Anne Baum

Steinmeier-Vorschlag Ein Pflichtdienst ist das Beste, was uns passieren kann

Anne Baum
Ein Kommentar von Anne Baum
Es lohnt sich, ein Jahr lang der Gesellschaft zu dienen – vor allem für einen selbst. Ich weiß, wovon ich rede.
Junge Menschen kümmern sich im sozialen Dienst etwa um Senior:innen – ein Beitrag für die Gesellschaft oder »Beschäftigungstherapie«?

Junge Menschen kümmern sich im sozialen Dienst etwa um Senior:innen – ein Beitrag für die Gesellschaft oder »Beschäftigungstherapie«?

Foto: Klaus Vedfelt / Getty Images

Wir jungen Menschen sollen für die Gesellschaft ackern, forderte Bundespräsident Steinmeier  in einem Interview. Eine soziale Pflichtzeit könne dabei etwa offener für andere Meinungen machen und anderen Bürgern helfen. Prompt meldete sich als Nächster Bundesjustizminister Marco Buschmann von der FDP und erhitzte die Debatte: Er bezeichnete den Pflichtdienst auf Twitter als Beschäftigungstherapie .

Es mag sein, dass der Pflichtdienst oft mehr Beschäftigungstherapie als Beitrag zur Gesellschaft ist. Doch das ist gar nicht schlimm. Ein sozialer Pflichtdienst ist das beste, was jungen Menschen passieren kann. Nicht aus gesellschaftlichen Gründen, sondern vor allem aus Eigennutz.

Pflege statt Physik

Die ersten Wochen in meinem Freiwilligendienst in einer Lebensgemeinschaft für Menschen mit Behinderung war hart. Vorher saß ich die meiste Zeit am Schreibtisch, lernte für mein Abitur alles vom Ablauf der Fotosynthese bis zur Stochastik. Also Dinge, die ich heute, fast zehn Jahre später, wieder vergessen habe. Dann schälte ich plötzlich Kartoffeln für eine Großfamilie, bespaßte Senior:innen in einer Abendrunde und half bei der Pflege.

Beim ersten Mal fiel es mir schwer, einen fremden Menschen zu waschen. Beim zweiten Mal auch. Aber bald gehörte es zu meinem Tag wie das Kartoffelschälen.

An eine Plattitüde aus meinem Abitur musste ich während meines sozialen Jahres oft denken: »Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir«, schrieb der Philosoph Seneca in einem Brief an einen Schüler. Er regte sich darüber auf, dass die Philosophie sich zu wenig mit echten Problemen beschäftige. Wahrscheinlich brauchte auch er eine Weile, um zu dieser Ansicht zu gelangen.

Ob ich am Ende eine gute Pflegerin auf Zeit war, weiß ich nicht. Der Freiwilligendienst hat vor allem einer Person etwas gebracht: mir. Er härtete mich für meine Zukunft ab und brachte mir viel Respekt ein für Berufe, denen ich später nie wieder so nahe gekommen wäre. Sollte ich mal irgendwann Kinder bekommen oder Verwandte pflegen, können mich sämtliche Ausscheidungen nicht mehr schrecken. Und nebenbei verdiente ich auch das Geld, um mich später am Strand einer thailändischen Küstenstadt von all dem zu erholen.

Doch was bringt es, soziale Dienste zu besingen, wenn am Ende doch immer dieselben sie ergreifen: Diejenigen, die längst mit einem sozialen Beruf liebäugeln oder sich auch vorher schon engagierten. Ein Pflichtdienst dagegen, angehängt an die Schulzeit, ist noch mehr als nur ein Dienst für die Gesellschaft und dem Anhäufen von Lebenserfahrung – er zwingt zu Erfahrungen außerhalb der eigenen Komfortzone. Und entschleunigt, bevor man in den Sog des Arbeitslebens gezogen wird.

Denn Abschlussprüfungen zwingen auch zu Entscheidungen für das Danach. Mit einem Jahr Zwangspause für alle bräuchte sich niemand aus Angst vor der Lücke im Lebenslauf sofort ins Arbeitsleben zu zwingen oder sich vor finanziellen Einbußen fürchten. Auch junge Menschen mit weniger reichen Eltern könnten sich das Orientieren leisten – vorausgesetzt, der Dienst ist fair bezahlt. Denn im Krankenhaus Blutdruck zu messen oder mit Senior:innen einen Sitztanz zu schunkeln, ist auch eine Frage des Geldes.

Eine Pflichtzeit geht nur mit gutem Gehalt – alles andere bedeutet, ohnehin häufig zu schlecht bezahlte junge Menschen auszubeuten.

Aber das ausgerechnet hat Steinmeier bei der ganzen Debatte übergangen. Es ist nett, wenn Politiker:innen Reden schwingen. Doch über eine solche Pflichtzeit zu sinnieren, ohne über Geld zu reden, ist wie den Grill ohne Würstchen oder Auberginen anzuheizen. Eine Pflichtzeit geht nur mit gutem Gehalt – alles andere bedeutet, ohnehin häufig zu schlecht bezahlte junge Menschen auszubeuten. Wenn Geld für einen Tankrabatt da ist oder das 9-Euro-Ticket, dann bitte auch für eine soziale Pflichtzeit – mit Mindestlohn.

Das Geld könnten wir jungen Menschen gut gebrauchen: um zu reisen, es in den Semesterbeitrag zu stecken, zu spenden, oder um es in verrückte Beschäftigungen wie Bungee-Jumping zu investieren. Und davor haben wir noch kurz die Gesellschaft gerettet – zumindest ein bisschen.