Familienunternehmen in der Pflegebranche »Wir sind eine aussterbende Spezies«

Aleksandr Vogelsang war 19, als seine Mutter starb und er ihre Pflegeeinrichtung übernahm. Heute macht sein Unternehmen Millionenumsätze, ganz ohne Investor. Wie hat er das geschafft?
Aleksandr Vogelsang: »Hart arbeiten, immer hart arbeiten«

Aleksandr Vogelsang: »Hart arbeiten, immer hart arbeiten«

Foto: Boris Bounine

Manchmal sind Erfolgsgeheimnisse nur wenig geheimnisvoll. Fragt man Aleksandr Vogelsang nach seinem, lächelt er und sagt: »Hart arbeiten, immer hart arbeiten – mit dem Weitblick eines Schachspielers und der Ausdauer eines Marathonläufers.«

Vogelsang, 34, ist geschäftsführender Gesellschafter von Medizin Mobil, einem Anbieter für ambulante Pflege, betreutes Wohnen, stationäre Pflege und Intensivpflege aus Hannover. Das Unternehmen hat mehr als 320 Mitarbeitende und betreut etwa 400 »Kundinnen und Kunden«, wie Vogelsang sie nennt. Die Jüngsten sind kein Jahr alt, die Ältesten über 100.

Hart arbeiten. Im vergangenen Jahr mussten Vogelsang und sein Team das besonders. Im März 2020 hätten sie innerhalb weniger Tage 700 Schutzmasken für Bewohner und Personal nähen müssen, erinnert er sich. Ende 2020 dann begann das Impfchaos: »Eigentlich sollten alle Bewohnerinnen und Bewohner in unseren Pflegeheimen am 3. und 4. Januar geimpft werden, Mitte Februar waren wir dann fertig. Das lief schon alles ziemlich katastrophal. Aber jetzt ist es zum Glück geschafft

Aleksandr Vogelsang klagt nicht darüber, was in den vergangenen 13 Monaten passiert ist und immer noch passiert, was falsch gelaufen ist oder besser hätte laufen können. Vielleicht liegt es daran, dass er schon früh erfahren hat, dass Dinge eben manchmal anders laufen. Eigentlich wollte Vogelsang Arzt werden. Doch als seine Mutter starb, übernahm er die Leitung ihrer Pflegeeinrichtung. Mit gerade mal 19 Jahren.

Die neue Garde

Etwa 30.000 Familienbetriebe stehen jedes Jahr vor einem Generationenwechsel, schätzt das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM) . Künftig werden es wohl noch mehr werden: »In den kommenden Jahren, wenn der große Schwung der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen wird, werden auch die Unternehmensübergaben ansteigen«, sagt die IfM-Mittelstandsforscherin Rosemarie Kay. Daran werde auch Corona nicht viel ändern, mittelfristig zumindest.

Doch der Wechsel läuft selten ohne Konflikte ab. Wenn heute junge Chefs das Ruder übernehmen, dann sind das Digital Natives, aufgewachsen in einem vereinten Europa, mit größerem Bewusstsein für Klima und Umwelt. Sie wollen Traditionsunternehmen nachhaltiger, digitaler und zukunftsfähiger machen. Dazu kommt: In Zeiten der Globalisierung muss sich die junge Garde gegen Konkurrenten aus aller Welt behaupten. Und seit der Coronapandemie auch noch gegen eine neue Wirtschaftskrise.

  • Wie bewältigen junge Firmenchefs diese Herausforderungen?

  • Wie krempeln sie die Betriebe ihrer Eltern um – und zu welchen Schwierigkeiten führt das?

In der Reihe »Die neue Garde« stellt SPIEGEL Start Familienunternehmen vor, in denen jetzt die Jungen dran sind, und sucht Antworten auf diese Fragen.

Sie bauen ebenfalls gerade das Unternehmen Ihrer Eltern um und sind nicht älter als 35? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-start@spiegel.de .

