon länger hier und machen ihren gesamten Master in Schweden. Wir unternehmen gemeinsam Ausflüge, erkunden die Stadt oder treffen uns auf einen Kaffee. Die Natur hier ist wunderschön, deshalb hoffe ich, dass wir auch in den kommenden Monaten raus können. Wir waren schon ein paarmal campen und wandern, das hilft, den Alltag zu vergessen.

Meine größte Sorge ist gerade, ob wir an Weihnachten nach Hause reisen und dann wieder zurück dürfen. Wir schauen regelmäßig, wie sich die Fallzahlen in Stockholm entwickeln. Hoffentlich wird alles gut - ich habe gerade für ein zweites Semester verlängert."

Chiara, 22, studiert Wirtschaftswissenschaften - in Stuttgart statt in Paris

Chiara hätte gern in Paris ihr Französisch verbessert und wieder richtige Unikurse besucht. Doch daraus wird vermutlich nichts.

Chiara hätte gern in Paris ihr Französisch verbessert und wieder richtige Unikurse besucht. Doch daraus wird vermutlich nichts.

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"Ich sollte eigentlich jetzt schon in Paris sein. Ursprünglich wollte ich dort ein Semester lang Business Administration studieren. Doch wenige Tage vor meiner Abreise wurde die Region zum Risikogebiet erklärt. Deshalb sitze ich weiterhin in Stuttgart und warte hier auf den Start des Wintersemesters. Ich habe zusammen mit einer Kommilitonin beantragt, dass wir unser Erasmus-Semester auf das kommende Frühjahr verschieben können. Das ist noch nicht ganz durch. Unsere Gasthochschule in Frankreich will erst einmal keine ausländischen Studierenden mehr aufnehmen. 

Zur Zeit kann niemand sagen, wie es weitergeht. Wegen Corona ist vieles komplizierter als sonst. Alles dauert länger. Oft wissen die Verantwortlichen an der Uni selbst nicht, wie der aktuelle Stand ist. Ich habe mich sehr auf die Zeit in Paris gefreut, weil ich dort endlich wieder richtige Vorlesungen besuchen wollte. Außerdem hätte ich gern an meinem Französisch gefeilt und neue Leute kennengelernt. 

"Meine Familie ist der Meinung, dass ich es lassen sollte."

Chiara

Das vergangene halbe Jahr war für mich sehr anstrengend. Ich finde es schwierig, wenn man die Vorlesungen nur am Bildschirm erlebt und sich drum herum auch nicht wie gewohnt austauschen kann. Im Wirtschaftsstudium gibt es ohnehin schon viel Theorie. Gruppenarbeiten, Fallstudien und Vorträge wären deshalb eine schöne Abwechslung gewesen.

Ich hatte mir die Gasthochschule bewusst ausgesucht, weil sie kleiner ist und gute Kurse anbietet. Durch die aktuelle Situation weiß ich aber nicht, ob ich im kommenden Jahr noch einmal Zeit für einen Erasmus-Aufenthalt haben werden. Die Semester enden in Frankreich ganz anders. Wenn ich zum Sommersemester noch hinfahre, müsste ich dafür wahrscheinlich in kurzer Zeit sehr viele Klausuren absolvieren und hätte keine wirklichen Semesterferien. Meine Familie ist der Meinung, dass ich es lassen sollte. Sie verstehen aber auch, wie sehr ich mich auf mein Auslandssemester gefreut habe und dass ich deshalb immer noch hoffe."

Raphael, 21, studiert Politik und Rhetorik in Bologna

Raphael ist für ein Semester nach Bologna gereist, um dort Politik und Rhetorik zu studieren.

Raphael ist für ein Semester nach Bologna gereist, um dort Politik und Rhetorik zu studieren.

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"Als ich im Februar die Zusage für mein Erasmus-Semester bekam, spielte Corona in meinem Alltag noch keine Rolle. In den vergangenen Monaten habe ich natürlich oft geschaut, ob es noch klappt. Aber mein Bachelorstudium in Tübingen hat einen klaren Plan - wenn ich noch ins Ausland möchte, muss ich es jetzt machen. 

Bologna ist als italienische Stadt natürlich noch einmal besonders betroffen. Zum Glück war die Pandemie hier nicht ganz so schlimm wie in Bergamo, Mailand oder Turin. Im Kopf sage ich mir immer, dass Bologna nicht mehr zu Norditalien gehört, auch wenn das natürlich nicht ganz stimmt. Ich war schon Anfang September hier, um meine Immatrikulation zu organisieren, ein Zimmer zu suchen und mir alles anzuschauen. Erasmus bedeutet viel Bürokratie.

Aber die Uni hier ist sehr gut vorbereitet. Mein Italienischkurs findet am Campus statt, die übrigen Veranstaltungen wurden aufgeteilt, die meisten besuche ich online. Für mich wäre es natürlich spannender, öfter im Hörsaal zu sitzen. Die Gebäude sind hier sehr alt und schön. Andererseits sehe ich auch die Vorteile von digitalen Vorlesungen und asynchronem Lernen: Wenn ich im Onlinekurs eine Frage habe, muss ich nicht vor 400 Kommilitonen aufstehen, sondern schreibe sie einfach in den Chat. Während der kurzen Erasmus-Zeit kann das auch ein Vorteil sein.

"Einer meiner Professoren in Tübingen hat mir kürzlich gratuliert. Er sagte, dass er mich beneide."

Raphael

Die Vormittage verbringe ich in der Regel am Laptop in meiner WG. Nachmittags erledige ich ein paar Aufgaben und bin dann meist voll in der Erasmus-Bubble. Ich versuche, möglichst wenig Deutsch zu sprechen. Meine Bekannten hier kommen aus Frankreich, Spanien oder Tschechien. Wir machen gemeinsame Ausflüge, reden viel über Corona und unsere unterschiedlichen Erfahrungen damit. 

Manche Corona-Regeln in Italien sind etwas komisch. In den Kneipen darf abends nicht getanzt werden, trotzdem blinkt überall das Licht, die Musik ist oft extrem laut. Dadurch kommen natürlich alle näher zusammen und schreien sich fast schon an. Tagsüber werden die Regeln dagegen sehr ernst genommen. Wer auf der Straße keine Maske trägt, wird schon mal von Fremden ermahnt, auch wenn die Maskenpflicht erst ab 18 Uhr gilt.

Ich genieße, dass es in Bologna gerade noch so warm ist und man lange draußen sein kann. Viele meiner Kommilitonen haben ihren Aufenthalt verschoben und bleiben deshalb über den Winter in Deutschland. Einer meiner Professoren in Tübingen hat mir kürzlich gratuliert. Er sagte, dass er mich beneide."

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