Berufseinstieg in der Fischerei »Der Klimawandel bedroht auch die Existenz von uns Fischwirten«

Hunderte Kilo Fisch keschert Niklas Rodrian während der Karpfensaison. Hier erzählt er, wie er sich um Tausende Fische kümmert – und was er beim Anblick der Bilder mit den toten Fischen in der Oder dachte.
Aufgezeichnet von Anne Baum
Fischwirt Niklas Rodrian: »Andere starren auf weiße Bürowände, ich sehe, wie der Nebel über den Teichen schwebt«

Fischwirt Niklas Rodrian: »Andere starren auf weiße Bürowände, ich sehe, wie der Nebel über den Teichen schwebt«

Foto: Robin Härle

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Niklas Rodrian, 24, ist Fischwirt in einem Betrieb mit Karpfenteichen.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Fische faszinieren mich seit meiner Kindheit. Wahrscheinlich, weil sich ihr Leben – anders als bei Hamstern oder Hunden – im Verborgenen abspielt. Mit neun Jahren zog ich mit meiner Mutter für ein Jahr nach Schweden. Dort angelte ich einen Lachs – meinen ersten und bislang einzigen. Er war klein, aber wir grillten ihn. Das Angeln gefiel mir, auch, dass ich dabei draußen sein konnte.

Beruflich etwas mit Fischen zu machen, kam mir aber lange nicht in den Sinn. Stattdessen ging ich auf eine Wirtschaftsschule und machte mein Fachabitur. Weil ich mich nach wie vor für Natur begeisterte, entschloss ich mich anschließend für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr bei der Stadt Erlangen. Zufällig traf ich dort einen Fischwirt. Er erzählte mir von einer freien Ausbildungsstelle in seinem Betrieb, einer Teichwirtschaft, wo Fische gezüchtet, geschlachtet und weiterverarbeitet oder verkauft werden. Ich arbeitete Probe und bekam den Ausbildungsplatz.

Die Ausbildung besteht aus mehrmonatigen Blöcken mit Praxis im Betrieb und Unterricht an der Berufsschule. In der Schule lernten wir etwa, wie man Gewässer gewinnbringend bewirtschaftet oder Krankheiten bei Fischen erkennt. Nach meinem Abschluss wurde ich übernommen. Nun verdiene ich rund 2400 Euro brutto im Monat – das ist als Einstiegsgehalt okay.

Die Arbeit als Fischwirt

Mein Arbeitstag startet derzeit um acht Uhr. Wenn ich draußen auf den Anlagen eingeteilt bin, kümmere ich mich um das Wohlergehen der Karpfen. Die leben in Teichen auf einem insgesamt rund 100 Hektar großen Gebiet. Ich füttere sie, mähe Teichpflanzen mit einer Sense und messe den Sauerstoff in den Teichen. Karpfen mögen warmes Wasser. Aber bei zu warmem Wasser sinkt der Sauerstoffgehalt. Ist er zu niedrig, muss ich schnell reagieren und Sauerstoff in den Teich pumpen. Sonst ersticken die Karpfen.

Karpfen mögen warmes Wasser. Doch ist zu wenig Sauerstoff im Teich, ersticken sie

Karpfen mögen warmes Wasser. Doch ist zu wenig Sauerstoff im Teich, ersticken sie

Foto: Robin Härle

Außerdem ist es mein Job, die Karpfen vor Kormoranen zu beschützen. Diese Wasservögel verspeisen ebenso gerne Karpfen wie ich. Leider sind die Teiche zu groß, um überall Netze auszuspannen. Oft hilft es nur, sie zu vertreiben oder abzuschießen. Und seit ein paar Jahren wird jemand Neues zur Bedrohung: Fischotter sind dabei, sich in Bayern auszubreiten.

Es ist unmöglich, eine Beziehung zu einem einzelnen Karpfen aufzubauen – es sind Tausende. Aber in meinem Ausbildungsbetrieb konnte ich die Zuchtkarpfen irgendwann auseinanderhalten. Neben Karpfen züchten wir auch Kois und Zander. Fische mit besonders schönen Schuppen sind einfacher auseinanderzuhalten, so wie die Kois mit ihren unterschiedlichen blauen Rücken und rötlich-orangenen Bäuchen.

»Ich mag das Abfischen: Dann sehe ich, wofür ich das ganze Jahr gearbeitet habe.«

Die Arbeit auf dem Hof ist oft monotoner als draußen bei den Teichen. Ich arbeite im Schlachthaus, flicke Netze oder helfe beim Räuchern. Zum Glück habe ich dabei nette Kollegen um mich herum.

Start der Karpfensaison

Gerade beginnt die Karpfensaison. Das heißt für mich, dass aus den größeren Teichen sechs bis zehn Tonnen Fische abgefischt werden. Ich keschere die Karpfen aus den Teichen, fülle sie in Behälter und sortiere sie. Dreisömmrige – bei Fischen zählt man Sommer statt Jahre – Karpfen sind schlachtreif, der Rest kommt wieder in die Teiche. Manchmal keschere ich mehrere Hundert Kilo Fisch am Tag, das geht auf die Schultern und den Rücken. Aber ich mag das Abfischen: Dann sehe ich, wofür ich das ganze Jahr gearbeitet habe.

Wie wird man Fischwirt:in?

Fischwirte sind viel draußen – manche von ihnen auch auf hoher See. Die Ausbildung dauert drei Jahre und es gibt zwei verschiedene Spezialisierungen. Bei der Aquakultur und Binnenfischerei betreibt man etwa eigene Teiche, während Fischwirte mit dem Fokus auf der Küstenfischerei und Hochseefischerei«häufig im Meer fischen. Pro Jahr werden rund 200 Fischwirte ausgebildet.

Die Ausbildung ist dual, sie findet also im Betrieb und in der Berufsschule statt. Man braucht keinen besonderen Schulabschluss, aber laut der Bundesagentur für Arbeit  haben die meisten Auszubildenden die Mittlere Reife oder einen Hochschulabschluss. Laut der Jobplattform Gehalt.de  verdienen sie durchschnittlich zwischen 36.304 und 47.768 Euro brutto im Jahr.

Im Schlachthaus riecht es unangenehm fischig, aber man gewöhnt sich daran. Die Fische werden mit Strom in einem Becken betäubt. Man erkennt an den Augen, ob die Betäubung wirkt. Dann schauen die Augen nicht mehr horizontal nach rechts oder links. Erst dann werden sie getötet.

Schlachten gehört zu meiner Arbeit. Als ich vor ein paar Tagen die Fotos von den toten Fischen in der Oder sah, war ich trotzdem traurig. Sie sind sinnlos gestorben. Noch haben die Teiche Zufluss und trocknen nicht aus. Aber der Klimawandel bedroht auch die Existenz von uns Fischwirten – und Biotope. Denn in den Teichen leben auch andere Lebewesen wie Amphibien und Wasserpflanzen.

Ich bin froh, mich für keinen Bürojob entschieden zu haben. Mir gefällt es, draußen zu arbeiten, egal wie schlecht das Wetter ist. Andere starren auf weiße Bürowände, ich sehe, wie der Nebel über den Teichen schwebt und die Sonne aufgeht. In ein paar Jahren möchte ich den Meister machen, dann verdiene ich etwas mehr und könnte irgendwann selbst einen Betrieb führen.

Auch nach dem Feierabend dreht sich bei mir vieles um Fische. Ich habe ein paar eigene kleine Teiche mit Karpfen. Und im Urlaub fahre ich gerne mit Freunden in Angelgebiete – letztens waren wir am Forggensee im Allgäu. Dort gab es schmackhafte Hechte.«

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