Die Familie kam im Lada nach Deutschland – mit zwei Koffern

Aleksandr Vogelsang war drei Jahre alt, als seine Mutter, eine Ärztin, und sein Vater, ein Ingenieur, mit ihm und seinen zwei älteren Schwestern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland flüchteten. »In einem Lada mit zwei Koffern«, so kennt er die Geschichte. Kurze Zeit blieb die Familie in Marburg, 1994 zog sie weiter nach Hannover. Noch im selben Jahr gründete Vogelsangs Mutter Medizin Mobil, damals als Anbieter für die ambulante Versorgung pflegebedürftiger Menschen . Etwa fünf Mitarbeitende hatte das Unternehmen zu Beginn, Vogelsangs Mutter arbeitete selbst in der Pflege mit. »Es ging für meine Mutter vor allem darum, uns Kinder zu ernähren. Große Visionen, das Unternehmen weiterzuentwickeln, hatte sie anfangs nicht«, sagt Vogelsang. Als er alt genug war, jobbte er neben der Schule als Pflegekraft, später erledigte er auch Hausmeisteraufgaben.

»Es gibt so viele gesichtslose Investoren, die nach wenigen Jahren wieder weg sind – das will ich anders machen und das Lebenswerk meiner Mutter fortführen.«

Aleksandr Vogelsang

Im Jahr 2000 stellten Ärzte bei Vogelsangs Mutter Brustkrebs fest, er war damals 13 Jahre alt. »Das war für uns alle ein Schock. Die Krankheit meiner Mutter überschattete die kommenden Jahre. Spätestens ab 2006 war der Druck da, eine Nachfolge zu organisieren.« Vogelsang stammt aus einer Medizinerfamilie: die Oma Ärztin, die Mutter Ärztin, die Schwestern Ärztinnen – und Sohn Aleksandr? Der kämpfte mit der Gegenwart.

Als seine Mutter am 25. Dezember 2006 starb, war er 19 Jahre alt, hatte gerade sein Abitur gemacht, einen Medizinstudienplatz in Hannover in Aussicht. Trotzdem entschied er sich, Medizin Mobil zu übernehmen. »Meine Mutter hatte sehr viel Herzblut in das Unternehmen gesteckt, das wollte ich weiterführen«. Auch wenn es damals eine »sehr harte Zeit« gewesen sei, habe er in der Übernahme vor allem eine Chance gesehen, sagt Vogelsang heute. »Für mich war es die perfekte Möglichkeit, zwei meiner Leidenschaften – Pflege und Unternehmertum – in unserem Familienunternehmen zu verbinden. Und das schon in so jungen Jahren.« Der Pflegedienst war mittlerweile gewachsen, zwei Pflegeheime waren entstanden; gut 100 Mitarbeitende hatte Medizin Mobil 2006.

Familienunternehmen in der Pflege werden seltener

Der Schritt, den Aleksandr Vogelsang damals gegangen ist, ist in der Pflege selten geworden. Eine Auswertung  der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen aus dem Jahr 2019 zeigt, dass in Deutschland zwischen 2013 und 2018 130 Firmen im Bereich der »medizinischen und pflegerischen Versorgung« von Investoren übernommen wurden; die meisten davon im Bereich »Pflegeheime und Pflegedienste«. Zugenommen haben die Übernahmen vor allem am Ende des Untersuchungszeitraums, im Jahr 2018.

