Jeannine Budelmann

Onboarding selbst übernehmen Ich wär dann mal da

Jeannine Budelmann
Eine Kolumne von Jeannine Budelmann
Eigentlich sollte der Arbeitgeber neue Mitarbeiter einführen. Verlassen kann man sich darauf nicht – vor allem im Homeoffice. Diese Tipps helfen, am ersten Arbeitstag selbst aktiv zu werden.
Wenn der Arbeitgeber sich nicht ums Onboarding kümmert, muss man selbst nach Anschluss suchen (Symbolbild)

Wenn der Arbeitgeber sich nicht ums Onboarding kümmert, muss man selbst nach Anschluss suchen (Symbolbild)

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Willie B. Thomas / Digital Vision / Getty Images

Mein erster richtiger Arbeitstag nach dem Studium endete mit Tränen. Morgens war ich noch voller Motivation gewesen. Doch als ich im Büro ankam, war mein Chef nicht da. Schlimmer noch: Niemand aus dem Team wusste, dass ich kommen würde.

Die Kolleg:innen gaben sich jede Mühe, organisierten mir einen Computer und führten mich herum. Doch die ersten Arbeitstage verbrachte ich damit, mein E-Mail-Programm einzurichten und irgendwelche Dateien zu öffnen und wieder zu schließen. Nach einer Woche schaute der Chef zum ersten Mal vorbei. Er nannte ein paar Aufgaben, wann und wie ich die bearbeitete, schien ihm allerdings egal. Meine Motivation für den Job war weg, nach gerade mal einer Arbeitswoche.

Das Onboarding zu gestalten, ist eigentlich Aufgabe des Unternehmens. Leider gelingt das nicht immer.

Die ersten Tage im Unternehmen dienen dazu, neue Mitarbeiter:innen in ihre Aufgabenbereiche einzuführen. Außerdem sollten sie die Möglichkeit bekommen, das Unternehmen, seine organisatorische Struktur und die Menschen dort kennenzulernen. Dieses sogenannte Onboarding zu gestalten ist eigentlich Aufgabe des Unternehmens. Doch leider gelingt das nicht immer. Gerade im Homeoffice ist die Gefahr groß, vergessen zu werden.

Onboarding – die Kolumne zum Berufseinstieg

Aller Anfang ist schwer. Das gilt für Beziehungen, Umzüge und natürlich auch den Berufseinstieg. Wie etabliere ich mich im Team, ohne mich selbst aufzugeben? Wie beweise ich, was ich draufhabe, ohne die Ellenbogen auszufahren? Und ab wann kann ich eigentlich ein Sabbatical verlangen?

Über diese und ähnliche Themen schreibt in dieser Kolumne Jeannine Budelmann, Jahrgang 1986. Sie ist kaufmännische Geschäftsführerin von HANZA Tech, einem Unternehmen, das industrielle Elektronik entwickelt und herstellt. Außerdem berät sie als Coachin bei Problemen im Berufsleben.

Es gibt bewährte Maßnahmen, auf die Personaler:innen beim Onboarding zurückgreifen. Das Gute: Ein paar davon kann man im Notfall selbst anwenden – und so verhindern, dass die ersten Tage wie bei mir damals zum Motivationskiller werden.

Vor dem ersten Arbeitstag

Wenn sich in der Woche vor Arbeitsbeginn noch niemand aus dem Unternehmen gemeldet hat, ist es legitim, dort anzurufen. Es kommt sogar gut an, wenn neue Mitarbeiter:innen auf diesem Weg signalisieren, dass sie bald anfangen und sich auf die Zusammenarbeit freuen. Und im Zweifel werden die verantwortlichen Personen so daran erinnert, dass in Kürze der oder die Neue kommt.

Bei einem solchen Anruf können Sie sich auch erkundigen, ob es ein Mitarbeiter:innenhandbuch oder einen Einarbeitungsplan gibt, mit dem Sie sich auf die kommenden Tage vorbereiten können. Oder einfach, ob es noch etwas gibt, woran Sie denken sollten, wenn Sie am ersten Tag im Betrieb erscheinen.