»Familienunternehmen sind in der Pflege mittlerweile eine aussterbende Spezies«, sagt auch Vogelsang. »Es gibt so viele gesichtslose Investoren, die nach wenigen Jahren wieder weg sind – das will ich anders machen und das Lebenswerk meiner Mutter fortführen.«

Also stieg er nach dem Abitur als geschäftsführender Gesellschafter bei Medizin Mobil ein und begann ein BWL-Studium in Hannover. Fortan pendelte er zwischen Pflegeheim und Hochschule. »Das klassische Uni-Leben mit Partys, diese Zeit, sich selbst zu entdecken, die hatte ich nicht.« Stattdessen verkürzte er seinen Bachelor: »Ich musste so schnell wie möglich an die Arbeit – das, was ich morgens in der Uni gelernt hatte, versuchte ich nachmittags anzuwenden.«

In Vogelsangs Erzählungen scheinen die Müdigkeit, die Zweifel und die Überforderung, die man während einer solchen Übernahme erwarten würde, keine Rolle zu spielen. Er wirkt wie ein Musterbeispiel für das, was die Forschung Resilienz nennt: Krisenfestigkeit. Die Fähigkeit, nach Schicksalsschlägen wieder ins Leben zurückzufinden. Sich nicht unterkriegen zu lassen.

Es ist Vogelsangs Credo. 2009, nach seinem Bachelor, wurde er Geschäftsführer bei Medizin Mobil, seinen Master in Public Health machte er berufsbegleitend. Er erweiterte das Angebot von Medizin Mobil um weitere Plätze im betreuten Wohnen, stationäre Pflege und Intensivpflege für Kinder und Erwachsene. Im vergangenen Jahr habe Medizin Mobil knapp 13 Millionen Euro Umsatz gemacht, sagt Vogelsang.

Ausbilden oder akquirieren – das ist Vogelsangs Rezept

Schaut man sich auf einer Deutschlandkarte an, wo in der Pflege Fachkräfte fehlen, dann ist fast alles rot. »Trotzdem haben wir Topleute hier«, sagt Vogelsang. Es ist eine typische Antwort des 34-Jährigen. Er bleibt stets kontrolliert, stets freundlich, scheint immer eine Lösung zu haben. »Es gibt drei Möglichkeiten, Topleute in die Pflege zu bekommen: erstens Ausbildung, zweitens nationale Fachkraftakquise, drittens internationale Fachkraftakquise. Wir machen alles drei.« Seit 2015 habe er rund 150 examinierte Pflegekräfte nach Hannover geholt. Gern würde er auch mehr gute Leute aus dem Ausland dazunehmen, doch das sei schwierig, sagt Vogelsang – trotz des neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes . »Es bringt kaum Erleichterung. Wollen wir Bewerberinnen von außerhalb der EU zu uns holen, ist das noch immer ungemein schwierig: Visa, Sprachtests, all das.«

Dabei soll Medizin Mobil weiter wachsen. Denn erst eine gewisse Größe ermögliche es ihm, etwa eine Qualitätssicherung zu installieren, sagt Vogelsang. Gerade entsteht für zehn Millionen Euro ein drittes Heim im Raum Hannover: knapp 4000 Quadratmeter, 85 Pflegeplätze, 80 Mitarbeitende. Vogelsang ist Architekt, Planer, Stratege. Nebenbei promoviert er an der Medizinischen Hochschule Hannover zu »Interessentenpräferenzen bei der Pflegedienstauswahl« und arbeitet als Dozent. »Die Uni gibt mir den Raum, Dinge analytisch und mit mehr Ruhe zu durchdenken. Die Forschung und Arbeit mit den Studierenden hilft mir, nicht betriebsblind zu werden.« Vor eineinhalb Jahren ist Vogelsang Vater eines Sohnes geworden, gerade erwartet die Familie wieder Nachwuchs. »All das bringt mich runter, entschleunigt mich.«

Ob er Dinge vermisst hat, die viele Menschen in ihren Zwanzigern normalerweise machen, Reisen zum Beispiel? »Nein«, sagt Vogelsang, »ich war nach dem Bachelor und Master jeweils einen Monat unterwegs. Man kann auch für kürzere Zeit an einem Ort bleiben, um die Welt zu entdecken.«

Gefragt nach seinem größten Fehler in all den Jahren, überlegt Vogelsang kurz. Dann sagt er: »Wahrscheinlich, dass wir nicht von Beginn an noch mutiger gewachsen sind.«