Damit haben Sie getan, was in Ihrer Macht steht, um zu verhindern, dass Ihr erster Arbeitstag versehentlich vergessen wird.

In der ersten Arbeitswoche

Wenn Sie in den ersten Tagen das Gefühl haben, allein gelassen zu werden, fragen Sie Ihre Kolleg:innen oder Vorgesetzten nach folgenden Dingen:

  • Führung durchs Unternehmen: Sofern es die Coronasituation erlaubt, sollten Sie sich unbedingt das Firmengebäude zeigen lassen. Bei einer solchen Führung bekommt man einen Überblick über das Unternehmen und die Zusammenhänge zwischen den Abteilungen. Bestenfalls lernt man auch Menschen in Schlüsselpositionen kennen. Die etwas entspanntere Variante ist, sich zunächst einmal die Kantine zeigen zu lassen.

  • Ansprechpartner:innen: Viele Unternehmen haben ein Pat:innensystem etabliert. Hier kümmert sich eine erfahrene Person um einen oder mehrere neue Mitarbeiter:innen, sie ist die erste Anlaufstelle für große wie kleine Fragen. Doch was, wenn es eine solche Person nicht gibt? Dann suchen Sie sich eine nette Person aus und fragen sie, ob Sie sie regelmäßig mit Fragen löchern dürfen! Das kann die Kollegin im selben Büro sein – oder der Kollege, der morgens in der Videokonferenz immer besonders aufgeschlossen wirkt.

Nach zwei oder drei Wochen

  • Feedbackgespräch einfordern: Gerade, wenn Ihnen niemand klare Aufgaben gibt, kann ein Gespräch mit den Vorgesetzten hilfreich sein. Es sollte möglichst früh stattfinden, damit sich nicht zu viel Untätigkeit oder Unproduktivität aufstaut. Auch wenn es Überwindung kosten kann, um ein solches Gespräch zu bitten: Es lohnt sich. Formulieren Sie eine kurze Nachricht an die Person, die für Sie verantwortlich ist: »Hätten Sie in den nächsten Tagen einmal ein paar Minuten für mich? Ich würde gern mit Ihnen darüber sprechen, wie Sie meine Arbeit einschätzen und was ich noch besser machen könnte.« So signalisieren Sie, dass sie ein konstruktives Gespräch suchen.

  • Die eigene Situation schildern: Im Gespräch selbst ist es wichtig, Ich-Botschaften zu senden. Also nicht zu sagen: »Sie geben mir keine Aufgaben und deswegen hänge ich den halben Tag ineffizient in meinem Büro herum.« Sondern: »Ich hatte nun drei Wochen Zeit, mich einzuleben und habe das Gefühl, die Strukturen und Menschen mittlerweile ganz gut zu kennen. Jetzt würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mir eine Aufgabe geben könnten, damit ich mich mit meiner Arbeitsleistung ins Team einbringen kann.« Vielleicht haben Sie sogar schon Aufgaben identifiziert, die aus Ihrer Sicht wichtig sind, aber aktuell nicht bearbeitet werden und können diese proaktiv vorschlagen. Damit können Sie ziemlich sicher punkten.

Wer sich zu Beginn nicht für seine Mitarbeiter:innen interessiert, tut das später wahrscheinlich auch später nicht.

Natürlich gibt es auch Zeiten, in denen in einem Unternehmen ein besonderer Druck herrscht, etwa, weil gerade eine große Messe bevorsteht oder ein wichtiger Auftrag zeitnah abgeschlossen werden muss. Da kann es vorkommen, dass das Onboarding neuer Mitarbeiter:innen vorübergehend in den Hintergrund rückt. Das darf aber nicht der Normalzustand werden.

Wenn sich trotz Ihrer Bemühungen nach den ersten drei Wochen nichts bewegt, sollten die Alarmglocken läuten. Wer sich zu Beginn nicht für seine Mitarbeiter:innen interessiert, tut das wahrscheinlich auch später nicht. Im Zweifelsfall sollte man dann lieber früher als später die Reißleine ziehen – und sich nach einem neuen Arbeitgeber umsehen.

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